Samsung erfindet die TV-Welt neu – behaupten sie

Samsung erfindet die TV-Welt neu – behaupten sie

Luca Fontana
Zurich, on 07.01.2021
Samsung hat soeben ein paar neue TV-Knüller angekündigt. Oder auch nicht. Was die Südkoreaner da nämlich sagen, klingt zwar spannend, aber noch spannender ist, was sie nicht gesagt haben.

Auf den ersten Blick liest sich Samsungs Pressemitteilung sensationell. Die Südkoreaner kündigen fürs aktuelle Jahr einen QLED-Fernseher an, der so neu ist, dass es das Wort in den Namen geschafft hat: Neo QLED.

Tatsächlich neu am Gerät ist die Hintergrundlicht-Technologie – Mini LED. Dadurch verspricht Samsung noch bessere Kontraste bei gleichzeitig weniger Blooming. Und: Der Prozessor bekommt ein mächtiges Upgrade. So weit, so sensationell. Der eigentliche Knüller kommt aber zum Schluss.

Micro LED.

Wenn’s nach Samsung geht, dann ist Micro LED die Wiederkunft von TV-Jesus. Micro LED soll nämlich die Eierlegende Wollmilchsau sein: ein Fernseher mit einem hellen Bild wie bei LCD-Fernsehern, satten Farben, perfekten Schwarzwerten und – vor allem – keinem Burn-In. Nicht genug: So, wie Samsung das Ganze darstellt, ist die TV-Zukunft zum Greifen nah.

*MicroLED** is the end of OLED – right?
Background information

MicroLED is the end of OLED – right?

Bis hierhin bin ich ganz bei den Südkoreanern. Was sie da sagen, klingt tatsächlich sensationell. Viel spannender aber ist, was Samsung nicht sagt.

Zwei Dinge, genau gesagt.

Mini LED, yay! Aber mit wie vielen Dimmzonen?

Zunächst mal: Was bedeutet Mini LED? Es bedeutet, dass tausende dicht nebeneinander liegende LEDs fürs Hintergrundlicht sorgen. Wie bei Full Array Local Dimming (FALD) können sie sich lokal dimmen oder gar ganz ausschalten. Der Unterschied zu FALD ist lediglich die Anzahl Dimmzonen: Mini-LEDs sind viel kleiner als die FALD-LEDs. Darum der Name.

*Full Array Local Dimming**: Fast so gut wie OLED?
Hintergrund

Full Array Local Dimming: Fast so gut wie OLED?

In Zahlen: FALD-Spitzenmodelle kommen auf etwa 500 Dimmzonen. Die vom chinesischen TV-Giganten TCL vergangenes Jahr vorgestellte erste Generation von Mini LED schafft rund 1000. Damit sind viel tiefere Schwarzwerte und bessere Kontraste als bei FALD-TVs möglich.

Gesehen habe ich das mit eigenen Augen beim TCL X10.

Du erkennst die Faustregel: Je mehr Dimmzonen, desto besser. OLED-TVs haben, salopp gesagt, genauso viele Dimmzonen wie Pixel, weil sich jedes OLED-Pixel einzeln ein- und ausschalten kann. Da kommen also etwa acht Millionen Dimmzonen bei UHD und deren 33 Millionen bei 8K-Auflösung zusammen. Darum die stets perfekten Schwarzwerte.

Von solchen Zahlen sind FALD und Mini LED weit entfernt. Immerhin hat LG für dieses Jahr sein 8K-Spitzen-LCD-Modell mit 30 000 Mini-LEDs angekündigt, die zu 2500 Dimmzonen gruppiert werden. TCL will noch weiter gehen: In ihren 2021er Modellen sollen zwar «nur» 21 000 Mini-LEDs zum Einsatz kommen, diese gruppieren sich aber zu 5000 Dimmzonen. Geil.

Und wo wird sich Samsung positionieren?

Schönes Sofa. Warum sitzt der middle aged Mann nicht darauf?
Schönes Sofa. Warum sitzt der middle aged Mann nicht darauf?
Samsung Newsroom

In der Pressemitteilung schweigt sich der TV-Hersteller in Punkto Anzahl Mini-LEDs und Dimmzonen aus.

Die Pressemitteilung wirbt dafür mit dem neuen Super-Prozessor, der AI-Upscaling neu definiert: Bisher kannte der Samsung-Prozessor ein neuronales Netzwerk, das selbstständig entscheidet und manchmal dazulernt, wie es am besten Inhalte auf UHD oder 8K hochskaliert. Neu kommen 16 neuronale Netzwerke zum Einsatz. Jedes widmet sich einem dedizierten Aufgabenbereich. Auflösung, Farbe, Bewegungsunschärfe, Bildrauschen, Ton. Solche Sachen.

Auch hier: Marketing-Bla? Revolution? Keine Ahnung. Ich werd’s wohl selber testen müssen.

Micro LED, yay! Aber wie teuer?

Micro LED ist so ein Dauerbrenner-Thema bei Samsung. Die Technologie der Zukunft. Von Industrie-Seite – namentlich der Konkurrenz – höre ich aber immer wieder so Sachen wie: «Nö, das dauert noch ‘ne Weile, bis sie’s massentauglich hab’n». Samsung hingegen spricht seit 2018 darüber, als ob die Zukunft des Fernsehers unmittelbar bevorstünde.

Wer hat Recht?

Samsung jedenfalls ist der erste Hersteller, bei dem ich von Micro LED gehört habe. Mittlerweile forschen auch LG und Sony fleissig an der Technologie. Zeigen hier und da Prototypen. Oder Industrie-Modelle. Nur nicht ganz so laut wie Samsung. Schliesslich soll OLED nicht verfrüht ausgedient wirken. Dennoch: Dass Micro LED kommen wird, bezweifelt niemand. Es stellt sich nur die Frage nach dem «Wann».

Micro LED ist definitiv die Zukunft. Aber wie greifbar ist sie wirklich?
Micro LED ist definitiv die Zukunft. Aber wie greifbar ist sie wirklich?
Samsung Newsroom

Kein Wunder pocht Samsung auf ein derart überlegenes Stück Technologie. Umso mehr, weil sich das Unternehmen endlich wieder als Pionier positionieren kann: In der Causa OLED ist Samsung ja anno 2014 aus dem Geschäft ausgestiegen, um sich auf QLED und Micro LED zu spezialisieren. Zumindest bei Fernsehern; das Unternehmen stufte die OLED-Technologie als zu unausgereift und teuer in der Forschung und Entwicklung ein. Die Rolle des Pioniers spielt seit dem LG.

War das die richtige Entscheidung?

Viele Branchenexperten sind der Meinung, dass Samsung die Strategieänderung wahrscheinlich bereut. Mittlerweile dominiert OLED nämlich den High-End-TV-Bereich, wo die fetten Margen sind, auch wenn’s die Südkoreaner nicht gerne zugeben. Noch ein Grund, warum Micro LED eine übergeordnete Rolle im Marketing Samsungs spielt.

Was kann Samsung dagegen tun? Wieder ins OLED-Geschäft einsteigen? Aufholen? Gerüchte, dass Samsung genau das plane, gibt es zuhauf. Ob sie sich bewahrheiten, ist eine andere Frage.

Bis dahin kann Samsung mindestens einmal im Jahr erwähnen, dass es Micro LED gibt und ihr die Zukunft gehöre. Vielleicht werden potenzielle OLED-Kunden dazu gebracht, noch ein wenig mit dem TV-Kauf zu warten. Für dieses Jahr verspricht Samsung immerhin ein 99-Zoll grosses Modell auf den Markt zu bringen. Ende Jahr sogar noch kleinere Modelle. 85 Zoll zum Beispiel. Das mag für den Massenmarkt noch etwas gross ein. Aber immerhin.

Jetzt die wichtigste Frage: Wie teuer wird der erste Micro-LED-TV sein?

Die Pressemitteilung schweigt sich aus. Ziemlich bewusst, vermute ich. Die Zahlen, die laut Computerbase nämlich rumgeistern, haben’s in sich. Halt dich fest. Hältst du dich fest? Okay. Jetzt kommt’s.

Das 110-Zoll-Modell soll 129 000 Euro kosten.

Warten wir mal die offiziellen Keynotes ab

Ich mag Pressemitteilungen nicht, die mir Sensationelles vorgaukeln, aber dann essentielle Informationen auslassen. Wie soll ich so realistisch einschätzen können, wie sensationell die Sensation tatsächlich ist?

Gerade was Micro LED betrifft. Die Technologie klingt beeindruckend. Höre ich mich in der Branche um, dann meinen aber die Meisten, dass es noch gute vier, fünf Jahre dauern wird, bis Micro LED nicht nur verfügbar, sondern auch bezahlbar ist. Ich wünschte, Samsung würde diese Stimmen Lügen strafen. Bald. Aktuell sieht’s nicht danach aus.

Ein bisschen Hoffnung habe ich noch. Um den Montag herum, 11. Januar, werden viele TV-Hersteller ihre offiziellen Keynotes abhalten. Auch Samsung. Hoffentlich mit mehr Details. Wenn sich dann was Neues zum Thema sagen lässt, werdet ihr von mir hören.

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Luca Fontana
Luca Fontana
Editor, Zurich
I'm an outdoorsy guy and enjoy sports that push me to the limit – now that’s what I call comfort zone! But I'm also about curling up in an armchair with books about ugly intrigue and sinister kingkillers. Being an avid cinema-goer, I’ve been known to rave about film scores for hours on end. I’ve always wanted to say: «I am Groot.»

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