Pressluft: Unerwartete Hilfe bei einem verstopften Abfluss

Pressluft: Unerwartete Hilfe bei einem verstopften Abfluss

Livia Gamper
Zürich, am 26.01.2022

Nie hätte ich gedacht, dass Pressluft bei einem verstopften Siphon hilft. Und dass die Anwendung so einfach, idiotensicher und chemiefrei ist. Auch bei meinem scheinbar aussichtslosen Fall.

Das Problem hat sich angekündigt. Das Wasser in meinem Badezimmer-Lavabo fliesst immer langsamer ab. Ein klarer Fall für einen Buchenholzstab, denke ich. Der Stab soll mittels einer Drehung einfach die Haare aus dem Abfluss ziehen. Ich fingere mit dem Stab wie wild in meinem Abfluss herum – heraus kommt dabei nichts. Ein tiefer Blick mit der Taschenlampe zeigt, es ist nicht der Abfluss, der verstopft ist, sondern der untere Teil des Siphons. Keine Chance dort mit dem nachhaltigen Stab hinzukommen. Mist. Als handwerklich komplett untalentierter Mensch habe ich jetzt ein Problem.

Das Problem sitzt tief unten.
Das Problem sitzt tief unten.

Erste Recherchen im Internet ergeben, dass ich in diesem Fall den Siphon aufschrauben soll um die Rohre zu reinigen. Den Abfluss meiner 70er-Jahre-Mietwohnung zu öffnen wäre eine Sache – ihn wieder zu zuzukriegen hingegen aus meiner Sicht ein Ding der Unmöglichkeit. Nicht nur wegen meiner handwerklichen Inkompetenz, sondern auch weil die Dichtungen so spröde sind, dass sie schon beim Ansehen zu zerbröseln drohen.

Was nun?

Keine Chemie und keine Rohrzangen

Die Chemiekeule habe ich schon angewendet – der umwelttechnische Supergau hat meine Rohre jedoch nicht frei gemacht. Unterdessen ist der Siphon gar so fest verstopft, dass das Wasser nach jedem Händewaschen steht. Sehr peinlich, wenn Besuch da ist.

Ich muss härtere Geschütze auffahren. Das heisst, meinen Vater bitten, aus dem Thurgau in die Stadt Zürich zu fahren, um mir zu helfen. Da er mir sein handwerkliches Talent nicht vererbt hat, muss er persönlich ran. In seinem Fundus hortet der Hobby-Handwerker jegliche Zangen, Dichtungen und Schrauben, alles hilfreich aussehendes Material.

Nach einer kurzen Betrachtung des Problem-Syphons kommt Vater zum gleichen Schluss wie ich: Das Öffnen der Rohre endet eher in einer Katastrophe als einer Befreiung.

Pressluft pumpen – geht das gut?

Aber Papa wäre nicht erprobter Hobby-Handwerker, wenn er nicht für das aus meiner Sicht aussichtslose Problem eine Lösung parat hätte. Pressluft soll es sein. Ich sässe ja an der Quelle, meint er. Ich solle mir auf Galaxus einfach so ein Ding bestellen, das Luft in den Abfluss jagt, das sei auch ganz günstig. Während sich mein Vater auf die Heimfahrt in den Thurgau macht, schaue ich nach und werde schnell fündig.

Die Bewertungen loben das seltsame rote, wie eine Bohrmaschine für Kinder, aussehende Teil in den Himmel. «Wenn alles entstopft ist, muss man leider wieder warten bis zum nächsten Mal...» schreibt User Deusmortuorum666. Da mir sowieso nicht mehr viel übrig bleibt, bestelle ich mir die sanitäre Luftdruckpistole.

Hoffentlich sprengt mir das nicht die gesamten alten Rohre weg.

Tags drauf ist das rote Pressluft-Ding da. Die Packungsbeilage ist knapp gehalten. Den Überfluss muss ich zwecks Vakuumbildung abdichten. Ich mache das mit einem Putzlappen. Um Beschädigung zu vermeiden, soll der Siphon gemäss der Packungsanleitung abgestützt werden. Ich mache das behelfsmässig mit einem umgedrehten Eimer und alten Büchern.

Die alten Bücher aus dem Studium sind doch noch nützlich.
Die alten Bücher aus dem Studium sind doch noch nützlich.

Dann den richtigen Aufsatz fürs Lavabo auf das rote Teil. Etwas Wasser soll ich noch ins Lavabo laufen lassen, meinte mein Vater. Das sei besser fürs Vakuum, das es braucht, um das Rohr freizupressen. Darauf folgt der letzte, für mich wichtigste Hinweis: «Pass uf, das cha s Wasser denn uesprütze.» Eine Horror-Vorstellung, Syphon-Wasser ins Gesicht zu kriegen. Dementsprechend rüste ich mich aus mit Gesichtsmaske und einer alten Schutzbrille.

Das rote Teil ist grösser als gedacht.
Das rote Teil ist grösser als gedacht.

Fall gelöst, Lavabo befreit

Ich pumpe los und drücke ab. Wasser spritzt hoch. Zum Glück nur an meinen Spiegel, nicht in mein Gesicht. Und plötzlich ist da weisser Rauch. Keine Ahnung, ob der aus dem Abfluss kommt, die Pressluftpistole gerade überhitzt oder ein neuer Papst gewählt wurde. Ich bin kurz beunruhigt, entscheide mich dann aber für die einfachste Methode: ignorieren. Ich wiederhole das Prozedere einige Male – Rauch kommt nun keiner mehr, also wird’s wohl nicht so schlimm sein. Nur der Spiegel leidet weiter.

Dann der Test – Wasser marsch!

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Und tatsächlich. Es läuft ab, wie wenn es nie ein Problem gegeben hätte. Das Lavabo und ich sind befreit. Ich kann wieder Besuch empfangen, ohne dass ich wie jemand dastehe, der sein Waschbecken und sein Leben nicht im Griff hat.

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Livia Gamper
Livia Gamper

Junior Editor, Zürich

Experimentieren und Neues entdecken gehört zu meinen Leidenschaften. Manchmal läuft dabei etwas nicht wie es soll und im schlimmsten Fall geht etwas kaputt. Ansonsten bin ich seriensüchtig und kann deshalb nicht mehr auf Netflix verzichten. Im Sommer findet man mich aber draussen an der Sonne – am See oder an einem Musikfestival.

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