Wortakrobatik: Wer schlachtet die heilige Kuh?
HintergrundSport

Wortakrobatik: Wer schlachtet die heilige Kuh?

Michael Restin
Zürich, am 16.05.2019
Die unbesungenen Helden der Sportszene sitzen in den PR-Büros der Hersteller. Sie erfinden spektakuläre Wortkreationen und verbreiten Szene-Slang, den kaum jemand versteht. Oder weisst du, in welchem Produkt ein Stück «Holy Cow» steckt?

Leder spaltet. Die einen lieben dieses natürliche Material, kaufen sich fein gegerbte Schuhe, Sofas und Jacken. Die anderen rufen: Lasst die Tiere in Frieden, das geht doch auf keine Kuhhaut. Die Wiederkäuer stehen auf unserem Speiseplan und sind in vielen Kleiderschränken allgegenwärtig, haben es aber auch in unseren Wortschatz geschafft. Auf Deutsch zum Beispiel als sprichwörtliche «heilige Kuh», wenn etwas so tabu ist wie ein Rind in Indien. Und im Englischen als leicht entsetzter Ausruf: «Holy Cow»! Heiliger Bimbam. Trotzdem ist es eine spezielle Idee, den Begriff durch den Marketing-Fleischwolf zu drehen, um eine Produktbeschreibung damit zu veredeln.

Wo steckt die heilige Kuh drin?

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In welchem Produkt steckt die «Holy Cow»?

Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

Hol die Kuh vom Eis

Nichts überstürzen. Und vor allem nicht spicken. Direkt unter dem Bild gibt's die Auflösung.

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Stürzen ist das richtige Stichwort, denn die ominöse Kuh steckt im Bike-Handschuh von ION. Die Handfläche ist aus einem Stück «Holy Cow Kunstleder» gefertigt und mit seinen Eigenschaften soll das Material echtes Leder alt aussehen lassen.

«Synthetisches Leder ist dreimal stärker als echtes Leder, es benötigt nur ein Drittel des Gewichts von echtem Leder um mit gleicher Reissfestigkeit zu punkten.»

Holy Cow! Ob der Einfall einem findigen Marketingmenschen beim Abflug über den Lenker kam? Oder sorgte ein Schluck aus der Dose für die Erleuchtung? Wenn zwei rote Bullen die Welt erobern können, sollte eine heilige Kuh doch auch etwas bewirken. Ganz gleich wie der Begriff entstanden ist: Bei ION scheinen Tierfreunde zu arbeiten, diese Botschaft schwingt mit. Hier wird nicht geschlachtet, sondern nur lustvoll ausgeschlachtet. Synthetisches Leder? Pfff. Das hat jeder. Bei uns ist alles Kunst: Leder und Marketing.

Mehr Wortakrobatik gibt's demnächst. Wenn du in meinem Profil auf Autor folgen klickst, verpasst du nix.

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Michael Restin
Michael Restin
Editor, Zürich
Sportwissenschaftler, Hochleistungspapi und Homeofficer im Dienste Ihrer Majestät der Schildkröte.

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