Wenn die Mukis schwinden
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Wenn die Mukis schwinden

Patrick Bardelli
Zürich, am 10.04.2019
Muskelschwund nach einer Sportverletzung ist zum Kotzen. Da hast du dich monatelang im Gym gequält und in wenigen Wochen ist alles weg. Was denkt sich der Körper nur dabei?

Dein Körper ist eine gut funktionierende Maschine. Wird ein Teil nicht gebraucht, fährt er dort die Energie auf ein Minimum zurück. Und zwar ruckzuck. Notstromversorgung sozusagen. Mein linker Arm kann ein Lied davon singen. Warum tut mir mein Körper das an? «Weil er clever ist», lautet die Antwort des Ergotherapeuten. Ich bin in Behandlung, nachdem ich mir beim Skifahren den linken Mittelhandknochen gebrochen habe, mit anschliessender Operation:

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Die Muskelatrophie

Die OP liegt nun gut einen Monat zurück. Seither konnte ich nicht mehr richtig trainieren. Und wenn ich heute in den Spiegel schaue, bekomme ich Schreikrämpfe. Die Muskelatrophie schlägt zu. Darunter ist die von blossem Auge sichtbare Umfangsabnahme eines Skelettmuskels zu verstehen. Ich sitze beim Ergotherapeuten und jammere ihm die Ohren voll. Er hört sich mein Wehklagen über den Muskelschwund an und fragt: «Hast du gewusst, dass der Muskelverlust rund sechsmal schneller vonstatten geht als der Muskelaufbau?» Nein, das habe ich nicht gewusst. Bis heute.

Lichterlöschen im Gästezimmer

Und warum zur Hölle ist es nicht umgekehrt? «Tja, schön wärs. Und dennoch ist es sehr clever, was dein Körper da gerade macht», fährt Michael, der Ergotherapeut, fort. Ich bin überrascht und will mehr wissen. «Warum soll dein Organismus Energie für ein Körperteil aufwenden, das aktuell nur sehr reduziert in Gebrauch ist? Das wäre eine Verschwendung der Ressourcen. Darum wird die Energiezufuhr auf ein Minimum zurückgefahren.» Ja, das macht Sinn. Ich drehe die Heizung im Gästezimmer schliesslich nur auf, wenn Besuch da ist. Ansonsten läuft sie auf Sparflamme. Und das Licht bleibt aus.

Du Jäger, ich Büro

Wir haben die Körper von Jägern und Sammlern. Die Steinzeit steckt uns quasi in den Knochen. Ich stelle mir vor, wie unsere Vorfahren vor 100 000 Jahren durch die Pampa ziehen. Nahrung ist Mangelware und muss entweder gejagt oder gesammelt werden. Jeden Tag aufs Neue. Ressourcenverschwendung? Eine ganz schlechte Idee: Jede Kalorie will optimal genutzt sein, sonst machst du es in der Wildnis nicht lange. Jetzt verstehe ich, was sich mein Körper dabei denkt. In der Steinzeit ist diese «Sparmassnahme» überlebenswichtig. Aber heute? Die Evolution hält nicht mit der Zivilisation Schritt.

Jäger und Sammler
Jäger und Sammler
Jäger und Sammler 2.0
Jäger und Sammler 2.0

Ein durchschnittlicher Tagesablauf

  • Tagesablauf Jäger und Sammler: Jagen, sammeln, essen, fortpflanzen, schlafen und am nächsten Tag alles wieder von vorne. Sparsamer Umgang mit körpereigenen Ressourcen = sehr gute Idee.

  • Tagesablauf Jäger und Sammler 2.0.: Im Tram sitzen, im Zug nach Zürich sitzen, in der S-Bahn sitzen, im Büro sitzen, über Mittag nicht ins Gym, da Hand kaputt, in der Kantine sitzen, essen, wieder im Büro sitzen, in der S-Bahn sitzen, im Zug nach Basel sitzen, im Tram sitzen, essen, vor dem TV sitzen, fürs Fortpflanzen zu müde, schlafen und am nächsten Tag wieder alles von vorne. Sparsamer Umgang mit körpereigenen Ressourcen = schlechte Idee. Resultat: dünner Arm, dicker Bauch.

Fazit

Warum tut mir mein Körper das an und lässt die Muskeln schwinden? Weil er noch nicht im Jahr 2019 angekommen ist. Sein Ressourcen-Management war vor 100 000 Jahren sehr clever und hat zum Überleben in der Wildnis beigetragen. Heute macht es meinen Arm dünn und meinen Bauch dick. Umgekehrt wäre besser.

Hallo Evolution, mach mal vorwärts. Wir sind nicht mehr in der Steinzeit.
Hallo Evolution, mach mal vorwärts. Wir sind nicht mehr in der Steinzeit.

Und das nächste Mal bei «Patrick bricht sich was ...»

Die Zeit des Wehklagens ist vorbei, genug geredet. Ab jetzt wird wieder trainiert, gebrochene Hand hin oder her. Schmerz ist schliesslich nur Schwäche, die den Körper verlässt. Bleiweste an und ab ins Gym. Folge mir hier und du bist hautnah dabei.

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Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
Senior Editor, Zürich
Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

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