Hintergrund

Wie Verlage aus Sch****e Gold machen

Wir müssen über Kacke reden. Es wird zu viel davon zwischen Buchdeckel gepresst und selten so deutlich erkennbar gemacht. Wie einige Verlage ihre Kundschaft für dumm verkaufen wollen, ist schwer zu verdauen.

Manche Menschen sind auf seltsame Art fasziniert von Fäkalien. Und von Gold. Und von der Idee, das eine in das andere zu verwandeln. Minimaler Einsatz, maximaler Gewinn – ein kapitalistischer Traum.

Kacke: billige Bildbände

Dieser Traum vom Reichtum ohne Anstrengung führt dazu, dass es anerkennend gemeint ist, wenn behauptet wird, jemand könne sprichwörtlich «aus Sch****e Gold machen». Oder, meinetwegen als Vorstufe, auch nur Geld. Zum Beispiel mit billig produzierten Bildbänden.

Ein Druckerzeugnis: Kacke.
Ein Druckerzeugnis: Kacke.
Quelle: Screenshot galaxus.ch
Holy shit, was für eine Kacke ist das denn? Diese Frage wirst du dir zwangsläufig stellen, wenn du dieses Bilderbüchlein durchblätterst.
Bildband «Kacke», 27amigos

Es ist ein grundehrliches Produkt des Verlags 27amigos. Wo Kacke draufsteht, ist Kacke drin. Dafür steht Autor Tim Fröhlich mit seinem Namen. Ebenso bei den Büchern «kackende Tiere», «kackende Katzen», «kackende Einhörner» und vielen weiteren.

Kacke als Kacke zu verkaufen, ist legitim. Denn alle Beteiligten wissen, worauf sie sich einlassen. Das ist nicht bei allen Büchern des Verlags so.

Mit Mogelpackungen, die auf den ersten Blick mehr hermachen, als sie enthalten, habe ich ein Problem. So scheint es zum Beispiel bei den «inoffiziellen» Biografien in Bildern von Stars und Sternchen zu sein.

Bei solchen Titeln ist Skepsis angebracht.
Bei solchen Titeln ist Skepsis angebracht.

Richtig kacke: Mogelpackungen

Davon fühlen sich, wenn man nach kritischen Rezensionen zu entsprechenden Titeln von 27amigos sucht, manche Kundinnen und Kunden beschissen. Selbst wenn sich Kacke-Spezialist Tim Fröhlich eine Michaela Lau als Co-Autorin zur Hilfe holt, heisst es zu seiner Oasis-Biografie: «Texte aus Wikipedia, Bilder nichts Besonderes. Sehr günstiger Druck – fühlt sich nicht wertig an.»

Sein Verlagskollege Frank Müller scheitert mit seiner nur vier Monate zuvor veröffentlichten Bild-Biografie in den Augen der Kritiker an derselben Band: «Absoluter Schrott.» – «Bei ChatGPT würde wahrscheinlich ein besseres Ergebnis rauskommen.» Die lieblose Zusammenstellung von Agenturbildern. Textfehler und schlechte Druckqualität. Der Verdacht, dass eine KI dahintersteht. All das kommt mir vom Flip Flop Verlag bekannt vor.

Diese Ähnlichkeit ist kein Zufall. Es lässt sich leicht eine Verbindung zwischen beiden Verlagen feststellen. Teilweise wird die eine Marke als Herausgeber, die andere in der Herstelleradresse genannt. 27amigos gehört zur Münchner Verlagsgruppe, deren ehemaliger verlegerischer Geschäftsführer Oliver Kuhn der Mann hinter dem Flip Flop Verlag ist. Hier wie dort weiss man, wie moderne Alchemie auf dem Buchmarkt funktioniert.

Beschissen: fremde Spuren beseitigen

Autoren mit Namen wie Tim Fröhlich, der ein Kackbuch nach dem anderen und zusätzlich diverse Biografien veröffentlicht, muss man mutmasslich nur in Form der Stromrechnung für die KI bezahlen. Und gedruckt wird die Ware erst, wenn jemand bestellt. Das Prinzip funktioniert bei Ratgebern. Bei Kinderbüchern. Bei Reiseführern. Bei allem, was sich zwischen zwei Buchdeckel pressen lässt. Selbst wenn dieses Geschäftsmodell auf billigem Papier liefert, was es verspricht (Fotos, Texte) – es fühlt sich trotzdem lieb- und wertlos an.

Ich habe meine Kollegen über 27amigos informiert, sie schauen sich das an und säubern das Sortiment. Das heisst nicht, dass bei Galaxus danach alles blitzt und blinkt: Weil solche Verlage nach dem Motto «flood the zone with shit» arbeiten, ist es schwierig, diese Flut dauerhaft aufzuhalten. Sind die Spuren des einen beseitigt, taucht eben ein anderer auf. Es schwemmt sie auf diversen Kanälen in den Online-Handel, solange es keine wirksame Kennzeichnungspflicht für KI-Bücher gibt.

Total beschissen: Antworten, die zum Himmel stinken

Was das Nachhaken bei den Verlagen angeht, mache ich mir nach dem Austausch mit Journalistinnen von Saldo und der Lausitzer Rundschau sowie einem Kollegen von der Märkischen Allgemeinen Zeitung keine Illusionen mehr. Kamen anfangs noch Rechtfertigungsversuche, lesen sich die Antworten inzwischen auch wie von der KI geschrieben. Da grüsst dann im Namen von Flip Flop freundlich: Michaela Lau, die fleissige 27amigos-Autorin.

Kritik an beschissenen Büchern geht den Machern wohl buchstäblich am Ar*** vorbei. Trotzdem ist es wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass dieses Geschäftsmodell zum Himmel stinkt, selbst wenn es legal ist. Es ist keine Alchemie, sondern Abzocke. Dafür hat niemand Anerkennung verdient. Mit solchen Büchern Geld zu machen, ist leider sehr viel einfacher, als Sch****e in Gold zu verwandeln.

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Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.


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