Stefanie Lechthaler
Hintergrund

Zeitblindheit ist, wenn die Sidequests überhand nehmen

Wenn du immer wieder unpünktlich bist, strengt das dich und deine Umwelt an. Das muss aber nicht heissen, dass du faul oder unzuverlässig bist. Vielleicht nimmst du die Zeit einfach anders wahr.

In der Schulzeit quoll mein Entschuldigungsheft über vor Einträgen, weil ich fast täglich zu spät in den Unterricht kam. Die Lehrpersonen nervte das verständlicherweise und meine Eltern verzweifelten daran, mir klarzumachen, dass ich rechtzeitig erscheinen muss. Und obwohl mir bewusst war, was ich tun sollte, klappte es mit der Pünktlichkeit nicht. So sehr ich mich bemühte – irgendetwas lenkte mich immer ab.

Auch heute höre ich Sprüche wie «Hast du wieder mal den Verkehr unterschätzt?». Sie überraschen mich nicht, lösen aber jedes Mal Selbstvorwürfe aus. «Mittlerweile sollte ich es doch hinkriegen», denke ich und: «Alle halten mich für unzuverlässig und unhöflich».

Zeit ist nicht gleich Zeit

Die meisten haben eine innere Uhr, die ihnen ein Gefühl dafür gibt, wie lange eine Zeitspanne dauert. Intuitiv können sie einschätzen, wie viel Zeit nach der Arbeit bis zum Abendessen übrig bleibt, bevor das Volleyballtraining startet oder wann sie für die Physik-Prüfung lernen müssen, die erst in einem halben Jahr ansteht. Für sie ist die Zeit abschätzbar und berechenbar.

Menschen, die diese Fähigkeit nicht entwickeln und Mühe haben, die Zeit als verinnerlichtes Konzept wahrzunehmen, leiden möglicherweise an Zeitblindheit. Psychologen und Psychologinnen beobachten diese Schwierigkeit oft im Zusammenhang mit ADHS oder Autismus, sie betrifft aber generell Personen mit einem exekutiven Funktionsdefizit. Für sie vergehen Stunden bei spannenden Aktivitäten in Sekundenschnelle, während sich Minuten bei Langweile endlos anfühlen. Sie erinnern sich an Ereignisse, als wären sie vor Jahren passiert, obwohl sie erst wenige Wochen her sind und empfinden in ferner Zukunft liegende Events als unendlich weit entfernt oder überwältigend bald.

Wenn Sidequests das Leben bestimmen

Das Gehirn von Betroffenen priorisiert momentan «wichtiger» oder «interessanter» empfundene Handlungen über das höhere Ziel. Es blendet das eigentliche Vorhaben aus und achtet nur noch auf das Hier und Jetzt. Es befindet sich in einer Art Flow-Zustand. Bei ADHS ist dieser Zustand jedoch unkontrollierbar und wird als Hyperfokus bezeichnet.

Planen empfinden Zeitblinde als Kraftakt, weil sie keine Referenz dafür haben, wie lange sie für Beschäftigungen einrechnen müssen. Das gilt besonders für sich täglich wiederholende Tätigkeiten, weil sie das Gehirn als wenig dringlich eingestuft. Das Phänomen, Zeit zu unterschätzen, nennt sich auch Planungsfehlschluss. Im folgenden Abschnitt beschreibe ich einen Morgen vor der Arbeit, wie ich ihn täglich erlebe – mit den Ablenkungen, die meinen Alltag bestimmen.

Damit ich pünktlich auf der Redaktion ankomme, muss ich in zehn Minuten auf mein Fahrrad steigen und losdüsen. Dafür muss ich nur noch meinen Laptop einpacken sowie meine Schuhe und Jacke anziehen. Easy.

Also packe ich meine Tasche für den Arbeitstag und laufe dabei an einer Zimmerpflanze vorbei. Mir fällt auf, dass sie Wasser braucht. Ich stelle meinen Rucksack auf den Boden und hole die Giesskanne. Beim Giessen läuft etwas Wasser aus dem Untertopf. Ich renne in die Küche und hole den Lappen. Ich putze das Wasser vom Fensterbrett und wische gleich über das ganze Brett – wenn ich schon dabei bin. Die zwei braunen Blätter zupfe ich auch noch von der Pflanze. Die sind mir schon länger ein Dorn im Auge. Ich schaue aus dem Fenster und bemerke, dass gegenüber neue Nachbarn eingezogen sind. «Die haben einen Dackel», denke ich mir, «süss, wie er auf dem Sofa liegt. Ob er mich bemerkt hat? Mist, ich sollte aufhören zu starren».

Und genau in diesem Moment trifft mich der Schlag. «Verdammt! Ich muss ja arbeiten gehen. Und vor zehn Minuten hätte ich losfahren müssen!»

Tipps für chronisch Unpünktliche

Vielleicht bist du selbst von Zeitblindheit betroffen oder du hast Mühe, deine Termine einzuhalten. Ich habe ein paar Ratschläge für dich, die mir geholfen haben.

1. Nimm dir nicht zu viel vor

Ich kenne es selbst: Ein freier Samstag scheint unendlich lange zu dauern. Gefühlt reicht er, um Wäsche zu waschen, zu brunchen, ins Gym zu gehen, den Kühlschrank zu reorganisieren, die Steuererklärung auszufüllen und Freunde zu treffen. Leider sieht die Realität anders aus. Wenn du dir von Anfang an nur ein, zwei Aufgaben vornimmst, kommst du häufiger rechtzeigit an und bleibst über längere Zeit entspannter. Ausserdem erlebst du eher Selbstwirksamkeit: Du glaubst also daran, dass du Dinge aus eigener Kraft bewältigen kannst. Zwischen den Aufgaben hast du sogar Zeit zum Ausruhen oder für Ungeplantes. Denke daran, dass das Meiste buchstäblich noch bis morgen warten kann.

2. Vertraue auf dein Bauchgefühl – ausser beim Zeitmanagement

Wenn du schon etliche Male die Zeit für Wege falsch eingeschätzt hast, füge deinem geschätzten Zeitaufwand immer einen grosszügigen Puffer hinzu. In meinem Fall fühlt es sich jedes Mal so an, als könnte ich mit dem Fahrrad alle Orte innerhalb der Stadt Zürich in 20 Minuten erreichen. Von Tür zu Tür. Ich weiss, optimistisch. Aber für mich ist das Realität. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass ich zu meiner Navi-Zeit immer noch ein Drittel dazurechnen muss.

3. Stelle dir Wecker

So nervig es klingt, mach den Wecker zu deinem Freund. Stelle ihn früh genug, sodass du trotz kleiner Ablenkungen genügend Zeit hast, dich aufs Losgehen vorzubereiten. Falls du nicht ständig von deinem Smartphone abgelenkt werden willst, könnte auch eine mechanische Uhr für dich infrage kommen. Patrick Vogts Tochter Zoe hat eine solche ausprobiert.

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Du kannst dich auch selbst überlisten und deine Uhren vorstellen.

4. Lass dir helfen

Einen Tag mit mehreren Events und Zugfahrten zu planen scheint unmöglich? Kann ich gut nachvollziehen. Scheue dich nicht, eine Person um Rat zu fragen, der es leichter fällt. Im besten Fall erklärt sie dir, wo Zeitfresser lauern und wie lange du rechnen solltest. Auch hier gilt: Je weniger du dir vornimmst, desto weniger gerätst du unter Druck.

5. Es ist noch keine Uhr vom Himmel gefallen

Verspätungen nerven (vor allem dein pünktliches Gegenüber). Aber je besser die Tools sind, die dich unterstützen, desto leichter wird es dir fallen, pünktlich zu sein. Verurteile dich nicht selbst, wenn es trotzdem mal nicht klappt. Dein Gehirn funktioniert anders.

Trotzdem: Habe Mitgefühl mit deinem Gegenüber. Im kalten Regen unwissend zu warten, ist ärgerlich. Verknüpfe den Termin mit einem positiven Gefühl und verinnerliche, dass deine Verabredung sich freut, wenn du pünktlich bist. Dein Gehirn wird die Aufgabe als wichtig und erstrebenswert einstufen.

Sollte es trotzdem nicht klappen, entschuldige dich bei den Wartenden und erkläre, dass es nichts mit ihnen zu tun hat. Informiere sie über deine Verspätung und gib einen ungefähren Zeitrahmen an. Ich weiss, das kann sehr schambehaftet sein, aber das gibt der anderen Person die Möglichkeit, eigene Überbrückungsmöglichkeiten zu finden. Wenn es öfter passiert, verhandle Regeln, die du besser einhalten kannst, anstatt Ausreden zu erfinden. Zum Beispiel: Deine Verabredung geht jeweils später los als abgemacht oder die wöchentlichen Sitzungen finden online statt.

Weltweite Unterschiede

Das Zeitempfinden variiert nicht nur zwischen Menschen, sondern auch zwischen Kulturen. Das Lewis-Modell erklärt das und teilt die Unterschiede grob in drei Gruppen ein: lineare, multiaktive und zyklische Zeitwahrnehmung.

In angelsächsischen Ländern wie der Schweiz und Deutschland ist die lineare Zeitwahrnehmung am geläufigsten. Sie beschreibt, dass wir die Vergangenheit hinter uns gelassen haben und unseren Blick in die Zukunft richten. Erst wenn wir eine Aufgabe erledigt haben, gehen wir die nächste an. Wir planen unsere Handlungen effizient und akribisch, damit wir keine Zeit «verlieren». Die ist bekanntlich Geld. So verwundert es nicht, dass wir Verspätungen als unhöflich betrachten, denn diese berauben uns unserer kostbaren Zeit.

Anders in südeuropäischen Ländern, wo Menschen in multiaktiven Kulturen die Zeit als dehnbar empfinden. Im Fokus stehen zwischenmenschliche Beziehungen. Wichtige Gespräche werden zu Ende geführt, obwohl ein nächster Termin ansteht. Das Erleben des Moments steht im Mittelpunkt. An diesen Orten fällt eine Zeitblindheit weniger auf.

Noch weiter entfernt von beiden Konzepten ist die zyklische Zeitwahrnehmung, die in hinduistischen und buddhistischen Kulturen verbreitet ist. Diese Menschen empfinden die Zeit als wiederkehrendes Konzept. Sie richtet sich nach den naturgegebenen Kreisläufen wie den Jahreszeiten, Geburt und Tod oder Sonnenauf- und -untergang. Weil sich alles wiederholt, bleibt genügend Zeit für alles. Wenn es diesen Sommer nicht klappt, vielleicht im nächsten.

Zeit ist eine Sache der Philosophie

Diese Unterschiede zeigen mir: Es gibt kein richtig oder falsch, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Spannend ist, die Vorteile jedes Konzepts zu nutzen. Lineare Zeitwahrnehmung treibt Effizienz voran. Multiaktive Zeitwahrnehmung stärkt zwischenmenschliche Beziehungen und das Leben im Moment. Zyklische Zeitwahrnehmung ermöglicht den Blick aufs grosse Ganze – und zeigt, dass gefühlt Dringendes oft warten kann. Vielleicht sogar bis ins nächste Leben.

Aber nicht deine Verabredung. Darum hör jetzt mit Onlineshopping auf, pack dein Handy weg und mach dich auf den Weg. Nicht, dass du dich schon wieder verspätest.

Titelbild: Stefanie Lechthaler

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Die Wände kurz vor der Wohnungsübergabe streichen? Kimchi selber machen? Einen kaputten Raclette-Ofen löten? Geht nicht – gibts nicht. Also manchmal schon. Aber ich probiere es auf jeden Fall aus.


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