Gibt es heute noch eine Design-Doktrin wie einst Bauhaus oder Memphis?

Gibt es heute noch eine Design-Doktrin wie einst Bauhaus oder Memphis?

Pia Seidel
Zürich, am 28.01.2022
Bilder: Pia Seidel

Im 20. Jahrhundert folgte Produktdesign klaren Leitmotiven. Heute fehlen diese weitgehend – oder werden nur noch zitiert. Woran aber orientieren sich die kreativen Köpfe des 21. Jahrhunderts?

Jugendstil, internationaler Stil oder Art déco – im 20. Jahrhundert dominierten einst Kollektive, die eine klare Meinung hatten und einheitliche Gestaltungsgrundsätze in ihren Designs verfolgten. Mittlerweile scheint niemand mehr zu diktieren, was «gutes Design» ist. Zumindest nicht wie damals.

Ich will wissen, was Designer:innen, Innenarchitekt:innen und Kreative heute antreibt und wer oder was sie inspiriert. Dazu rolle ich zunächst einen Teil der Designgeschichte auf. Denn wenn du die aktuellen Entwürfe der aufstrebenden Talente verstehen willst, musst du erstmal wissen, welche Bewegung sie gerade zitieren.

Minimalismus vs. Maximalismus

Zwei der wichtigsten und unterschiedlichsten Stilrichtungen waren «Das Bauhaus» und «Memphis». Wo die Bauhaus-Bewegung für Funktionalismus und schnörkelloses Design stand, vertrat das italienische Kollektiv die Meinung, dass auch reines Dekor in der Gestaltung der Dinge eine Funktion und Berechtigung hat.

Die Bauhaus-Protagonisten eiferten ab den 1920er-Jahren dem Leitsatz «form follows function» des Architekten Louis Sullivan nach. Ob Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe – sie standen für den Grundsatz, dass die Ästhetik sich nach dem Zweck richten muss. Der Wassily Chair von Designer und Architekt Marcel Breuer ist ein Beispiel dafür. Er besteht aus einem verschweissten Stahlrohrgerüst und Lederstreifen. Keine Farbe, keine Verzierungen, keine Naht. Reduktion auf das Nötigste.

Tischlampe «Tahiti» vom italienischen Designer und Architekten Ettore Sottsass.
Tischlampe «Tahiti» vom italienischen Designer und Architekten Ettore Sottsass.

Die Mailänder Gruppe «Memphis» reagierte vierzig Jahre später mit einem kunterbunten Konfetti-Kanonen-Knall. Die Bewegung richtete sich radikal gegen den «guten Geschmack» des in den Siebzigern vorherrschenden Funktionalismus. Memphis-Mitgründer Ettore Sottsass verpasste zum Beispiel seiner spielzeugartigen Tischlampe Tahiti alles, was ging: einen irreführenden Namen, bunte Farben, verschiedene Materialien, eine Schräglage, die Silhouette einer Ente und einen schwarz-weissgemusterten Laminatfuss. Das Muster ist ein «Feld aus schwarzen Schnörkeln» und laut Sottsass von einem buddhistischen Tempel im indischen Madurai inspiriert. Was das mit Tahiti zu tun haben sollte, bleibt offen.

Memphis-Mitglied und Designerin Martine Bedin ging mit einem rollenden Igel Gassi. Die halkkreisförmige Lampe Super steht nicht nur auf Rädern. Sie wird auch wie ein Riesenrad von mehreren aneinandergereihten Glühbirnen beleuchtet. Quirlig, verspielt und nah dran, unbrauchbar zu sein. Das waren Memphis Designs. Aber die Farben und Formen hatten einen ganz bestimmten Zweck: positive Emotionen und Gefühle in den Menschen zu erwecken.

Lampe auf zwei Rädern: «Super» von der Designerin Martine Bedin.
Lampe auf zwei Rädern: «Super» von der Designerin Martine Bedin.

Unterdessen ist Memphis eine Firma, die bis heute bestimmt, wie die Originale präsentiert werden. Zuletzt sah ich eine Auswahl ihrer Stücke während der Genfer Design Days. Sie gefielen mir nicht, aber ich wusste genau, welcher Designgedanke dahinter steckt. Während ich bei anderen ausgestellten Arbeiten zeitgenössischer Designer:innen keinen Schimmer hatte. Ohne Nachlesen und -fragen, geht da nichts.

Sottsass-Spiegel «Diva»: Die Kreise erfüllen lediglich einen dekorativen Zweck.
Sottsass-Spiegel «Diva»: Die Kreise erfüllen lediglich einen dekorativen Zweck.
Die Laminierung wird sich mit der Zeit abnutzen.
Die Laminierung wird sich mit der Zeit abnutzen.

Dass es heute keine neue Design-Doktrin zu geben scheint, erkenne ich etwa daran, dass Designlabel gerade besonders gern die Memphis-Strömung zitieren. Die Optik des Sottsass-Spiegels Ultrafragola wurde beispielsweise vom Jungdesigner Gustav Westmann aufgegriffen. Das Original ist wellenförmig und rosa im beleuchteten Zustand, ausgeschaltet ist der Rahmen weiss. Gustavs Version namens Curvy Mirror ist auch wellenförmig und besitzt auch einen rosafarben Rahmen. Dank der schwedischen Stylistin Hanna MW, die den rosafarbenen Wellenspiegel gekonnt auf Social Media inszenierte, ging der Gustavs Wellenspiegel 2020 viral. Das verriet der Designer dem Online-Magazin Beige. Nur erwähnt er dabei nicht, woher die Inspiration stammt.

Der Kartell-Hocker «Pilastro» aus dem Jahr 2015 ist von Ettore Sottsass inspiriert.
Der Kartell-Hocker «Pilastro» aus dem Jahr 2015 ist von Ettore Sottsass inspiriert.
Ausstellung: Design Days Genève.

Etablierte Marken bekennen sich hingegen offen, wenn sie etwas von Memphis abkupfern. Alessi und Kartell benannten ihre quirligen Kollektionen sogar nach Sottsass. Wer böse sein will, nennt sie alle, wie der AD-Kolumnist Ulrich Clewing in seiner AD-Kolumne, «Nachahmer, die seit einiger Zeit massenweise durch das Internet irrlichtern wie Glühwürmchen in einer Mai-Nacht». Was Clewing geflissentlich ausser Acht lässt: Es ist schwer, das Rad neu zu erfinden. Ist die neue Design-Doktrin also das Zitat?

Pilastro Hocker Ettore Sottsass Edition
322.99
Kartell Pilastro Hocker Ettore Sottsass Edition
2
Trix Liege Ettore Sottsass Edition
Kartell Trix Liege Ettore Sottsass Edition

Form Follows what?

Architekt und Designer Matteo Thun, der selbst zum Mailänder Kollektiv gehörte, sagte dem Magazin Wallpaper einmal, Memphis sei vielleicht «die letzte starke Designbewegung» gewesen. Er glaubt, dass die heutige Welt kein Dogma mehr fordert. Ich stimme ihm zu. Zitate im Produktdesign sind da nur eine logische Konsequenz. Trotzdem frage ich mich, was kreative Köpfe heute antreibt. Warum zitieren die einen die Moderne und die anderen die Postmoderne? Warum suchen sie stets nach besseren Designlösungen, obwohl es doch schon alles zu geben scheint?

In meiner neuen Serie gehe ich diesen Fragen nach. Als Erstes unterhalte ich mich mit Astrid Haury. Sie ist Trend- und Zukunftsforscherin sowie Gründerin der Upcycling-Plattform Trash2Treasure und wird mir erzählen, womit sie gerade unsere Welt bereichern will. Folge mir als Autorin, um die erste Folge nicht zu verpassen.

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Pia Seidel
Pia Seidel

Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein

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