So geht nachhaltiges Design
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So geht nachhaltiges Design

Pia Seidel
Zürich, am 16.10.2020
Bilder: Manuel Wenk
Nachhaltiges Design soll zeitlos sein – es darf nicht aus der Mode kommen. Designerin Cornelia Stahl hat erforscht, was das bedeutet und setzt es jetzt für das Heimtextilien-Label «#Lavie» in die Praxis um.

Eigentlich hatten Cornelia Stahl und ihre Studienkollegin Emanuela Zambon einen klaren Plan: Nach dem Master mit dem frisch gegründeten Label Zambon & Stahl durchzustarten. Doch als sie Oliver Balsiger, den Geschäftsleiter von Balsiger Textil, während ihres letzten Studienjahres treffen, kommt es anders. Beide sind von seiner Idee, nachhaltige Heimtextilien herzustellen, so begeistert, dass sie Teil davon sein wollen. «Heimtextilien waren damals in Sachen Nachhaltigkeit im Vergleich zur Mode weniger im Fokus, erklärt Cornelia. «Dabei liegt auch Bettwäsche direkt auf der Haut, nimmt eine grosse Fläche ein und verändert optisch viel im Raum.»

Noch vor ihrem Masterabschluss gestalten die Designerinnen Muster für die erste Kollektion von #Lavie mit. Vier Jahre später treffe ich Cornelia mit Oliver im ersten Showroom in Zürich, der noch nach frischer Farbe und Holzparkett duftet. Cornelia führt mich durch den Raum und erzählt mir, woher ihre Begeisterung für Textilien kommt und was nachhaltiges Design voraussetzt.

Zeitlose Muster

Bereits während ihrer Lehre zur Dekorationsgestalterin ist Cornelia fasziniert davon, wie viel ein Stoff als Fläche für die Mustergestaltung hergibt. «Du kannst ein Muster drucken, weben und auf so viele Arten interpretieren», erklärt sie. «Das hat mich motiviert, im Anschluss Textildesign zu studieren.» An der Hochschule Luzern wird ihr vom ersten Tag an vermittelt, wie viel Einfluss jeder neue Entwurf auf die Umwelt haben kann. Das prägt die Jungdesignerin. Im Studium beschäftigt sie sich deshalb mit Upcycling und findet beispielsweise einen Weg, wie sich altes Parkett wiederverwerten lässt.

Cornelia Stahl beschäftigt sich seit Langem damit, was ein Muster beständig macht.
Cornelia Stahl beschäftigt sich seit Langem damit, was ein Muster beständig macht.

Etwas später widmet sie sich in ihrer Masterarbeit der Mode. Cornelia möchte herausfinden, welche Eigenschaften zeitlose Muster haben. Parallel dazu setzt sich ihre Mitstudentin Emanuela mit dem Begriff «unisex» in der Mode auseinander. Sie befragen unterschiedliche Personen zu Farben, Muster und Kleidungsstücken, die sie am längsten im Kleiderschrank haben.

Im frisch eröffneten Showroom und Atelier: Cornelia Stahl (r.) mit Oliver Balsiger (l.).
Im frisch eröffneten Showroom und Atelier: Cornelia Stahl (r.) mit Oliver Balsiger (l.).

Die Antworten von der Masterarbeit fliessen in die Entwürfe der ersten #Lavie-Kollektion 2016 ein. Schliesslich ist das, was wir gerne tragen, auch ein Indiz dafür, womit wir uns gerne zuhause umgeben. Es sind klare Formen wie Karos, Streifen und Punkte sowie zweifarbige Muster, die laut Umfrage als zeitlos wie auch unisex gelten. Farben wie Schwarz, Weiss, Blau, Rot, Grün sind besonders beliebt. Ein besonders lange aufbewahrtes Kleidungsstück sei ausserdem entweder schlicht oder schrill, aber nichts dazwischen. Die Designerinnen setzen in der Mustergestaltung deshalb seither auf zurückhaltende Muster mit gedeckten Farben. Das entspricht auch dem, was Cornelia beim Besuch trägt: einen dunkelgrünen Pullover und gerade geschnittene Bluejeans.

Die Kombination der unterschiedlichen Farben bringt Abwechslung.
Die Kombination der unterschiedlichen Farben bringt Abwechslung.
Die Moodboards geben den Ton für die kommende Kollektion an.
Die Moodboards geben den Ton für die kommende Kollektion an.

Jährlich sollen nur zwei bis drei neue Farben oder Prints zur Unipalette von #Lavie ergänzt werden. Um diese zu ermitteln, sind Cornelia und Emanuela im engen Austausch mit Oliver und dem Team. Für jede neue Kollektion wird ein Thema gemeinsam bestimmt. Das sorgt jedes Mal für Gesprächsstoff.

«Beim Erstellen des Moodboards diskutieren wir am meisten, erklärt Cornelia. «Jedes Bild auf dem Board wird genau untersucht, damit alle vom Gleichen sprechen.» Im Anschluss zeichnen die Designerinnen erste Entwürfe von Hand und am selben Ort. Sie digitalisieren die Skizzen später. So können beide individuell von überall aus daran weiterarbeiten. Am Ende tragen sie die Skizzen zurück ins Team, bevor diese in die Produktion nach Portugal gehen.

Aus der Hand geben können

Das Gestalten im Duo unterscheidet Cornelia und Emanuela von den meisten kreativen Köpfen. Es ist in der Branche üblich, sich als alleine einen Namen zu verschaffen. Aktuelle Designgrössen wie Patricia Urquiola, Jamie Hayon oder Sebastian Herkner benennen ihre Marken nach sich selbst – egal, wie viele Köpfe dahinter stecken. «Du musst deine eigenen Ideen auch loslassen können. So entsteht etwas Neues.» Dasselbe gilt für den Druck der Prints, meint sie. Manchmal gibt es Entwürfe, die sich nicht wie gewünscht drucken lassen.

Die Skizzen entstehen immer zuerst von Hand.
Die Skizzen entstehen immer zuerst von Hand.
Sie werden erst im Nachhinein digitalisiert.
Sie werden erst im Nachhinein digitalisiert.

Die Kommunikation mit der Produktion übernimmt grösstenteils Oliver, der einen betriebswissenschaftlichen Hintergrund hat. Er tauscht sich mit den Herstellern in Portugal aus und meldet, wenn die erste Stoffprobe nicht den Vorstellungen entspricht. «Es schmerzt, wenn ein Druck verpixelter als gedacht ist oder ein Element aufgrund der eingeschränkten Druckmöglichkeiten wegfällt,» sagt Cornelia. Ich stecke so viel Herzblut in die Zeichnung. Das ist schwierig. Obwohl ich ja weiss, dass für Aussenstehende nicht ersichtlich ist, was fehlt.» Ist die Ware aber bereits produziert, kommt das Wegwerfen rein wegen der Optik nicht in Frage. Lieber stellt die Designerin ihr persönliches Anliegen hinten an.

Oliver stellt sicher, dass das Label nachhaltig und wettbewerbsfähig ist.
Oliver stellt sicher, dass das Label nachhaltig und wettbewerbsfähig ist.

Zwei Seiten

In den Umfragen der Masterarbeit war ein hochwertiges Material die Voraussetzung für alle Lieblingsstücke. #Lavie setzt auf Leinen und seit zwei Jahren auch auf GOTS-zertifizierte Bio-Baumwolle. Für das zweite Label namens Journey Living kommen Bio-Satin und -Tencel dazu. Die ein- oder zweifarbigen Muster für die Bettwäsche und Modelle Finn entstehen mittels Pigmentdruck. Sie werden auf den Stoff aufgetragen und dann fixiert. Dieses Druckverfahren benötigt im Vergleich zum Reaktivdruck, bei dem die Farbe im Prozess in die Faser eindringt, weniger Wasser. Das vor allem, wenn dabei wie beim Modell Finn nur eine Seite bedruckt wird.

Seit diesem Jahr zeichnet Cornelia auch für den Neuzuwachs: Das Label «Journey Living».
Seit diesem Jahr zeichnet Cornelia auch für den Neuzuwachs: Das Label «Journey Living».

Die einzelnen Designs von #Lavie sollen einerseits schlicht und zeitlos sein, damit sie modischen Strömungen widerstehen. Andererseits sollen sie sich die uni- mit den zweifarbigen Muster gut miteinander kombinieren lassen. Da Cornelia seit ihrer Recherche von damals weiss, dass sich Ein- und Zweifarbiges über die Jahre zu bewähren scheint, macht ihr die Einschränkung beim Entwerfen nichts aus. Sie möchte zwar einzigartige Muster entwerfen, aber nicht um jeden Preis. Lieber konzentriert sie sich auf das grosse Ganze und die Entwicklung des Labels. «#Lavie soll nicht schnelllebig sein. Wir wollen zwar wachsen, aber das bewusst und nachhaltig.»

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Pia Seidel
Pia Seidel
Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein


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