Klein anfangen, gross rauskommen: Vom Laufrad zum Kindervelo
KaufratgeberSport

Klein anfangen, gross rauskommen: Vom Laufrad zum Kindervelo

Michael Restin
Zürich, am 05.03.2020
Selbst mobil zu werden, ist für Kinder ein grosser Moment. Mit dem passenden Gefährt zur richtigen Zeit kannst du sie fördern, ohne zu überfordern. Die meisten lernen Velofahren spielend – und ganz ohne Stützräder.

Am Anfang war der Kinderwagen. Das Baby schlief, du schobst und hattest alles unter Kontrolle. Knapp zwei Jahre später hechelst du schon im Laufschritt hinterher. Dein Kind hat das Rad für sich entdeckt und kommt immer mehr in Fahrt. Damit dem Nachwuchs der Start ins mobile Leben leicht fällt, solltest du es kleine Schritte machen lassen. Ein eigenes Velo sorgt zwar zuverlässig für Begeisterung, stellt das Kind aber auch vor eine schwierige Aufgabe. Wenn es noch nicht bereit oder das Velo zu gross ist, sorgt die gut gemeinte Anschaffung anfangs vor allem für Frust.

Laufrad statt Stützrad

Weniger ist mehr, wenn es darum geht, die Balance zu finden. Ein Laufrad ist das perfekte Gefährt, um von klein auf den Gleichgewichtssinn zu schulen. Dein Kind hat einen sicheren Stand und wird zu Beginn genau das machen, was der Name besagt: Mit dem Rad laufen. Mit Fahren haben die ersten Versuche noch nichts zu tun. Aber dann kommt der Moment, in dem es erkennt, dass da mehr geht. Die Schritte werden länger, die Räder drehen schneller.

Das Kind fährt und hat die Sicherheit, ohne störende Pedale jeden Moment die Beine auf den Boden zu bekommen, falls das nötig sein sollte. Es ist schneller und wendiger als auf einem Velo mit Stützrädern. Dazu lernt es, sich in die Kurve zu neigen. Kurz: Es beherrscht nach einer Weile fast alles, was es zum Velofahren braucht.

Laufräder eignen sich in der Regel ab einer Körpergrösse von +/- 90 Zentimetern und haben zwölf Zoll grosse Räder. Für die Allerkleinsten bietet sich ein umbaubares Modell wie das Wishbone 3 in 1 Bike an – es lässt sich zu Beginn auch als Dreirad nutzen. Der Kokua Jumper von LIKEaBIKE federt mit seiner Hinterradschwinge auf holperigen Strecken auch Schläge weg. Auf dem Laufrad schaffen schon die Kleinen grössere Strecken und der Schritt zum Velo wird sehr klein.

Zu allen Laufrädern

Falls du eine Bremse vermisst: Auch die gibt es, zum Beispiel am Modell von Puky. Damit waren meine Kinder gut unterwegs, bis sie aufs Velo umgestiegen sind. Im Nachhinein hätte ich auf die Bremse aber verzichten können. Zu 99 Prozent hat mein Nachwuchs lieber die Beine in den Boden gestemmt und mit den Füssen gebremst. Dazu war das Kabel ein Störfaktor, weil die Kinder gerne mal den Lenker verdrehen.

Die Trommelbremse am Puky funktioniert gut, wurde bei uns aber kaum benutzt.
Die Trommelbremse am Puky funktioniert gut, wurde bei uns aber kaum benutzt.

Der Schritt zum Velo

Der Umstieg aufs Velo gelingt vielen Kindern auf Anhieb. Schliesslich haben sie mit dem Laufrad ihren Gleichgewichtssinn geschult, das Kurvenfahren gelernt und ein Grundgefühl für Geschwindigkeiten und Bremswege entwickelt. Nun können sie sich voll aufs Pedalieren konzentrieren, was mit etwas Anschubhilfe schnell funktioniert. Alleine anzufahren ist eine grössere Hürde, die erfahrungsgemäss ein paar Versuche mehr benötigt. Beim Fahren wandert der kindliche Blick gerne runter zu den Pedalen – ein sicheres, grosses und möglichst menschenleeres Übungsareal ist also Pflicht. Damit das Kind mit der neuen Herausforderung klarkommt, müssen die Proportionen des Bikes zu seinen Körpermassen passen.

Wichtige Faktoren

Schrittlänge (Innenbeinlänge): Das Kind sollte so auf dem Velo sitzen, dass es mit beiden Beinen sicher auf den Boden kommen kann. Dafür ist die Innenbeinlänge entscheidend. Messen kannst du sie an jeder Wand, wenn du ein Buch und ein Massband zur Hand hast. Das Kind klemmt das Buch zwischen die Beine als wäre es ein Sattel. Du misst den Abstand zwischen der oberen Buchkante und dem Boden und notierst die Schrittlänge. Angaben zur empfohlenen (Mindest)schrittlänge findest du in jeder Produktbeschreibung.

Körpergrösse: Dass die Körpergrösse deines Kindes im empfohlenen Bereich liegt, ist ebenfalls wichtig. Radgrösse und Rahmengeometrie müssen zur Grösse deines Kindes passen. Dann findet es eine bequeme Sitzposition und kann jederzeit sicher steuern und bremsen. Ein Rahmen mit tiefem Durchstieg erleichtert das Auf- und Absteigen. Das hilft extrem, denn viele Stürze passieren in langsamer Fahrt oder beim Versuch, anzuhalten. Dabei müssen die Kinder ein Fahrzeug unter Kontrolle behalten, das etwa halb so schwer ist wie sie selbst.

Spielzeug oder Fahrzeug?

Die Frage, wann ein Kind mit welchem Velo wo fahren darf, ist komplizierter als gedacht. Wann ist das Trottoir der richtige Ort? Wann die Strasse?

  • Um sich im Strassenverkehr zu bewegen, muss die Rahmengrösse der Körpergrösse entsprechen und das Gefährt für das Kind sicher zu bedienen sein. Das kannst du gewährleisten, indem du die oben genannten Punkte beachtest.

  • Kindervelos sind für vorschulpflichtige Kinder konzipiert und gelten als «fahrzeugähnliche Geräte (FäG)». Damit ist dein Kind Fussgängern gleichgestellt und darf zum Beispiel auf dem Trottoir, auf Radwegen oder in Fussgängerzonen fahren, bis es sechs Jahre alt wird. In verkehrsarmen Nebenstrassen, Tempo 30- und Begegnungszonen ist auch das Spielen auf der Fahrbahn erlaubt.

  • In Begleitung einer mindestens 16-jährigen Person dürfen auch Kinder unter sechs Jahren schon auf Hauptstrassen unterwegs sein.

  • Ab sechs Jahren gelten die gleichen Bestimmungen wie für alle Velos: Die Ausstattung muss strassenverkehrstauglich sein und das Trottoir ist Tabuzone, wenn nichts Anderes signalisiert wird.

Auf begrenzten Flächen in verkehrsarmen Nebenstrassen ist das Spielen unter Aufsicht erlaubt.
Auf begrenzten Flächen in verkehrsarmen Nebenstrassen ist das Spielen unter Aufsicht erlaubt.

Dass sechsjährige Kinder voll verkehrstauglich sind, kann niemand erwarten. Entsprechend gibt es hier einen gewissen Ermessensspielraum – sowohl für die Eltern, als auch für die Ordnungshüter. Pro Velo Schweiz hat die Erfahrung gemacht, dass sich Kinder erst mit zehn bis zwölf Jahren sicher und selbständig im Verkehr bewegen können. In den Broschüren «Kind und Velo» und «Spielen und Velofahren von Kindern auf der Strasse» findest du alle relevanten Informationen zum Thema.

14 Zoll: Der Zwischenschritt

Der kleinste Schritt vom Laufrad aufs Velo ist ein 14-Zoll-Bike wie das Buttons von Royalbaby. Es ist dann sinnvoll, wenn dein Kind noch recht klein, aber koordinativ schon bereit für ein Bike ist. Das Buttons wird ab einer Schrittlänge von 35 Zentimetern und einer Körpergrösse von 95 Zentimetern empfohlen. Mit dem geschlossenen Kettenkasten ist es sicher und dein Kind wird den Umstieg vom Laufrad schnell bewältigen. Die mitgelieferten Stützräder kannst du getrost ignorieren.

Zu allen 14-Zoll-Modellen

Da Kinder in den ersten Lebensjahren schnell wachsen, wird das 14-Zoll-Velo recht bald zu klein sein. Mein Sohn hat es nach einer Saison in die Ecke gestellt und sich das 16-Zoll-Modell seiner Schwester gekrallt. Dass ein kleineres Velo auf jeden Fall leichter sein müsste, ist ein Trugschluss. Bei uns war das 14-Zoll-Modell deutlich schwerer. Und auch das Buttons bringt mit 9.6 Kilogramm viel mehr auf die Waage als der 16 Zoll grosse Belter von Early Rider mit seinen 5.9 Kilogramm.

16 Zoll: Bereit für erste Touren

Mit dieser Grösse fängt der Velo-Spass so richtig an und es sind bald ausgedehntere Touren drin. Ein möglichst leichtes Gefährt ist für die Kinder Gold wert und steigert den Fahrspass deutlich. Unter anderem deshalb sind die Bikes von Early Rider so beliebt, obwohl sie nicht günstig sind. Dafür bekommst du ein Velo, dessen Komponenten absolut hochwertig und kindergerecht sind. Mit dem Riemenantrieb ist es quasi wartungsfrei, nur die Felgenbremsen musst du von Zeit zu Zeit kontrollieren und gegebenenfalls neu justieren.

Zu allen 16-Zoll-Modellen

Damit es leicht bleibt, wurde alles weggelassen, was nicht zwingend nötig ist. Ein Ständer ist beispielsweise nicht montiert. Auch eine Gangschaltung ist am 16-Zoll-Bike noch nicht sinnvoll. Für Anstiege und Fahrten an Hauptstrassen würde ich auf eine Tandem-Stange oder eine FollowMe-Kupplung setzen.

20 Zoll: Das Schalten wird ein Thema

Irgendwann rund um den Schuleintritt wird dein Kind ins 20-Zoll-Segment wachsen, also ca. 115 Zentimeter gross sein und eine Schrittlänge von 50 Zentimetern erreichen. Sein neues Velo sollte immer noch leicht sein und kindgerechte Komponenten verbaut haben. Zusätzlich ist jetzt auch eine Schaltung sinnvoll. Meine Tochter hat ein paar Wochen gebraucht, bis sie die 3-Gang-Nabenschaltung des Early Rider Urban während der Fahrt sicher bedienen konnte. Ich finde, drei Gänge reichen für den Moment. Mit diesen drei Gängen schafft sie auch steilere Anstiege und die Nabenschaltung ist im Vergleich zur Kettenschaltung wartungsarm. Dass sich die Sturmey-Archer-Nabe aus technischen Gründen nicht mit dem Riemenantrieb kombinieren lässt, ist der einzige kleine Wermutstropfen an einem tollen Velo.

*Early Rider Hellion Urban:** Ein Leichtgewicht, das Freude macht
placeholder

placeholder

Die Tektro-Bremsen des Early Rider Urban sind auf die Handgrösse einstellbar.
Die Tektro-Bremsen des Early Rider Urban sind auf die Handgrösse einstellbar.

Auf dem Pausenplatz wird in diesem Alter die Zahl der Gänge heiss diskutiert und unentwegt knacken Kettenschaltungen auf der Suche nach der «richtigen» Übersetzung. Eine 9-Gang-Kettenschaltung und hydraulische Scheibenbremsen wie am Hellion von Early Rider sind vor allem dann sinnvoll, wenn es mit dem Bike tatsächlich regelmässig ins Gelände geht. Waldwege und Anstiege sind auch mit dem urbaneren Bike und Nabenschaltung kein Problem.

Zu allen 20-Zoll-Modellen

Ab sechs Jahren wird aus dem «fahrzeugähnlichen Gerät» rechtlich ein waschechtes Velo, das auf die Strasse gehört und folgendermassen ausgestattet sein muss:

  • Gepumpte Pneus
  • 2 kräftige Bremsen
  • Reflektoren vorne (weiss) und hinten (rot), je mind. 10 cm2 gross, und an den Pedalen (orange; nicht nötig bei Rennvelos)
  • Bei Dämmerung, nachts und in Tunnels: ein ruhendes Licht vorne (weiss) und hinten (rot). Zusätzliche blinkende Lichter sind erlaubt.
Ein beleuchteter Helm bringt zusätzliche Sichtbarkeit.
Ein beleuchteter Helm bringt zusätzliche Sichtbarkeit.

Zu den Kinderhelmen mit integriertem Licht

24 Zoll: Die grössten Kinderbikes

Wenn dein Kind grösser wird und vielleicht in seinem Alltag schon regelmässig alleine mit dem Velo unterwegs ist, kommt es auf die Ausstattung an. An einem Bike wie dem Mustang Trailchecker SL ist von der Lichtanlage über Schutzbleche bist hin zum Gepäckträger alles dran, was nützlich sein kann und Sicherheit verspricht.

Zu allen 24-Zoll-Modellen

Eine Veloglocke und ein Sattel sind seit dem 15.01.2017 übrigens nicht mehr obligatorisch - aber beides ist im Alltag ganz nützlich. 😉

Dieser Beitrag wurde aktualisiert, erstmals veröffentlicht am 21.08.2019.

5 Personen gefällt dieser Artikel


Michael Restin
Michael Restin
Editor, Zürich
Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren