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Geburtsbeginn: Schau, du siehst langsam den Kopf!

Die Geburt ist eines der intensivsten, emotionalsten und eindrücklichsten Erlebnisse im Leben einer Frau. Egal, ob sie positiv oder negativ behaftet ist, es ist ein Einschnitt ins Leben und stellt es auf den Kopf. So auch bei Fabienne und Peter. Ich, Norina Wartmann, bin Hebamme und erzähle euch die Geschichte von diesem Paar. Sie erwarten demnächst ihr erstes Kind und die Gefühle spielen Achterbahn.

In meinem ersten Bericht «Juhuii, wir sind schwanger oder Hilfe unsere Welt steht Kopf?» habe ich euch mit Fabienne und Peter bekannt gemacht. Das Paar hat sich für eine Geburt im Spital entschieden. Ich bin ihre Beleghebamme und begleite sie bei diesem tollen Abenteuer bereits seit Schwangerschaftsbeginn. Letztes Mal im Bericht «Oh, meine Fruchtblase ist geplatzt!» stand die Geburt von ihrem ersten Kind kurz bevor. Und jetzt ist es soweit, es geht los!

Zur Vorgeschichte:

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Norina Wartmann

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Juhuii, wir sind schwanger oder Hilfe unsere Welt steht Kopf?

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Oh, meine Fruchtblase ist geplatzt!

Es sind keine 5 Minuten vergangen, seit wir uns verabschiedet haben, da klingelt mein Telefon. Es ist Fabienne. «Meine Fruchtblase ist soeben geplatzt, ich habe es richtig knacken hören und jetzt ist alles nass!», sagt sie lachend. Ich freue mich sehr über dieses Telefon. Ich habe zwar gedacht, dass sich das Kind bald auf den Weg macht, aber dass es so schnell sein wird nun auch wieder nicht. Von Fabienne möchte ich wissen, welche Farbe das Fruchtwasser hat und ob sie das Kind gut spürt. «Das Fruchtwasser ist klar und der ph-Streifen, welchen du mir da gelassen hast, ist tiefblau. Das Kind spüre ich. Soll ich Peter anrufen? Er ist ja noch in den Bergen. Oder reicht morgen früh?», fragt Fabienne.

Fabienne wird versuchen sich noch etwas auszuruhen. Wenn es während der Nacht ruhig bleibt an der Bauchfront, besuche ich sie morgen früh für eine Kontrolle. Das Fruchtwasser riecht süsslich, ist basisch und hat einen ph-Wert von etwa 7. Gerade am Ende der Schwangerschaft produziert der Körper mehr Schleim und es ist schwierig die Blase zu kontrollieren. Falls du unsicher bist, ob es Schleim oder Fruchtwasser ist, kannst du dies mit einem ph-Streifen selbst überprüfen. Im Zweifelsfall kontaktiere deinen Arzt oder deine Hebamme.

Die Ruhe vor dem Sturm

Fabienne konnte etwas schlafen und Peter ist zurück. Aus dem geplanten Skiurlaub wurde leider nichts. So ist das nun mal mit Kindern, die stellen die Welt bereits auf den Kopf bevor sie sie erblicken. Ich kontrolliere die Herztöne des Babys und nehme Fabienne Blut ab, um ihre Entzündungswerte zu kontrollieren. Seit dem Blasensprung sind nun 12 Stunden vergangen.

«Wie lange können wir nun warten? Liegt das Baby jetzt auf dem Trockenen?», möchte Peter wissen. Solange die Fruchtblase intakt ist, befindet sich das Baby in einer sterilen Umgebung. Wenn die Fruchtblase offen ist, können Keime aus der Scheide aufsteigen und einen Infekt verursachen. Deshalb kontrollieren wir alle 12 Stunden die Entzündungswerte im Blut. Das Fruchtwasser bildet sich immer wieder nach, das Kind liegt also nicht auf dem Trockenen. Wenn alle Werte gut sind, können wir 24 Stunden abwarten. Häufig beginnt die Geburt dann ganz von allein. Ich rate den beiden, sich noch etwas auszuruhen und später ein wenig spazieren zu gehen.

«Um 16 Uhr habe ich noch einen Termin beim Osteopathen. Ich würde gerne hingehen, da es mir sehr gut tut. Ist das in Ordnung?», fragt Fabienne. Gegen einen Termin beim Osteopathen spricht nichts. Im Gegenteil, sie bewirken oft Wunder. Vor allem auch wenn Kreuzschmerzen vorhanden sind. Sie können aber auch das Becken richten, um das Kind in eine optimale Position für die Geburt zu bringen.

Am Telefon sagt mir Fabienne, dass die Osteopathie ihr gut getan hat und sie seither mehr Kontraktionen hat. Ausserdem nimmt sie teelöffelweise Rizinusöl zu sich, um die Wehentätigkeit zu fördern.

Es ist mittlerweile Abend geworden, 24 Stunden nach dem Blasensprung. Noch immer sind Peter und Fabienne zu Hause. Ich besuche sie ein weiteres Mal für eine Kontrolle. Das Baby lässt sich nicht beeindrucken und hat super Herztöne. Die Entzündungswerte sind stabil und Fabiennes Wehen werden langsam etwas stärker und regelmässiger. Sie fühlt sich rundum wohl zu Hause und geniesst die Ruhe. Ich vermute, dass Fabienne in der Nacht in die Geburt gehen wird. Zusammen entscheiden wir, vorläufig noch zu Hause zu bleiben, da wo sie sich wohl fühlt und sich gehen lassen kann. Falls sich am Abend nichts tun sollte, wird Fabienne am Morgen zur Einleitung ins Spital kommen.

Es ist halb 3 Uhr morgens, als das Telefon klingelt. Es ist Peter. Fabienne habe nun regelmässige Wehen, welche auch länger anhalten würden und sie würden sich auf den Weg ins Spital machen. Da ich ihre Beleghebamme bin, mache auch ich mich auf den Weg.

Wann ins Spital?

Es wird empfohlen, dass eine Frau bei regelmässigen Wehen im Abstand von fünf Minuten, welche über eine Stunde lang anhalten, ins Spital fahren soll. Ich persönlich rate den Frauen immer sich auf ihr Gefühl zu verlassen. Es kann sein, dass du alle zwei bis drei Minuten Wehen hast, diese aber noch sehr kurz sind und du dich zu Hause pudelwohl fühlst. Dann ist sicher noch nicht der richtige Zeitpunkt. Fühlt sich eine Frau vorher nicht mehr wohl zu Hause, sollte sie ins Spital fahren. Für eine Geburt braucht es regelmässige Wehen und die Geburtsarbeit fordert volle Konzentration von der werdenden Mutter.

Im Spital angekommen

Eine halbe Stunde später treffen wir uns im Spital. Fabienne hat sich seit meinem letzten Besuch verändert. Sie ist ruhiger, konzentriert und veratmet ihre Wehen. Ich höre die Herztöne des Babys mit dem CTG und taste etwas später nach dem Muttermund. Er ist 1–2cm geöffnet und fühlt sich ziemlich straff an. Da dies erst der Anfang der Geburt ist, versucht Fabienne sich mithilfe von krampflösenden Zäpfchen, einem warmen Wickel und einem pflanzlichen Schlafcocktail noch etwas zu ruhen. Doch Fabienne erbricht. Das mit dem Ruhen funktioniert nicht mehr. Sie nimmt verschiedene Positionen ein und Peter massiert ihr das Kreuz. Massagen, Wärme, Bewegung und die Atemtechnik «Tönen» können bei der Entspannung und beim Umgang mit den Wehen helfen.

Umgang mit Schmerzen

Auch drei Stunden später hat sich der Muttermund trotz kräftigen Wehen nicht weiter geöffnet. Der Muttermund fühlt sich sehr straff an und der Kopf des Kindes drückt stark nach unten. Dies ist für Fabienne sehr frustrierend. Sie zweifelt daran, ob sie dies schaffen wird und fragt sich natürlich, wie lange sie noch die Kraft hat diese Wehen zu verarbeiten. Fabienne taucht ins warme Wasser der Gebärwanne ein. Ich lege ihr eine Infusion, damit ihr Körper genügend Flüssigkeit hat. In der Infusion hat es Bryophyllum/Conchae (pflanzliche Mittel), welches etwas längere Pausen gibt und Fabienne hilft zu sich zu kommen. Anschliessend bekommt sie noch eine Infusion mit Buscopan (krampflösend) und Chamomilla Globuli.

Ich muss Fabienne versprechen, dass sie eine PDA bekommt, falls es nach der Infusion nicht weitergeht. Sie flucht, während Peter mit seinen Gefühlen kämpft, aber sich dennoch liebevoll um Fabienne kümmert und darauf achtet, dass sie in den Wehenpausen alles locker lässt und entspannt. Wir tönen, lassen los und nutzen die wertvollen Pausen um Kraft zu tanken.

Umgang mit Wehen /Schmerzen

Eine Stunde später

Ich untersuche Fabienne und bin sehr überrascht und gleichzeitig erleichtert, dass der Muttermund fast komplett geöffnet ist. Ich motiviere sie, sage ihr, dass es leichter wird, wenn der Muttermund ganz, also die vollen 10cm, geöffnet ist. Sie nimmt etwas Traubenzucker und Tee mit Honig zu sich, um bei Kräften zu bleiben. Die Übergangsphase zwischen 8–10cm) gehört zur Geburtsphase, in welcher Frauen nicht mehr wollen und an ihre Grenzen kommen. Wie wenn man bei einer Gipfelwanderung das Gefühl hat, dass man nie oben ankommt.

Seit der Ankunft im Spital sind nun sechs Stunden vergangen. Der Muttermund ist vollständig geöffnet und Fabienne spürt wie das Kind tiefer rutscht, spürt einen Druck auf den Enddarm und schiebt das Baby nach Gefühl Richtung Becken mit. Peter kann seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Fabienne schaut ihn an und sagt ganz klar: «Die jetzigen Wehen sind im Fall viel weniger schlimm, als die vorher! Es geht mir gut! Jetzt kann ich endlich etwas tun.»

Die Rolle der Männer bei der Geburt

Für einen Mann ist es oft schwer ihrer Frau bei der Geburt zu zuschauen, zu sehen wie sie an ihre Grenzen kommt und nichts tun zu können. Doch auch wenn der Mann nicht aktiv etwas machen kann, ist es wichtig, dass er da ist. Denn er kann motivieren, mitatmen, massieren, darauf achten, dass die Frau immer wieder etwas trinkt. Einfach da sein und in dem Moment alles akzeptieren was ihre Frau braucht und ihr dies geben. Sei dies Nähe und Berührung oder aber Distanz.

Und ganz wichtig: Zu sich selber schauen! Wenn du als Mann Hunger hast, iss etwas. Wenn du von deinen Gefühlen überwältigt wirst, geh kurz an die frische Luft. Wenn du das Gefühl hast, dass deine Frau ein Schmerzmittel braucht, frag dich, ob sie wirklich eins braucht oder ob du derjenige bist, der es nicht aushält. Wenn du eine volle Blase hast, geh Pinkeln. Denn wenn du angespannt bist, überträgt sich diese Anspannung möglicherweise auf deine Frau. Aber sei da und glaube an deine Frau. Dies hilft mehr als du dir vorstellen kannst!

Wenn das Kind sich Zeit lässt

Wenn der Muttermund vollständig geöffnet ist, dauert es in der Regel beim ersten Kind nochmals zwei bis drei Stunden bis das Kind seinen Weg durch den Geburtskanal gefunden hat. Es ist Millimeterarbeit. Fabienne nimmt verschiedene Positionen ein. Geht in die tiefe Hocke, auf die Seite, in den Vierfüssler, steht auf. Das Kind bahnt sich langsam seinen Weg durch den Kanal.

Vom Bauch mitten ins Herz

Bei Sonnenschein und mit dem Glockenschlag um Punkt 12 machst du deinen ersten Schrei! Du bist fit, rosig und mit deinen 56cm ein unglaublich langes Kind. Und dafür, dass du 16 Tage vor deinem errechneten Termin zur Welt gekommen bist, hast du mit deinen 3900g auch ein stolzes Gewicht. Liebevoll wirst du von deinen Eltern begrüsst und bestaunt. Und deine Mama ist unglaublich stolz, dass sie ein so grosses Kind geboren hat. Dann lege ich dich nackt auf den Oberkörper deines Papas. Dort geniesst du ein ausgiebiges Bonding* mit deinem Papa und kuschelst mit ihm. Leider verliert deine Mama etwas viel Blut und braucht eine kurze Vollnarkose, da ein Stück von der Placenta drin geblieben ist.

Alles ist gut überstanden. Die kleine Familie ist wohlauf und geniesst die Zeit zu dritt. Alle sind erleichtert. Trotz der kurzen Trennung von deiner Mama saugst du kräftig an der Brust und lässt sie so schnell nicht wieder los. Happy Birthday kleiner, grosser, langer Mann!

Im nächsten Teil erfährst du von der Stillberaterin Chantal Häusler, wie es Peter und Fabienne nach der Geburt geht. Wie sie ankommen im «Elternsein» und was man tun kann, wenn man etwas wenig Milch hat und das Kind nur langsam zunimmt.


*Bonding steht für die erste Bindung zwischen den Eltern und dem Neugeborenen. Bei diesem ersten Kontakt lernen sich alle kennen und wachsen zusammen. Viel Hautkontakt fördert die Mutter-Vater-Kind-Beziehung. Der Kontakt erleichtert das Stillen und gibt dem Neugeborenen Sicherheit und Geborgenheit, in der neuen, unbekannten Welt.

User

Norina Wartmann

Hebamme seit 10 Jahren und dies mit absoluter Leidenschaft. Es liegt mir am Herzen, dass Frauen in Würde, selbstbestimmt, geschützt und in ihrem eigenen Rhythmus ihr Kind gebären dürfen. Einen Raum zu schaffen, indem Eltern ihre Kinder ungestört und liebevoll auf dieser Welt begrüssen dürfen, ist eines meiner grössten Anliegen. Dafür braucht es viel Flexibilität. Geburten sind nicht planbar und genauso wenig ist es mein Leben. Das Telefon klingelt und ich bin dann mal weg... für wie lange, weiss keiner so genau. Selbst Mutter von zwei wundervollen Kindern, verheiratet mit einem verständnisvollen Mann und umgeben von vielen liebevollen Menschen. Ohne dieses fantastische Umfeld und verlässliche Hilfe, wäre mein Leben ein anderes.
www.hebammen-begleitung.ch

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