Ich stelle mich meinem Dörrfrucht-Trauma
Produktvorstellung

Ich stelle mich meinem Dörrfrucht-Trauma

Simon Balissat
Zürich, am 28.08.2019
Saftig orange lachen dich die Aprikosen derzeit auf dem Wochenmarkt an. Schweizer Zwetschgen sind in voller Reife und die ersten Äpfel aus der Region gibt es auch schon. Höchste Zeit die Früchtchen haltbar zu machen und das Dörrgerät in Betrieb zu nehmen.

Eigentlich habe ich ein Dörrfrüchte-Trauma. Kein Klassenausflug ohne Säckeweise Studentenfutter, Dörr-Aprikosen und getrockneten Apfelringen. An pädagogischen Instituten wurde die Dörrfrucht gemeinsam mit der Nussmischung in den 90er Jahren als Fundament der Ernährungspyramide angesehen. Vielleicht hat auch die Dörrlobby die Lehrerzimmer des Landes unterwandert und so die Lunch-Säckli von uns 90er Kids massgeblich mitgeprägt.

Seitdem ich meinen Ernährungsplan selber bestimme, habe ich keine Dörrfrüchte mehr gegessen. Sie hingen mir zum Hals raus. Dabei ist das schonende Trocknen von Früchten eine wunderbare Methode, um Früchte haltbar zu machen. Ich wage mich daher ans Eingetrocknete und stelle mich meinem Trauma. Man lebt heute nachhaltig und da machen Dörrfrüchte Sinn, da sie keiner Kühlung bedürfen und lange haltbar sind.

Der Angst ins Angesicht schauen

Im Dörrfruchtsegment hat sich einiges getan, wie ich mit Erschrecken feststellen musste. Die Grossverteiler führen exotische Früchte und Beeren wie Mango, Ananas oder Cranberry im Sortiment. Nachhaltig scheint mir dies nicht. Auch bei uns eigentlich heimische Früchte sind in getrockneter Form oft importiert. Äpfel oder Aprikosen getrocknet aus Übersee einzuführen scheint mir wenig sinnvoll. Früchte selber zu trocknen ist da die einzige Lösung, dem schrumpeligen Inhalt meiner Albträume ins Angesicht zu schauen. Meine Frucht der Wahl: Frische Walliser Aprikosen. Ein Kilo.

Wie du Früchte dörrst

Die älteste und einfachste Methode, Früchte und Gemüse zu dörren ist an der Luft. Entkernte Apfelscheiben kannst du an einer Schnur an einem trockenen, warmen Ort aufhängen. Das Trocknen dauert bei dieser Methode länger. Ausserdem setzt sich schnell Schimmel fest. Einfacher geht es im Ofen bei rund 50 bis 70 Grad auf einem Gitter. Wenn du einen Holzlöffel in der Ofentüre einklemmst, zieht die ganze Feuchtigkeit ab. Kontrolliere die Früchte immer mal wieder. Sollte ein Teil schneller trocknen, dann kannst du die fertigen Stücke schon mal rausnehmen.

Angetrocknete Aprikosen: Die fertigen Früchte solltest du schon früher zur Seite tun
Angetrocknete Aprikosen: Die fertigen Früchte solltest du schon früher zur Seite tun

Am einfachsten geht das Trocknen aber mit einem Dörrgerät. Der Klassiker unter den Dörrgeräten ist der «Dörrex» der Schweizer Firma Stöckli. Während der «Müllex» in der Küche den «Ochsner» als Lieblingsabfallkübel der Schweiz abgelöst hat, ist der Dörrex seit Jahrzehnten das Dörrgerät Nummer 1 der Schweiz. «Dörrex» ist für Dörrgeräte, was «Kleenex» für Taschentücher in der Box ist: Gattungsname für Dörrgeräte.

Ein Gerät, zwei Knöpfe, drei Etagen

Ich liebe die Einfachheit des «Dörrex». Zwei drehbare Knöpfe, ein Licht, das wars. Mit dem einen Knopf bestimmst du die Temperatur stufenlos zwischen Zimmertemperatur und 70° Celsius, der andere ist ein Timer, der das Gerät bis zu 12 Stunden laufen lässt. Es gibt keine Programme für jede Frucht und jedes Gemüse, so wie das bei Küchengeräten heute oft der Fall ist. Der «Dörrex» nimmt mich als mündigen Koch ernst. Als einziger Anhaltspunkt hat der «Dörrex» Temperaturen und Dörrdauern für die wichtigsten Früchte und Gemüse im Deckel eingraviert. Da können sich andere Hersteller eine Scheibe abschneiden.

Herrlich simpel: Die Bedienung des «Dörrex»
Herrlich simpel: Die Bedienung des «Dörrex»

Bei meinem Gerät stapeln sich drei Dörrgitter aufeinande. Die warme Luft zirkuliert durch die Gitter und trocknet die Aprikosen so. Auf den dünnen Gittern verteilst du deine Früchte, machst den Deckel drauf und stellst Temperatur und Zeit ein. Ich empfehle dir, die verschiedenen Etagen von Zeit zu Zeit zu verstellen: Die oberste Etage nach unten, damit sie direkt über dem warmen Gebläse ist. Nach ein paar Stunden kontrollierst du zudem, ob dünner oder kleiner geschnittene Früchte schon trocken genug sind.

Endlose Anwendungen

Meine Aprikosen sehen etwas brauner aus als die gekauften. Gekaufte Dörrfrüchte sind mit Schwefel behandelt, damit sie nicht braun anlaufen. Geschmacklich stehen meine Aprikosen den gekauften Dörrfrüchten in nichts nach. Leider mag ich die Dinger immer noch nicht. Der Biss erinnert mich an Zugfahrten in unbequemen, alten 2. Klasse Waggons. Ich verschenke mein Trauma in einem hübschen Konfiglas weiter.

Glücklicherweise gibt es für den «Dörrex» zahllose weitere Rezepte, die ich in den nächsten Wochen testen werde: Eigelb trocknen, Beefjerky herstellen und Fruchtgummi machen.

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Willst du weitere Inspirationen für den Dörrex, dann folge meinem Autorenprofil und verpasse keine Beiträge mehr. Hast du ein Rezept für den «Dörrex», das ich unbedingt ausprobieren muss? Ich freue mich über einen Kommentar.

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Simon Balissat
Simon Balissat
Editor, Zürich
Als ich vor über 15 Jahren das Hotel Mama verlassen habe, musste ich plötzlich selber für mich kochen. Aus der Not wurde eine Tugend und seither kann ich nicht mehr leben, ohne den Kochlöffel zu schwingen. Ich bin ein regelrechter Food-Junkie, der von Junk-Food bis Sterneküche alles einsaugt. Wortwörtlich: Ich esse nämlich viel zu schnell.

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