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Hintergrund

Vorfreude auf die Ferien? Kenn ich von früher!

Wie, schon Ferienzeit? Zwischen all den Dingen, die noch schnell zu erledigen sind, kommt die Vorfreude oft zu kurz. Dabei ist sie fast so wichtig wie die Reise selbst.

Die Kaugummizeit der Kindheit gibt es nicht mehr. Sie hat sich ausgedehnt, war manchmal zäh und zog sich vor schönen Ereignissen so lange hin, dass sich die Wochen vor den Ferien automatisch mit Vorfreude füllten.

Ein anderes Leben, eines im Ferientakt, warf seine Schatten, ach was, seine Sonnenseiten voraus: Der Strand würde feiner, der Himmel blauer, das Glace besser als anderswo sein; das Paradies warten. In fünf Tagen bin ich da, in vier, nein, in drei. Wenn doch nur die Uhr ihren Job erledigen, die Zeiger voranschreiten, die Ferien beginnen würden. Salzige Sommertage am Strand, zwei oder drei Wochen lang.

Vorfreude konnte ich, wie jedes Kind. Sie wird uns in die Wiege gelegt. Doch sie wandelt sich, wenn das Leben die Daumenschrauben etwas anzieht. Irgendwann ist sie kein Selbstzweck mehr. Wir nutzen Vorfreude strategisch, als rettendes Ufer am Horizont, wenn wir uns durch all die Prüfungen und Aufgaben strampeln, die das Leben später mit sich bringt.

Dieses Gefühl einer sanft anrollenden Glückswelle, die einen bis zum Ferienbeginn trägt, ist mir irgendwann abhandengekommen. Ich freue mich immer noch. Aber die Ereignisse bahnen sich nicht mehr langsam an wie in Kindheits- oder Studientagen, sondern schlagen über mir zusammen. Eben noch Ostern? Zack, schon sind die Sommerferien da. Das ist das neue Lebensgefühl – und ich hätte gerne etwas vom alten zurück.

Vorfreude ist nachhaltiger als Erholung

Denn Vorfreude ist wichtig und wertvoll: Diese «pre-trip happiness», so haben Forschende aus den Niederlanden festgestellt, gibt uns mehr positive Gefühle, als die Erholung nach der Reise bewirken kann. Kaum aus den Ferien, sind die meisten direkt wieder zurück auf dem Boden der Tatsachen.

Dabei ist es egal, ob davor ein verlängertes Wochenende oder eine mehrwöchige Auszeit liegt: Bei der Mehrheit hat der Körper das Feriengefühl zu den Akten gelegt, sobald sie das erste Mal wieder die berufliche Mailbox öffnen.

Vorfreude dagegen lässt sich dehnen wie Kaugummi, sie kann über Wochen anhalten und lässt sich auch bewusst erzeugen. Wer das geschickt macht, kann auf einer kleinen Glückswelle durch den Alltag surfen. Sogar die Elite-Uni Harvard bietet einen Happiness-Kurs an – der, wen wundert's, sehr gefragt ist. Etwas zu finden, das Vorfreude auslöst, gehört zu den ersten Tipps in diesem Buch des Dozenten.

The Happiness Advantage (Englisch, Shawn Achor, 2011)
Ratgeber
CHF22.–

The Happiness Advantage

Englisch, Shawn Achor, 2011

Vorfreude lässt das Gehirn Dopamin ausschütten. Menschen entscheiden sich sogar freiwillig dafür, ein schönes Ereignis etwas in die Zukunft zu schieben, um die Vorfreude darauf geniessen zu können. Erlebnisse kann man sich in den schönsten Farben ausmalen. Wie sie wirklich sein werden, ist ungewiss, bis es endlich soweit ist. Sicher ist nur: Sie werden Teil unserer Lebensgeschichte. Daraus lässt sich mehr Glück ziehen als durch erfüllte materielle Wünsche.

Erlebnisse altern glänzend

Bis zu drei Monate kann Ferienvorfreude funktionieren, wenn wir planen, träumen und uns aktiv mit der Reise auseinandersetzen. Wird der Zeitraum zu lang, setzt die hedonistische Adaption ein – wir nehmen die guten Dinge für gegeben und das gefühlte Glück kehrt an den Ausgangspunkt zurück. Erst wenn das Ereignis konkreter wird, können wir uns wieder mental daran aufrichten.

Der gleiche Effekt sorgt dafür, dass wir in den Ferien selbst nicht nur auf Wolke sieben schweben. Nach der Anfangseuphorie ist die neue Umgebung schnell der neue Standard. Doch die Erinnerung ist gnädig und speichert vor allem die Highlights ab.

Im Gegensatz zu vielen materiellen Dingen, die wir uns gönnen, glänzen Erlebnisse noch nach Jahren und verlieren nie an Wert. Gefährlich ist nur, sie vorwegzunehmen.

Zu viel Neugier killt die Freude vor Ort

Dank Street View, Rezensionen und Videos lässt sich die Vorfreude wunderbar ankurbeln, und eine ganze Branche arbeitet daran, uns mit den schönsten Bildern zu ködern. Den Urlaub online vorab zu erleben und sich in jedem Restaurant durch die Speisekarte zu klicken, ist ein bisschen so, wie als Kind das Weihnachtsgeschenk schon Wochen vorher im Schrank der Eltern zu entdecken. Man bezahlt die Gewissheit mit der ausbleibenden Überraschung.

Deshalb mag ich es nicht, mich vor einer Reise zu intensiv mit den Details auseinanderzusetzen. Vielleicht könnte ich dann stärkere Vorfreude aufbauen, aber so pur und überbordend wie in meiner geschönten Erinnerung gibt mir das Leben sie nicht mehr zurück. Das ist in Ordnung so. Wer sehr jung ist, schaut naturgemäss immer nach vorn. Mit etwas mehr Leben im Rücken freue mich mehr aufs Reflektieren, darauf, die Gedanken zu sortieren und die guten Erinnerungen herauszuschälen. Auch das ist eine Form der Vorfreude; sie hat nur nichts mehr mit Sonne, Strand und Glace zu tun.

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Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.


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