Du bist nicht mit dem Internet verbunden.
Galaxus Logo
Beauty + KörperpflegeUmweltschutzWohlbefindenPortrait 422

«Ich schminke mich mit dem, was ich in meiner Küche finde»

Carla Opetnik produziert so gut wie keinen Abfall und stellt ihre Schminke selbst her. Wir haben die junge Zürcherin besucht und zeigen dir, wie so ein «Minimal Waste»-Leben aussehen kann.

Als ich zusammen mit unserem Fotografen Thomas Kunz die Wohnung von Carla Opetnik betrete, bin ich überwältigt. Wohin ich auch sehe, gibt es viel zu entdecken: Die Wände sind durchgehend behängt, überall türmen sich kleine Figürchen, Bücher und Pflanzen. So chaotisch das Ganze auf den ersten Blick auch wirken mag, man erkennt schnell eine harmonische Ordnung dahinter. Das verunsichert mich zunächst etwas, da ich bei jemandem, der sich intensiv mit dem Thema «Minimal Waste» beschäftigt, auch in Sachen Wohnen eine minimalistische Ader erwartet hätte.

«Was ist das?», frage ich Carla und zeige auf ein hölzernes Etwas, das wie ein kleines Vogelhäuschen aussieht und direkt im Eingangsbereich steht. «Das ist ein Bewegungsmelder. Sobald jemand die Wohnung betritt, ertönen beruhigende Waldgeräusche», erklärt sie mir. Die gelernte Schneiderin hat sich einem abfall- und plastikfreien Leben verschrieben und absolviert zurzeit die Eidgenössische Maturität. Nebenher betreibt sie ihr eigenes Kreativatelier, gibt Stick-Kurse, in denen man lernt, Kleidungsstücke zu reparieren und ist auch noch Teil des Zopfchopf-Teams. Oh und sie malt Bilder, wie ich im Verlauf des Nachmittags noch herausfinden werde. Wahnsinnig schöne Bilder.

Carla klärt mich auf: Um den Hals trägt sie eine Kette aus Meerrettich-Scheiben. Die Dämpfe helfen ihr bei einer Erkältung.

Carla gibt uns eine kleine Wohnungstour. Eigentlich bin ich hier, weil ich mit ihr über ihre Lebensphilosophie sprechen möchte. Aber ich erblicke in jedem Zimmer so viel Spannendes, das wir immer wieder abschweifen. Ihre Küche ist bis zum Rand voll mit Glasbehältern, einer süssen Avocadokern-Zuchtfarm und einem Wurmkomposter. Letzteres besteht aus drei Elementen, die man stapeln kann. Darin befinden sich Erde sowie Würmer, die wir nach etwas darin Rumgraben zu sehen bekommen. Ich bin überrascht, dass man überhaupt nichts riecht. «Unser Vermieter möchte keine Grünabfuhr. Also mussten mein Freund und ich uns etwas einfallen lassen. Hier kann ich meinen ganzen Grünabfall sowie Altpapier reinlegen. Den Rest erledigen die Würmer. Ausserdem lässt sich das unterste Element rausziehen und die entstandene Erde somit gleich wieder meinen Pflanzen zuführen.»

Den Wurmkomposter muss man regelmässig befeuchten. Die Keimlinge darin sind durch entsorgte Kürbiskernen entstanden.
Auf dem Fenstersims steht eine ganze Familie Avocado-Kerne, die sie nicht selbst gekauft, sondern aus einem grossen Betrieb vor dem Müllschlucker gerettet hat. Carla hat ihnen aus einem Gag heraus Namen gegeben und möchte aus ihnen Pflanzen zu Deko-Zwecken ziehen.

Im Wohnzimmer entdecke ich dann die vielen Pflanzen, von denen Carla in der Küche sprach. Sie sind eine Augenweide. Eine grüne Dschungel-Wand, von der man den Blick nicht abwenden möchte. Jede Pflanze hat eine Geschichte oder eine Bedeutung. Genauso wie der Rest in ihrer Wohnung. Ich will von ihr wissen, wie es sein kann, dass jemand, der so bewusst lebt, so viel besitzt. «Ich bin eines von vier Kindern und habe früh damit angefangen, Dinge zu sammeln und vor meinen Geschwistern zu verstecken. Dieses Verhalten, Dinge zu horten, habe ich dann in meinem Erwachsenenalter beibehalten. Der Unterschied zu heute ist, dass du in meiner Wohnung nur noch Dinge findest, die mich glücklich machen und mir was bedeuten. Ich habe wirklich vieles aussortiert.» Besonders ihr Beauty-Equipment ist geschrumpft.

Die grüne Augenweide im Wohnzimmer.

Die Schönheit der Natur

Die 27-Jährige zeigt mir, was sie noch an Make-up besitzt – und das sieht definitiv anders aus als bei mir daheim. In einem alten Barilla-Glas bewahrt sie ihr Kartoffelmehl auf, welches sie zum Abpudern der Haut benutzt. Man könne aber auch Pfeilwurzelpulver dafür nehmen, meint Carla. Weil ich keine Ahnung habe, was das sein soll, hake ich nach. «Pfeilwurzerlpulver bekommst du in jeder Naturapotheke. Pfeilwurz wächst lokal, aber nur wenige kennen es. Bei Bedarf lässt sich das weisse Pulver auch mit Kurkuma oder anderen Gewürzen mischen, sodass man schlussendlich seinen eigenen Hautton kreieren kann», erklärt sie mir. Gleich daneben steht ein Behälter mit einem rötlich-pinken Pulver. «Das hier ist getrocknete, pulverisierte Rande. Ich stelle sie selbst her. Sie dient mir als Wangenrouge. Zum Auftragen feuchte ich einfach meine Finger oder Wangen etwas an und reibe es mir ins Gesicht.»

Der etwas andere Schminktisch.

Gleich neben dem Blush steht ihre Kohle, welche sie als schwarzen Eyeliner oder Lidschatten benutzt. «Die hat mir eine Freundin aus Indien mitgebracht. Es gibt aber auch Leute, die Mandeln in der Pfanne verbrennen lassen und diese dann pürieren. So erhält man eine Art schwarze Paste. Im Prinzip kannst du dafür aber alles verbrennen. Bei Holz erhältst du wie hier ganz feinen Staub, den du vor dem Auftragen wieder mit Feuchtigkeit binden kannst. Ich benutze dazu einen angefeuchteten Pinsel», erklärt sie. Der Schlüssel, so fährt sie fort, etwas zu finden, das für einen selbst funktioniert, liege im Austüfteln. Das Ganze sei ein Prozess. Was für den einen funktioniert, kann für jemand anderen die reine Katastrophe sein. «Manche vermischen ihre Kohle vor dem Auftragen lieber mit Vaseline, andere wiederum mit Alkohol, der nach dem Auftragen gleich verdunstet.» Wichtig sei, dass man nach dem ersten Versuch nicht gleich aufgibt, betont Carla. «Bis ich zum Beispiel eine brauchbare Deo-Alternative gefunden habe, hat es gedauert. Mittlerweile benutze ich Kokosöl gemischt mit viel Natron und trage das Ganze mehrfach über den Tag verteilt auf. Das Natron tötet die Bakterien ab, die für den Schweissgeruch verantwortlich sind und das Öl pflegt. Andere Öle haben für mich leider nicht funktioniert. In Zukunft würde ich aber gerne das exotische Kokosöl mit einem lokalen Rohstoff ersetzen.»

Mehr braucht Carla nicht, um sich zu schminken.

Als Beauty-Junkie interessiert es mich, ob die beschränkte Farbauswahl gerade für sie als kreative Person auf Dauer nicht langweilig wird. «Für spezielle Anlässe lasse ich mich gerne von einem Profi im Laden schminken. Ich muss nicht alles besitzen, nur weil es schön aussieht. Häufig ist es sowieso so, dass man aus einer Lidschattenpalette nur wenige Farben regelmässig nutzt. Zudem habe ich in meinem Leben noch nie einen Lippenstift ganz aufgebraucht. Daher ist das Horten von Produkten für mich sinnlos.»

Zähnegeputzt wird auch plastikfrei und zwar mit einer Mischung aus Aktivkohle und fairtrade Bio-Kokosöl. Letzteres wirke antimikrobakteriell und pflegend, während die Aktivkohle einen sanft abrasiven Effekt habe. Morgens wäscht sie sich das Gesicht nur mit Wasser und Seife, dasselbe gilt für ihre tägliche Dusche. Als Rasierer dient ihr ein Rasierhobel, bei dem man von Zeit zu Zeit lediglich die Rasierklinge auswechseln muss. Ich schäme mich sogleich. Bei mir daheim hantiere ich immer mit Einwegrasierern herum. Dass diese nicht umweltfreundlich sind, habe ich bis heute konsequent ignoriert. Ich verspreche mir selbst, etwas daran zu ändern.

Carla legt gerne selbst Hand an: Die Glasbecher wurden mit speziell dafür zugeschnittenem Leder an den Rohren befestigt.

Wo das Loslassen beginnt

Carla erzählt mir, dass alles mit dem Kauf des Buches The Life-Changing Magic of Tidying Up von Marie Kondo begonnen hat. «Nachdem ich das gelesen habe, war ich angefressen. Als erstes reduzierte ich meinen Kleiderschrank. Dann kam die Küche dran. Mir wurde zum ersten Mal bewusst, wie viel Abfall wir produzierten. Ich recherchierte immer mehr und stiess auf die «Zero Waste»-Bewegung aus Amerika. Da fasste ich den Entschluss, keine Verpackungen mehr zu kaufen. Ich begann mit einer 30-Tage-Challenge, berichtete auf Social Media von meinen Erfahrungen und vernetzte mich mit Gleichgesinnten.» Da vielen das Loslassen schwerfällt, hat Carla einen Tipp, der ihr persönlich geholfen hat: Sie hat alles, wovon sie sich vermeintlich nur schwer trennen könnte, fotografiert und diese Bilder dann auf Facebook geteilt, sodass nur sie sie sehen konnte. Da die Soziale Plattform ihre Nutzer immer wieder an alte Fotos erinnert, wurde ihr in regelmässigen Abständen vor Augen geführt, dass sie die Produkte zwar toll findet, in der Zeit aber auch nie an sie gedacht hat. Zwischen Must-haves und Nice-to-haves gibt es nun mal einen Unterschied.

Minimal oder Zero Waste?

Laut Carla ist Minimal Waste die Definition von Zero Waste. Das hört sich erst mal verwirrend an, aber es gehe hier nicht um Perfektion, sprich keinen Abfall zu produzieren, sondern um den Weg dahin. «Das Ziel respektive das Ideal ist für jeden anders zu definieren. Zusammengefasst bedeutet das mit möglichst wenig Verzichtsgefühl, möglichst viel Verschwendung einzusparen. Dabei darf man nicht vergessen, dass die psychische als auch physische Gesundheit immer an erster Stelle kommt.» Wenn man sich also etwas nicht leisten kann, dann müsse man einen Weg suchen, der sich mit den eigenen Lebensumständen vereinen lässt. Ein Beispiel dafür wäre seinen Kafi beim nächsten Starbucks-Besuch mit einem Confi-Glas abzuholen, statt mit einem neuen, fancy Mehrwegbecher. Realisieren, was man schon hat, es benutzen und umdenken. Und Dinge, die man gern tut, einfach mal anders tun.

«Die meisten Frauen haben beim Aussortieren Mühe im Bad. Sie haben etliche Tuben und Tiegel vor sich stehen, von denen sie sich schlecht trennen können. Bei mir war das gleich. Als erstes habe ich meine in Plastik verpackten Shampoos aufgebraucht und entsorgt. Danach war die Suche nach einem umweltfreundlicheren Deo dran. Und obwohl ich mich nicht so viel geschminkt habe, war alles, was ich an Make-up besass, in Plastik verpackt. Also habe ich nach besagten Alternativen gesucht, die zu meiner neuen Philosophie passten.» Die Einfachheit von Carla’s Produkten haben ihre Vorteile: Weil Wasser völlig reicht, entfällt das lästige Abschminken mit Watte und Make-up-Entferner. Zudem enthalten sie keine Schadstoffe, was die Haut ihr dankt. Mich interessiert, ob sie natürliche Alternativen entdeckt hat, die industriell gefertigten Produkten das Wasser reichen können. «Nein, nicht in dem Sinne. Du wirst kaum etwas eins zu eins ersetzen können. Eine Umstellung wird zwangsweise stattfinden müssen. Selbstgemachte Produkte sind nicht immer so langlebig oder pigmentiert, wie man es sich gewohnt ist. Jedoch geben mir meine eigenen Produkte das Gefühl, etwas Gutes zu tun. Das bekomme ich im Laden kaum. Das war mein persönlicher Wow-Effekt.»

Von Tierversuchen und faulen Kunden

Unwillkürlich denke ich an meine zahlreichen Schubladen voller Schminke daheim. Niemals könnte ich mich davon trennen. Als ich Carla von meiner Situation zuhause erzähle, stosse ich auf viel Verständnis. «Wenn du den Abfall und Plastikverbrauch bei dir zuhause eindämmen willst, solltest du sowieso nicht gleich dort anfangen, wo es dir am meisten wehtut. Klein beginnen ist die Devise.» So soll man sich doch beim nächsten Einkauf mal ein paar Gedanken machen. Ist das wirklich eine Marke, die ich unterstützen möchte? Wie steht es um den Mutterkonzern und dessen Philosophie? Werden Tierversuche durchgeführt und die Mitarbeiter gut behandelt? Wird Recycling gefördert? Die Leute sind heute schnell überfordert, weil sie häufig gar nicht wissen, wo sie mit dem Hinterfragen beginnen sollen. Das ist vermutlich auch einer der Gründe, weshalb dies nur beschränkt geschieht.

Das rote Kleid neben ihrem Klavier hat Carla auf dem Secondhand Designermarkt erworben und angepasst. «Darin habe ich schon viele rauschende Nächte verbracht», erzählt sie mir.

«Für mich ist es zum Beispiel unbegreiflich, dass namhafte Brands immer noch Tierversuche durchführen. Solche Produkte sind für mich ein No-Go.» Ein anderes Thema, das Carla anschneidet, ist das Greenwashing, das zurzeit stark von allen Seiten betrieben wird. «Wenn beispielsweise Garnier mit einem Produkt wie der Hair Food Maske, die in einer Recylclingverpackung verkauft wird, einen Schritt in die richtige Richtung tun kann, wieso kann das dann nicht der gesamter Mutterkonzern?» Wir sind uns einig, dass das Interesse an der Umwelt bei vielen Firmen eher wirtschaftlicher als ökologischer Natur ist. Es geht ums Image. Und ein gutes Image verkauft sich eben. Was der Kunde aber nicht fordert, wird ein Konzern auch nicht umsetzen. So einfach ist es.

Draussen wird es langsam dunkel. Bevor Thomas und ich uns auf den Weg machen, möchte ich von Carla noch wissen, in welchen Lebensbereichen sie ein persönliches Verbesserungspotenzial sieht. «Ich möchte in naher Zukunft gerne darüber bestimmen, woher mein Strom kommt. Diese Entscheidung liegt aber momentan bei meinem Vermieter, daher werde ich hier noch ein wenig Überzeugungsarbeit leisten müssen.»

Falls du mehr von Carla sehen willst, findest du hier die Zopfkopf-Tutorials, die wir mit ihr im Sommer gedreht haben:

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

<strong>Entrümpeln</strong> für den (inneren) Frieden
WohlbefindenNews & Trends

Entrümpeln für den (inneren) Frieden

Avatar

Natalie Hemengül, Zürich

  • Editor
Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

4 Kommentare

3000 / 3000 Zeichen
Es gelten die Community-Bedingungen.

User Lizarazu3

Ganz, ganz toller Artikel, Nati... und fantastische Bilder, Tom!

27.11.2018
User Natalie Hemengül

Danke dir vielmals! Das freut mich sehr zu hören :)

29.11.2018
Antworten
User xazax

Super toller Bericht, macht richtig Freude ihn zu lesen!

07.01.2019
User Anonymous

da wird sich der Vermieter bestimmt freuen wenn die Mieter Ihn stressen für Öko-Strom ...

26.11.2018