Räbeliechtli: Zeige mir, wie du schnitzt, und ich sage dir, wer du bist
Hintergrund

Räbeliechtli: Zeige mir, wie du schnitzt, und ich sage dir, wer du bist

Patrick Vogt
8.11.2023

Beim Räbeliechtli schnitzen im Kindergarten tun sich Abgründe auf. Ich als Bastelphobiker etwa habe dabei Blut und Wasser geschwitzt. Zum Glück haben auch andere Eltern und Familienmitglieder ihre Defizite und Macken.

«Schahatz, Gotti Laura kann jetzt doch nicht mit Zoe im Kindergarten Räbeliechtli schnitzen.» Da war sie also gefallen. Die letzte Bastion, die mich davor hätte bewahren sollen, mich an einem Freitagmorgen auf einem Kinderstühlchen an ein Kindertischchen zu zwängen und mich in den munteren Reigen der versammelten Gemüseschnetzelschar einzureihen.

Ich kann mit Basteln jeglicher Art nichts anfangen. Es widerstrebt mir mit jeder Faser meines Körpers. Redaktionskollegin Katja Fischer geht es ähnlich, wie sie kürzlich ausführlich beschrieben hat.

Hoffentlich kann Gotti Laura nächstes Jahr. Oder sonst jemand.
Hoffentlich kann Gotti Laura nächstes Jahr. Oder sonst jemand.
Quelle: imgflip.com

5 Räbeliechtli-Schnitztypen

Weil ich unsere Tochter viel mehr liebe, als dass ich die Bastelei hasse, bin ich brav angetrabt im Kindergarten. Auf der «Einladung» stand schliesslich «Das Schnitzen ist freiwillig» – aber Eltern wissen, wie wenig das mit freiem Willen zu tun hat. Entsprechend voll war der Kindergarten am besagten Morgen mit Mamis und Papis, die mit ihrem Kind Räben schnitten, aushöhlten und schnitzten. Dabei ist mir aufgefallen, dass jede und jeder auf eigene Art und Weise zur Tat schreitet. Ein paar Beispiele gefällig?

1. Zweilinkshänder-Papi

Ich. Ohne jeden Zweifel. Ich bin sehr, sehr schlecht im Basteln und habe gleichzeitig keine Absicht, jemals etwas daran zu ändern. Vor der Geburt unserer Tochter hatte ich es mir dennoch nicht nehmen lassen, das Babybett zusammenzubauen. Unzählige Wutanfälle und Heulkrämpfe später hatte ich es tatsächlich geschafft … In der gleichen Zeit hatte meine hochschwangere Frau Kleiderschrank, Kommode und Wickeltisch zusammengeschustert. Und jetzt also Räbeliechtli schnitzen. Obwohl ich die Anleitung vorab schon ungefähr ein Dutzend Mal gründlich durchgelesen habe, muss ich sie im Chindsgi vor, während und nach jedem Arbeitsschritt wieder konsultieren, um nachzusehen, was ich als nächstes verhunzen werde. Mein Gehirn weigert sich, jegliche Information länger als zwei Sekunden zu speichern. Erschwerend hinzu kommt meine kaum vorhandene Fingerfertigkeit in solchen Dingen. Zusammen mit unserer Tochter und mit Ach und Krach kriege ich schliesslich trotzdem eine Räbe hin, mit der sie zufrieden ist. Besonders stolz auf meine Leistung bin ich zwar nicht. Dafür einfach nur erleichtert, dass es vorbei ist. Zumindest für ein Jahr.

Gar nicht mal so schön, meint Chef zu meiner Räbe. Tut, was es soll, sage ich.
Gar nicht mal so schön, meint Chef zu meiner Räbe. Tut, was es soll, sage ich.
Quelle: Patrick Vogt

2. Selfmade-Mami

Sie überlässt nichts dem Zufall. Und schon gar nicht ungelenken Kinderhänden. «Wenn man es nicht selber tut, wird es nicht perfekt», ist ihr Motto, das sich durch den Alltag zieht. Frisch ausgerüstet mit der Erfahrung eines dreitägigen Intensivkurses an der Kunstschnitzerei-Akademie und professionellem Werkzeug zaubert sie Räbeliechtli, die sich in Sachen Anmut und Schönheit an Michelangelos David messen können. Ihre Tochter sitzt derweil auf dem Boden, spielt Autölis und schielt verstohlen zu den anderen Kindern, die Mami und Papi helfen dürfen. Aber hey, dafür spaziert sie am Umzug das mit Abstand schönste Räbeliechtli herum. Alles hat nun einmal seinen Preis.

3. Nullbock-Papi

Er kommt fast eine Stunde zu spät und weiss auch dann nicht recht, was er überhaupt im Kindergarten verloren hat. Dafür findet er auf Anhieb die Kaffeemaschine, benutzt sie ungefragt nach Gutdünken und füllt die Tasse grosszügig mit dem Inhalt des mitgebrachten Flachmanns auf. Schlürfend erkundigt er sich, warum es vor der Eingangstür eigentlich keinen Aschenbecher habe, setzt sich auf die Kissen im «Büechli-Egge» und saugt gierig an seiner Elfbar. Als er anfängt zu schnarchen, haut ihm sein Sohn die Räbe um die Ohren, die er ganz alleine geschnitzt hat. «Yes, alles erledigt! Darauf noch einen Kafi mit Güx!»

Und wie schön mein Räbeliechtli ist ... im Dunkeln.
Und wie schön mein Räbeliechtli ist ... im Dunkeln.
Quelle: Patrick Vogt

4. Spinning-Mami

Die Gattin von Nullbock-Papi kann leider nicht. Freitagmorgens hat sie ihren wöchentlichen Mimosa-Hock mit den anderen, den kann sie unmöglich absagen. Auch beim Räbeliechtli-Umzug am Samstag muss sie passen, Spinning-Gruppentraining mit anschliessendem Wellness-Retreat im «Rich and Famous»-Fitnesstempel. Spinning-Mamis Work-Life-Parenting-Balance muss sich schliesslich die Waage halten, you know. Aber hey, Nullbock-Papi und Sohnemann machen das sicher grossartig. Sind ja schliesslich ihre beiden Supermannlis.

5. Mehrlametta-Grosspapi

Er lässt alle Anwesenden inklusive Enkelin wissen, dass Räbeliechtli schon lange nicht mehr das seien, was sie früher mal waren. Als er noch ein Kind gewesen sei, hätten sie Wochen vor dem Umzug jeden Tag mehrere Räbeliechtli geschnitzt, eines schöner als das andere. Das ganze Dorf habe jeweils gestrahlt, und zwar ganz ohne künstliches Licht, das inzwischen jede Ecke verschmutze. Nicht mal mehr ein lausiges Räbeliechtli brächten die Goofen von heute alleine zustande. Wären seine Gichtfinger nicht, würde er allen zeigen, wie man ein anständiges Räbeliechtli schnitzt.

Räbeliechtli pflastern seinen Weg.
Räbeliechtli pflastern seinen Weg.
Quelle: Sofia Vogt

Von Räbeliechtli, Regenschirmen und heissen Alkoholika

Das Räbeliechtli-Fest am Tag nach dem Schnitzen war nett. Noch viel netter wäre es gewesen, hätte es nicht in Strömen geregnet. Auf dem Pausenplatz des Primarschulhauses waren die Kunstwerke der Primarschulkinder ausgestellt. Zudem gab es Verpflegungsstände mit Weggen, Hot Dogs und Apfelpunsch. An dieser Stelle ein Extralob an die Organisierenden für den Glühweinstand, der von den Erwachsenen auffällig stark frequentiert wurde.

Räbeliechtli für die Kleine, Glühwein für Mami und Papi. Yay!
Räbeliechtli für die Kleine, Glühwein für Mami und Papi. Yay!
Quelle: Patrick Vogt

Der Umzug verkam als Höhepunkt der Räbeliechtli-Festivitäten etwas zur Regenschirmparade. Von ein paar Tambouren angeführt, marschierten die Kinder die vorgegebene und von zahlreichen Lichtern gesäumte Route stolz erhobenen Räbeliechtlis ab, mitsamt dem erwachsenen Anhang.

Nach dem Umzug war unsere Tochter stolz … und nass bis auf die Knochen.
Nach dem Umzug war unsere Tochter stolz … und nass bis auf die Knochen.
Quelle: Sofia Vogt

Nach dem Umzug lud der Musikverein auf dem Schulplatz noch zu einem kleinen Platzkonzert. Da waren wir schon auf dem Weg in die warme und vor allem trockene Stube. Nachdem die Kleine im Bett war, gab es für Mami und Papi noch Erkältungsprophylaxe in Form eines Glühgins. Hat gewirkt. Hm, ob er auch als Räbeliechtli-Schnitzprophylaxe taugt?

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Titelfoto: Patrick Vogt

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Ich bin Vollblut-Papi und -Ehemann, Teilzeit-Nerd und -Hühnerbauer, Katzenbändiger und Tierliebhaber. Ich wüsste gerne alles und weiss doch nichts. Können tue ich noch viel weniger, dafür lerne ich täglich etwas Neues dazu. Was mir liegt, ist der Umgang mit Worten, gesprochen und geschrieben. Und das darf ich hier unter Beweis stellen. 


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