Beim Think Tank «Freedom in Community» ist der Weg das Ziel.
Beim Think Tank «Freedom in Community» ist der Weg das Ziel.
Beim Think Tank «Freedom in Community» ist der Weg das Ziel.
Beim Think Tank «Freedom in Community» ist der Weg das Ziel.
Wenn das Ergebnis nicht bewertet wird, entsteht ein «Safe Space».
Wenn das Ergebnis nicht bewertet wird, entsteht ein «Safe Space».
HintergrundDo It & Garten

Zeit verlieren und dabei gewinnen

Pia Seidel
Zürich, am 30.01.2020
Eine Denkfabrik zum Thema «Freedom in Community» soll mich aus meiner Komfortzone locken. Klingt verdächtig spirituell und ist somit genau das richtige für mein Vorhaben.

2020 möchte ich meinen Horizont erweitern, indem ich mich bewusst in ein ungewohntes Territorium begebe. Privat oder beruflich – Hauptsache neu und erst einmal ungemütlich. Mit meiner Teilnahme am Think Tank «Freedom in Community» mache ich den Anfang.

Function follows form

Der Think Tank wird von der Künstlerin Marisa Burn und Fotografin Raphaela Pichler organisiert. Sie sind nicht nur die Gastgeberinnen, sondern auch Teil der Gruppe. Der Workshop gehört zum kreativen Festival «Room of Change 2020». Er findet anlässlich der Lancierung ihrer Firma sowie ihres Podcasts «Living in Change» statt, den die zwei Schwestern als Kollektiv – Burn Pichler – ins Leben gerufen haben. Burn Pichler bietet zukünftig Projekte und Dienstleistungen wie Think Tanks an. Diese dienen nicht dazu, politische Linien zu vertreten oder ein konkretes Ergebnis zu verfolgen. Vielmehr sollen sich Teilnehmende ohne Regeln auf das Experiment einlassen können: «Commitment without binding» – zu deutsch «Unverbindliches Engagement», nennt es Marisa.

Der Raum, in dem er stattfindet, ist eine Mischung aus Atelier und Wohnzimmer: brennende Kerzen, eine Werkbank, Bilder an den Wänden, ein kleiner Indoor-Garten am Fenster und ein Geruch von Zimt- und Muskat in der Luft. «Ihr könnt euer Medium zum Gestalten frei wählen und euch frei im Raum bewegen», erklärt Raphaela. Dann lassen wir über zwei Stunden hinweg die Gedanken schweifen und experimentieren mittels Prototyping, Zeichnen und Modellieren.

Das Motto des Workshops Schwarz auf Weiss.
Das Motto des Workshops Schwarz auf Weiss.
Von Ton über Karton bis hin zu Draht liegen unterschiedliche Werkstoffe aus.
Von Ton über Karton bis hin zu Draht liegen unterschiedliche Werkstoffe aus.

Einfach mal machen

Der informelle Charakter des Think Tanks gibt mir den Freiraum auszuprobieren. Ich traue mich an Materialien wie Ton und Knete heran, die ich für gewöhnlich meide. Seit meinem Studium an der Zürcher Hochschule der Künste verbringe ich einen Grossteil meiner Schaffenszeit am Laptop und in der digitalen Welt. Wenn ich einmal analog arbeite, entscheide ich mich am liebsten für meinen Skizzenbuch. Zweidimensional zu gestalten, liegt mir mehr als Modellieren oder Stricken. Hätte am Ende des Workshops ein Produkt entstehen müssen, wäre mein Wahlmedium sicher die Zeichnung gewesen. Weil ich von klein auf gerne skizziere, wäre das aber nichts Neues gewesen. Mich ausnahmsweise herauszufordern und herumzukneten tut erstaunlicherweise gut. Ich habe einfach nur Freude daran, wie die unterschiedlichen Farben zusammenkommen, Strukturen entstehen und sich die Materialoberflächen im Prozess anfühlen.

Alles ist erlaubt: Kneten, malen oder falten.
Alles ist erlaubt: Kneten, malen oder falten.

Im Anschluss sprechen wir über das, was wir erforscht haben und wie wir über die Form zu Ideen gekommen sind. Die sichere Atmosphäre, die durch die Offenheit aller Beteiligten entsteht, macht das Erlebnis für mich so besonders. Hier geht es nicht darum, Ergebnisse zu bewerten, sondern um den Austausch von Ideen. Ich lerne viel von den kreativen Köpfen – darunter Autoren oder Vermittler. Jeder reflektiert und berichtet präzise über sein Schaffen. Wir erforschen das Kreierte, den Weg dahin und auch das, was uns abseits dieses Raums im privaten Umfeld und der Arbeitswelt beschäftigt. Wie wir an Aufgaben herantreten, eine Gemeinschaft erleben oder Freiheit definieren. Auch darüber, wie es sich anfühlt, in einer leistungsorientierten Gesellschaft «einfach nur» etwas gestalten zu können, ohne danach beurteilt zu werden.

Fotografin Raphaela Pichler wählt für dieses Experiment ein dreidimensionales Material und gestaltet Drahtobjekte.
Fotografin Raphaela Pichler wählt für dieses Experiment ein dreidimensionales Material und gestaltet Drahtobjekte.
Künstlerin Marisa Burn probiert ein Material aus, das sie eigentlich gar nicht gern hat, um ihren Gedanken Form zu geben.
Künstlerin Marisa Burn probiert ein Material aus, das sie eigentlich gar nicht gern hat, um ihren Gedanken Form zu geben.

Kein Ziel zu haben, beflügelt

Ohne es zu wissen, war die Denkfabrik an diesem Tag genau das, was ich brauchte. In den Tagen zuvor, fiel es mir schwer, mich auf eine Sache zu fokussieren. Ich hatte zu viele unterschiedliche Ideen im Kopf: Aufgaben, die zu erledigen sind oder Anlässe, an denen ich teilnehmen sollte. Normalerweise nehme ich mir genau in solchen Zeiten keine Auszeit für etwas, das nicht auf meine To-do-Liste einzahlt. Geschweige denn für Workshops mit fremden Menschen. Doch einen Moment lang die Leistungsorientierung abzulegen, tat mir gut. Denn Zeit für «anderes zu verlieren», war eigentlich ein Gewinn. Nach dem Workshop konnte ich wieder klare Gedanken fassen. Marisa Pichler macht eine ähnliche Erfahrung und beschreibt sie treffend: «Es ist so, als wäre Community in Freedom der Winter, in dem du einfach sein und Eindrücke aufnehmen kannst. Du siehst erst im Frühling, wie die Knospen überall aufpoppen.»

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Pia Seidel
Pia Seidel
Teamleader Editorial Galaxus, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein


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