

Vom Handwerk zum Code – wenn dein Löffel aus dem 3D-Drucker kommt
Seit 150 Jahren hat sich an der Herstellung von Besteck nichts getan. Zwölf Designerinnen und Designer wollen das ändern – mit Löffel, Gabel und Messer aus dem 3D-Drucker.
Wann hast du das letzte Mal über deinen Löffel nachgedacht? Eben. Dabei ist Besteck eines der persönlichsten Dinge auf deinem Tisch – wir berühren es bei jeder Mahlzeit, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden. An den «3daysofdesign» habe ich die Ausstellung «Design/Dialogue» von Ark Journal besucht, und dort hat mich ein Projekt gepackt, das genau diese Selbstverständlichkeit infrage stellt: «Knife, Fork, Spoon 3.0».
Dahinter stehen die Galerie Marta aus Los Angeles und der New Yorker Kurator Dung Ngo. Gemeinsam haben sie zwölf zeitgenössische Besteck-Kollektionen in Auftrag gegeben – alle im 3D-Druckverfahren aus Edelstahl gefertigt. Ziel des Projekts ist nicht bloss eine neue Optik, sondern der Beweis, wie eine neue Technologie jahrhundertealte Fertigungszwänge sprengen und alltäglichen Objekten völlig neue Formen und Bedeutungen verleihen kann.
Vom Handwerk zur Maschine – und jetzt zum Code
Seit der Industrialisierung wird Besteck grösstenteils gleich hergestellt: mit schwerem Werkzeug und teuren Maschinen, die Innovation eher bremsen als fördern. Wie Dung Ngo gegenüber Dezeen sagte: «Flatware hat sich als Industrie seit über 100 Jahren praktisch nicht weiterentwickelt». Quasi Stillstand seit dem Höhepunkt der industriellen Revolution und der Erfindung von rostfreiem Stahl. Wenn handgefertigtes Besteck «Version 1.0» ist und die industrielle Fertigung «Version 2.0», dann steht der 3D-Druck jetzt für «Version 3.0».

Ngo weiss, wovon er spricht: Er sammelt seit 25 Jahren Besteck, besitzt mittlerweile über 10 000 Stücke und hat gerade ein 600-seitiges Buch dazu veröffentlicht: «Knife Fork Spoon: Modernist Cutlery 1900–2025». Gegenüber CNN bringt er das strukturelle Problem der bisherigen Massenproduktion auf den Punkt: «Wir beginnen mit einem flachen Stück Blech – und biegen es dann.»
Genau hier setzt die Idee von «Version 3.0» an: Statt das Material durch Biegen, Stanzen und Pressen in Form zu zwingen, baut der 3D-Druck die Objekte Schicht für Schicht dreidimensional im Raum auf. Das löst das Design von den Einschränkungen der flachen Blechplatte. Der 3D-Druck dient hier also nicht als Spielerei, sondern als Werkzeug, um die Grenzen der Ergonomie, der Materialverteilung und der Formgebung neu auszuloten.
Ein Beispiel dafür, wie lange im Besteckdesign schon mit 3D-Druck experimentiert wird: Der Architekt Greg Lynn entwickelte bereits 2007 für Alessi ein gedrucktes Besteck mit pflanzenähnlichen Formen. Damals liess sich das nur in kleiner Auflage und zu sehr hohen Kosten realisieren. Laut Dezeen macht der technische Fortschritt die Stücke heute deutlich erschwinglicher. Fast zwanzig Jahre später ist Lynns Entwurf nun Teil dieser Ausstellung, zusammen mit elf neuen Positionen.

Zwölf Handschriften, ein Material
Was die Liste der beteiligten Personen zeigt: Es gibt nicht die eine Antwort auf die Frage, wie 3D-gedrucktes Besteck aussehen soll. Jolie Ngo etwa verfolgt einen verspielten, figürlichen Ansatz. Ihr Besteck soll sich anfühlen wie Begleiter am Tisch, die du während der Mahlzeit in der Hand hältst.

Auf der anderen Seite des Spektrums stehen die eher forschungsgetriebenen Ansätze der amerikanischen Architekturbüros Johnston Marklee und Charlap Hyman & Herrero, deren Stücke mit ungewöhnlichen, teils wellenförmigen Formen experimentieren.

David Wisemans Interpretation «Three Kingdoms» bewegt sich irgendwo zwischen Skulptur und Gebrauchsgegenstand. Auch das New Yorker Büro Solid Objectives Idenburg Liu hat sich dem Material forscherisch genähert: Florian Idenburg übersetzte vertraute Besteckformen in ein filigranes, durchlässiges 3D-Gitter – eher eine Zeichnung im Raum als ein klassisches Besteckstück.


Das Magazin Wallpaper* beschreibt den grösseren Trend übers Besteck hinaus an dieser Ausgabe der «3daysofdesign» treffend: Viele der stärksten Projekte der Woche haben nichts neu erfunden, sondern das Alltägliche mit Sorgfalt behandelt. Und ganz nebenbei zeigt «Knife Fork Spoon 3.0», dass Alltag und Minimalismus nicht zwingend zusammengehören: «Alltäglich heisst nicht zwangsläufig minimalistisch».
Marcin Rusak zum Beispiel bringt mit seinem an eine Orchidee erinnernden Stück eine botanische Handschrift ins Projekt. Sie ist geprägt von seinem Grossvater, der als Orchideenzüchter arbeitete.


Nach der Ausstellung sollen die Entwürfe übrigens als Open Edition bei Marta erhältlich sein, falls du also selbst mal mit einer 3D-gedruckten Gabel essen willst.
Ein Kapitel einer grösseren Geschichte
«Knife, Fork, Spoon 3.0» ist kein einmaliges Ausstellungsprojekt, sondern Teil von etwas Grösserem: Seit Mai 2026 zeigt das Denver Art Museum die Ausstellung «Knife Fork Spoon: Everyday Tools, Extraordinary Design» – rund 150 Besteck-Sets aus über einem Jahrhundert Designgeschichte, von 1900 bis heute. Neben historischen Arbeiten von Eliel Saarinen, Gio Ponti oder Zaha Hadid sind auch die neu in Auftrag gegebenen Stücke aus Kopenhagen zu sehen. Wie das Museum schreibt: Besteck erzählt eine Geschichte der Kreativität, die Generationen überspannt.

Was mich an diesem Projekt am meisten überzeugt: Es geht darum, ganz genau hinzuschauen, was ein Objekt sein kann, das wir jeden Tag in die Hand nehmen – und wie neue Technologie ihm eine neue Form geben kann.
Und auch wenn das Besteck aus unserem Sortiment noch bei Version 2.0 steht: Ein bisschen Charakter darf's trotzdem sein.

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4 Stk., Besteck Set

Sola Besteck-Set Vector, poliert, 16-tlg
16 Stk., Besteck Set

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Alessi Conversational Objects
17 Stk., Besteck Set
In dieser Beitrag-Reihe geht's um moderne Tischkultur, die gerade ihr Comeback feiert – mutig, funky und alles dazwischen. Der Tisch wird zur Bühne für Design und Genuss. Geschirr, Besteck, Gläser? Klare Statements. Heute geht's auch darum, wie Technologie unser Verständnis von Handwerk verändert.
Mit der Begeisterung eines Cheerleaders feiere ich gutes Design und bringe dir alles näher, was mit Möbeln und Inneneinrichtung zu tun hat. Regelmässig kuratiere ich einfache, aber raffinierte Interior-Entdeckungen, spüre Trends auf und interviewe kreative Köpfe zu ihrer Arbeit.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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