Was passiert hinter den Toren einer Kinderkrippe?

Was passiert hinter den Toren einer Kinderkrippe?

Myrtha Brunner
Zürich, am 19.09.2019
Wie sieht der Alltag einer Kindertagesstätte aus? Erwartet mich Idylle oder purer Wahnsinn? Dürfen Erzieherinnen den ganzen Tag nur spielen? Ich schaue für euch hinter die Kulissen der Krippe «Kita Cat».

6:00 Uhr, Kinderkrippe Kita Cat in Kölliken (AG): Für zwei Betreuerinnen der Frühschicht beginnt nun die intensivste Zeit des Tages. Sie sind dafür verantwortlich, in den ersten drei Stunden alle Kinder der Gruppe «Baby» und der Gruppe «Grosse» zu begrüssen, zu unterhalten und zu verköstigen. Alle anderen Erzieherinnen starten ihre Schicht erst um 9:00 Uhr. Einziger Vorteil der Frühschicht: Die Kinder trudeln nicht alle gleichzeitig ein. Es bleibt trotz wenig Personal genügend Zeit, um alle Räumlichkeiten herzurichten. Neben Getränkegläsern, Wasser sowie dem Material für geplante Aktivitäten gehört ein Frühstück für alle Frühaufsteher dazu. Ein Zusatzservice der Kita Cat, um Eltern zu entlasten.

Um neun Uhr beginnt der Singkreis mit allen anwesenden Kindern, den meist die Praktikantin und die Lernende durchführen. Währenddessen halten die Fachpersonen den täglichen Rapport. Besprochen wird darin die Anwesenheit und der Gesundheitszustand der Kinder, vorhandene Herausforderungen sowie die Aufteilung der Tagesaufgaben.

Anschliessend dürfen die Grossen (Im Alter ab zwei Jahren) frei mit dem vorhandenen Spielzeug spielen. Für die Babygruppe hat die Lernende eine Malstunde geplant. Die älteren Kinder bekommen ein paar Buntstifte und ein Blatt Papier mit einem Flamingo. Los geht’s mit dem Kritzeln. Ich sitze in der Mitte von zwei Winzlingen, aber abgesehen vom Hinhalten neuer Buntstiften, habe ich nichts zu tun. Im Hintergrund sitzen zwei knapp acht Monate alte Babys in der Spielecke. Sie beschäftigen sich kaum hörbar mit sich selber. Geschrei? Fehlanzeige. Nur ein Junge wird nach einer halben Stunde etwas unruhig.

Malstunde in der Babygruppe.
Malstunde in der Babygruppe.

Die Aufmerksamkeitsspanne von einem fünf- bis siebenjährigen Kind liegt ungefähr bei 15 Minuten. Bei einem Kleinkind entsprechend darunter. Mein Gefühl, dass die Malstunde deshalb zum Desaster werden könnte, bestätigt sich nicht. Ich warte vergeblich auf Action oder eine Herausforderung. Auch die grösseren Kinder im unteren Stock höre ich nicht.

Jetzt geht’s los, oder doch nicht?

Um halb elf Uhr folgt das Wickel-Ritual. Wie erwartet, machen sich erste Proteste breit. Kommt nun ein Stressmoment für die Betreuerinnen? Nein, so schnell wie das Gejammer angefangen hat, ist es auch wieder vorbei. Zur Beruhigung und als Ritual vor dem Essen singt die Praktikantin ein paar Lieder mit den Kleinen. Um elf Uhr folgt das Mittagessen mit anschliessendem Zähneputzen und Zubettgehen. Auch das läuft wie am Schnürchen. Die Kleinen schmeissen weder Essen auf den Boden, noch ein Wasserglas um. Es wird einzig mal darauf hingewiesen mit dem Löffel statt mit den Fingern zu essen. Müdigkeit macht sich in den Kinderaugen ersichtlich. Es wird noch ruhiger und ich beschliesse, die grosse Gruppe aufzusuchen.

Auch die grösseren Kinder essen ruhig, sprechen kaum, putzen sich ohne Wenn und Aber die Zähne und laufen ohne Widerstand zu ihren kleinen blauen Bettchen. Ich bin überrascht, denn ich hätte mehr Rambazamba erwartet. Ist das immer so, will ich von den Betreuerinnen wissen. "Nein", sagen mir alle auf Anhieb.

Jedes Kind hat sein eigenes Kuschelkissen in seinem Bettchen.
Jedes Kind hat sein eigenes Kuschelkissen in seinem Bettchen.
Die Geschichten und Lieder der Toniebox sind stets im Einsatz.
Die Geschichten und Lieder der Toniebox sind stets im Einsatz.

Die Grossen verbringen den Nachmittag im Wald, die Kleinen im Garten. Ich entscheide mich zu gehen, denn Action erwarte ich heute keine mehr. Die Höhle der brüllenden Löwen ähnelt an diesem Tag eher einer Herde zahmer Lämmchen.

Die Idylle trügt

Doch so harmonisch läuft der getimte Alltag selten ab. Dies bestätigt mir jede der Betreuerinnen. Sie wissen, dass es sich um keinen gewöhnlichen Tag handelt. Die Kinder zeigen sich von ihrer besten Seite. «Komm nochmals wieder, dann erlebst du eine andere Situation», meint auch Sara, die Krippenleiterin. Sie erzählt mir, dass es Tage gibt, wo auch sie als Fachpersonen an ihre Grenzen stossen: Weil alles schief läuft. Weil alle Kinder gleichzeitig etwas verlangen. Weil Personen ausfallen. Weil das Wetter nicht mitspielt. Weil sie selber zu wenig geschlafen haben oder weil Kinderkrankheiten das Zepter übernehmen.

Erzieher sind Allrounder

Neben der Erzieherfunktion haben die Betreuerinnen der «Kita Cat»-Krippe einige zusätzliche Aufgaben zu erledigen. Sie streichen die Wände neu, gestalten die Zimmer oder den Garten um, kaufen für das gemeinsame Mittagessen ein, planen kleine Events oder kümmern sich um den Unterhalt des kleinen Gartens. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Betreuerinnen mit einem Rasenmäher umherkurven, die neuen Widenhäuschen tränken oder Bobby Cars reparieren. Neben diesen unkonventionellen Aufgaben kommen alltägliche Arbeiten wie Kochen und Putzen dazu. Sauberkeit ist enorm wichtig, wenn die kleinen Bazillenschleudern umherkrabbeln und -rennen.

Daneben definiert das Team ein jährliches Hauptthema. Im letzten Jahr begleitete der kleine Wichtel «Nelio» die Kinder. Mit viel Herzblut haben die Betreuerinnen ein Mini-Häuschen für den Wichtel gezaubert. Auch heute steht es noch im Essraum und begeistert Kinder wie Eltern. Es ist nicht ungewöhnlich, dass plötzlich Essbesteck und ein Tellerchen auf dem kleinen Tisch steht oder ein Briefchen für die Kinder daliegt. Nelio ist eine fiktive Bezugsperson für die Kinder geworden.

Der kleine Wichtel «Nelio» begleitet die Kinder in ihrem Alltag.
Der kleine Wichtel «Nelio» begleitet die Kinder in ihrem Alltag.

Dieses Jahr lernen die Kinder mehr über Tiere. Die Aktivitäten passen die Erzieherinnen thematisch an das entsprechende Tier an. Da manche Kinder an fünf Tagen in der Krippe sind, werden die Beschäftigungen täglich abgewechselt.

Zu guter Letzt sind alle Gespräche mit den Eltern ein wichtiger Bestandteil des Tagesablaufs. Hierzu zählen Eintritts-, Zwischen-, Austritts-, Bring-, Abhol- sowie Tür-und-Angel-Gespräche. Eine Fachfrau Betreuung spielt somit nicht einfach nur den lieben langen Tag mit den Kindern. Es ist harte Arbeit, wo Kaffee zwischendurch wohl eher ein Fremdwort als Standard ist, wo Rückenprobleme vom falschen Hochheben der Kinder zum Alltag gehören und wo viel Empathie Voraussetzung ist. «Für diesen Beruf musst du geboren sein», sagt mir die Krippenleiterin Sara beim letzten Interview.

Placeholder image
placeholder

placeholder

Die Erziehung und Betreuung von Kindern ist ein polarisierendes und immer wiederkehrendes Thema. Wenn du keinen Beitrag darüber verpassen willst, folgst du meinem Autorenprofil.

11 Personen gefällt dieser Artikel


Myrtha Brunner
Myrtha Brunner
Editor, Zürich
Köchin. Putzfrau. Polizistin. Krankenschwester. Entertainer. Motivator. Autorin. Erzählerin. Beraterin. Organisatorin. Chauffeur. Anwältin. Richterin. .… also einfach gesagt Mami von zwei Töchtern und somit nicht nur (Content) Manager im Beruf, sondern auch im Privatleben.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren