Ziehklinge: Bei Lieferung erst einmal unbrauchbar
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Ziehklinge: Bei Lieferung erst einmal unbrauchbar

Carolin Teufelberger
Zurich, on 17.11.2021

Anstatt mit dem heute üblichen Schleifpapier kannst du Holz auch mit einer Ziehklinge abtragen. Dafür muss die Klinge aber erst einmal geschliffen werden – und das braucht Übung.

Das Schleifen gehört zu meinen liebsten Aufgaben beim Holzwerken. Es ist der Moment, der alle kleinen Fehler ausmerzt, der das Werk wirklich fertig aussehen lässt. Wie früher in der Schule, wenn du den Aufsatzentwurf ins Reine geschrieben hast. Es ist unglaublich befriedigend, raues Material in Butterweiches umzuwandeln und über die abgerundeten Kanten zu fahren. Noch mehr Spass als mit dem Schleifpapier macht der Prozess mit der Ziehklinge – weiss ich seit Kurzem.

Die Ziehklinge ist eigentlich nicht mehr als ein Stück Stahl, meistens weniger als einen Millimeter dick. Sie funktioniert ähnlich wie ein Hobel, indem sie die Holzfasern schneidet. Bevor Isaac Fisher Jr. im Jahr 1834 das Patent auf den Herstellungsprozess von Schleifpapier erhielt, soll die Ziehklinge omnipräsent als abtragendes Werkzeug gewesen sein. Sie hat es 1875 sogar auf das Gemälde «Les Raboteurs de parquet» (zu deutsch «Die Parkettabzieher») des französischen Malers Gustav Caillebotte geschafft.

Der Herr in der Mitte arbeitet mit Ziehklinge.
Der Herr in der Mitte arbeitet mit Ziehklinge.

Aber auch heute wird sie noch benutzt, zum Beispiel beim Instrumentenbau. Für weiches Holz eignet sie sich weniger, da die Gefahr besteht, dass ich die Klinge mit zu viel Druck über die Oberfläche schiebe und so das Holz beschädige. Genau, die Ziehklinge wird meistens geschoben und dabei mit beiden Daumen etwas durchgedrückt.

Etwa so, nur besser.
Etwa so, nur besser.

Bei Lieferung unbrauchbar

Bevor ich mir aber um all das Sorgen machen kann, muss erst einmal die Ziehklinge selbst geschliffen werden. Denn geliefert wird sie stumpf und ist damit wirklich nur ein rechteckiges Stück Stahl. Das wurde mir erst klar, als ich die Ziehklinge ausprobieren wollte. Etwas Recherche im Vorhinein hätte nicht geschadet. Nach dem Sichten mehrerer Youtube-Videos muss ich erst einmal einkaufen. Ich brauche:

  1. Flachfeile mit 1er- oder 2er-Hieb
  2. Schraubstock
  3. Abziehstein mit grober und feiner Körnung (bei mir 1000 und 3000)
  4. Wetzstahl

Als Erstes bearbeite ich eine der Längsseiten der Ziehklinge mit der Feile. Du kannst auch die Querseite schleifen, um zum Beispiel Leimreste aus Ecken zu kratzen. Ich spanne die Ziehklinge in den Schraubstock und fahre mit der Feile im rechten Winkel darüber, bis eine scharfe Kante entsteht.

Danach kommt die grobe Seite des Abziehsteins dran. Wie beim Messerschleifen wässere ich den Stein, bevor ich die Klinge erneut im rechten Winkel und mit leichtem Druck drüberziehe. Um gerade zu bleiben, nehme ich ein Stück Holz als Stütze zur Hilfe.

Dasselbe wiederhole ich nun mit der 3000er-Körnung. Zusätzlich schleife ich auch die Seiten. Dafür lege ich die Ziehklinge flach auf den Stein und drücke die Kante mit einem Finger etwas herunter.

Nun ist die Klinge zwar schon scharf, doch Späne fallen damit noch keine. Dafür muss ein sogenannter Grat gezogen werden. Mit dem leicht geneigten Wetzstahl fahre ich je ein paarmal über die eine Seite der Kante und danach über die andere – immer in dieselbe Richtung. Wenn du das nicht aus der Hand machen willst, kannst du die Klinge in den Schraubstock einspannen und den Wetzstahl in einem Winkel von 15 Grad drüberziehen.

Fertig mit Schärfen. Was hier nur einige Zeilen in Anspruch genommen hat, hat in der Realität gut 30 Minuten gedauert und perfekt ist das Ergebnis weiss Gott noch nicht. Beim Schieben der Ziehklinge über das Holz sollten richtige Späne entstehen. Bei mir sind sie eher mikroskopisch klein. Der Grat müsste wahrscheinlich grösser sein. Etwas mehr Übung im Schleifen schadet sicher nicht. Aber schon jetzt hinterlässt die Ziehklinge nach einmaligem Drüberziehen eine samtig weiche Oberfläche. Mit dem Schleifpapier müsste ich dafür ein Dutzend Mal über dieselbe Stelle.

Noch nicht ganz so, wie ich mir das vorgestellt habe.
Noch nicht ganz so, wie ich mir das vorgestellt habe.

Ausserdem machen Späne (mögen sie noch so klein sein) mehr mit mir als feines Sägemehl. Vielleicht wird damit ein erdichtetes archaisches Zentrum im Hirn bedient, das sich auch beim Feuermachen meldet. Oder es rührt daher, dass ich resultatfixiert bin und mir Späne deshalb mehr Befriedigung verschaffen. Bloss ist die eher von kurzer Dauer, weil meine Daumen vom Durchdrücken der Klinge rasch müde werden. Einen Tisch oder gar Parkettboden, wie der Herr auf dem Bild von Caillebotte, würde ich nicht schaffen. Liegt auch daran, dass meine Ziehklinge 0.8 Millimeter dick ist, etwas dünner wäre nicht schlecht.

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