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DIYReportage 126

«Für Schmiede gibt’s keine Hitze, nur verschiedene Wärmestufen!»

Feuer und Stahl. Wasser zur Kühlung der Werkzeuge oder auch einmal eines verbrannten Fingers. Im Aargau wird alte Handwerkskunst gelebt – vom Pensionär wie auch vom Frauenarzt.

Es ist etwas frisch. Die zwei Feuerstellen wurden noch nicht befeuert. Frühestens in einer halben Stunde wird mit dem Schmieden begonnen. Genug Zeit, um uns etwas umzusehen. Zwei Ambosse fallen gleich auf. «Der eine ist von 1903 und der andere ist auch nicht viel jünger», sagt Hans Meyer, der mich durch die Schmitte (Mundart für Schmiede) in Oberentfelden führt. Das Gründemitglied des Schmiedevereins macht gleich zu Beginn klar: «An der Schmiedestube wurde nichts modernisiert, wir arbeiten komplett nach alter Handwerkstradition.»

Glück im Unglück

Auch der grosse Lufthammer in der Ecke der Stube ist ein Überbleibsel aus vergangenen Zeiten. «Diese Maschinen zum Freischmieden gibt es zwar heute noch zu kaufen, kosten aber um die 15 000 Franken», so Hans. Zu viel für den Verein. Deshalb wurde das alte Exemplar von 1928 kurzerhand restauriert und läuft bis heute wie am Schnürchen.

Der Lufthammer dient zur Unterstützung, meistens wird aber komplett von Hand gearbeitet.

Aber nicht nur dort hat der Schmiedeverein Hand angelegt. Im gesamten Haus wurde restauriert. «Die Schmiede wurde im Jahr 1842/43 erbaut und war seither nie etwas Anderes.» Das ist historisch gesehen schön, doch so richtig wohnlich sahen manche Zimmer nicht mehr aus. Den ausschlaggebenden Punkt zum Umbau aber gab ein Unfall. «Ein Jahr nachdem wir uns hier eingemietet hatten, ist jemand mit seinem Auto in die Schmitte geknallt und hat eine der Säulen vor dem Eingang mitgenommen», so Hans. Danach wollte die Gemeinde das Haus eigentlich abreissen lassen, doch der Kanton intervenierte, wodurch der Verein die Schmitte offiziell erwerben konnte. Danach wurde restauriert, umgebaut und ein kleines Museum in den oberen Stockwerken untergebracht.

In dem Museum befindet sich allerhand Historisches. Alte Fundstücke, die bei der Renovierung hervorgekommen sind, Messer in unterschiedlichen Grössen und Formen, die in der Schmitte geschmiedet wurden, und ein sogenannter Feierabendziegel von 1787. Bitte was? «Wenn nach fertigem Auftrag haben die Schmiede zum Dank einen Dachziegel beschriftet. Von unschuldigen Katzenpfötchen bis zu sexistischen Sprüchen gibt es auf solchen Ziegeln alles», sagt Hans. Noch beeindruckender ist ein geschwungener Türbeschlag. "Hier hat der Schmied unglaublich filigran gearbeitet. Jede Einkerbung steht für einen einzelnen Hammerschlag." Bei all den Löchern, muss das eine Weile gedauert haben.

Für diese Arbeit werden Geduld und Präzision gefordert.

Die Schmiedeschürzen werden montiert

Unterdessen läuft der Betrieb in der Stube. Die Feuer sind heiss. Befeuert werden sie mit Koks. Nicht mit dem weissen Pulver, sondern dem kohlenstoffhaltigen Brennstoff. Früher wurde Holzkohle verwendet, doch eine akute Holzknappheit zwang die Schmiedeindustrie zum Umdenken. So wich sie auf Steinkohle, besser gesagt Fettkohle, aus. «Die würde in einem normalen Cheminée nie brennen, für uns ist sie aber perfekt, da sie nicht so schnell herunterbrennt», erklärt Hans.

So sieht das Koks eines Schmieds aus.

An den zwei Feuern arbeiten nun insgesamt drei Männer im Wechsel. Einer macht Scharniere für eine Schatztruhe, ein anderer Kerzenständer fürs Wohnzimmer und der Dritte Herzen für den Weihnachtsmarkt am kommenden Wochenende. Verkauft werden diese Stücke im Allgemeinen nicht. «Selten kommt es vor, dass wir auf Wunsch etwas anfertigen, aber sonst dient alles zur Ausübung unseres Hobbys.»

Während zwei ihr Stahl am Feuer wärmen, bringt der Dritte seines in Form.

Immer wieder wird der Stahl, der vornehmlich aus dem Altmetall kommt, in die Flammen gelegt. Wie heiss das Feuer sei, will ich wissen. «Meistens arbeiten wir mit Temperaturen um 800 Grad», meint Hans. Exakt gemessen wird hier aber nichts, die Schmiede erkennen die Temperatur anhand der Flammenfarbe. «Dazu braucht es etwas Erfahrung, das lernst du nicht in der Theorie.» Geändert wird die Temperatur durch Luftzufuhr von unten, die das Feuer anfacht. Kleine Unfälle gehören beim Spiel mit dem Feuer dazu, aber mehr als ein paar kleinere Verbrennungen habe noch niemand davon getragen. «Wir sind das Arbeiten mit der Hitze gewohnt. Wobei es für uns Schmiede gar keine Hitze gibt, nur verschiedene Wärmestufen.»

Der Stahl bleibt so lange im Feuer, bis er glüht.
Die Temperaturtabelle zeigt die verschiedenen Glühfarben auf.

Die Pizza ist beliebter als das Schmieden

Mehr Erfahrung sammeln können die gut 100 Mitglieder jeden Freitagabend oder auch einmal auf Wunsch. Meistens kommen so zwischen fünf und zehn Mitglieder. «Da wir nur zwei Feuer haben, wären zu viele Schmiede sowieso nicht sinnvoll», sagt Hans. «Meistens stossen mehr Mitglieder hinzu, sobald es in die Pizzeria nebenan geht.» Für mich etwas überraschend ist die Heterogenität des Vereins. Vom Frauenarzt über den Pensionär bis hin zum EMPA-Mitarbeiter ist alles vertreten. «Wer Freude am Handwerk hat, ist willkommen. So einfach ist das», so Hans. Auch Alter und Wohnort sind ganz unterschiedlich. «Das rührt zu einem gewissen Mass auch davon, dass es keinen zweiten Schmiedeverein wie unseren gibt.» Nur am Frauenanteil könnte noch etwas gearbeitet werden. Bisher sind nur zwei Mitglieder weiblich.

Während Hans erklärt, schaue ich immer wieder fasziniert den Hobbyschmieden über die Schulter. Ich kann schon nach dieser kurzen Zeit verstehen, wie dieses Handwerk einen in seinen Bann ziehen kann. Für Hans ist es vor allem die stetige Verformbarkeit eines so harten Materials. «Ist das Holz zu kurz gesägt, musst du ein neues Stück nehmen. Eisen hingegen kannst du durch Erhitzen wieder in Form bringen.» Jetzt bekomme ich auch Lust, den Hammer zu schwingen.

Die Schnecke ist Teil eines Kerzenständers.

Auch der Laie darf noch ran

Und prompt darf ich ein kleines Hufeisen schmieden. Mit ganz viel Hilfe versteht sich, aber immerhin. Ein erhitzter Stahlstab wird über die zylinderförmige Seite des Ambosses gelegt und von mir zur typischen Hufeisenform geklopft. In einem zweiten Schritt, und nach erneutem Erhitzen, muss ich es flach klopfen. Schön gleichmässig, sonst sieht das am Ende nach nichts aus. Dann kommen die Einkerbungen an den oberen Enden des Hufeisens und schon wäre das Ding fertig. Ich lasse mich aber nicht lumpen und will das Ding in Gold. Dafür einmal mit der Messingbürste drüber. Die Pigmente setzen sich auf dem warmen Stahl ab und bleiben dort haften.

Das sieht eher so semiprofessionell aus.

Apropos Hufeisen. Weisst du, woher der Aberglaube kommt, dass diese Glück bringen? In vergangenen Zeiten war Eisen ein unglaublich teures Material, weshalb schon dazumal recycelt wurde. Aus eineinhalb Hufeisen wurde ein neues gefertigt. Und da Pferde gerne einmal ein bisschen über die Weide galoppieren, konnte es passieren, dass sich ein Hufeisen löste. Glück für den, der dieses fand und eine Stange Geld sparte.

Lass die Glücksträhne beginnen.

Ich spare zwar kein Geld, freue mich aber trotzdem riesig über mein eigenes kleines Hufeisen. Etwas Selbstgemachtes in den Händen zu halten, ist ein tolles Gefühl. Dafür begeben sich die Mitglieder des Schmiedevereins jeden Freitag in die düstere Schmitte. Wobei loderndes Feuer und glühende Stahlteile sicher auch ihren Teil dazu beitragen.

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Carolin Teufelberger, Zürich

  • Junior Editor
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

1 Kommentar

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User frickerebekka

Schöner Bericht und grossartige Photos, das vom Lufthammer würd ich mir glatt aufhängen 😍

04.12.2018