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TierischesHintergrund 09

Tierpsychologie: Humbug oder Wissenschaft?

Für die einen die Lösung, um die eigene Katze von Angstzuständen zu befreien, für die anderen Humbug. Doch was macht eine ausgebildete Tierpsychologin wirklich?

Vorbei am in Gerüsten eingepackten Kloster Einsiedeln. Immer weiter weg vom Dorfkern, Richtung Natur. Kühe lassen ihre Glocken baumeln und muhen zufrieden. Die Atmosphäre stimmt, um sich mit einer Tierpsychologin zu treffen. Auch wenn sie sich eher mit Hund und Katze als mit Grosstieren beschäftigt.

Judith Böhnke erwartet mich schon. Die gelernte Diplom-Wirtschaftsjuristin und Autorin hat sich vor über 20 Jahren ihren Kindheitstraum erfüllt und eine Ausbildung zur Tierpsychologin an der Akademie für Naturheilkunde (ATN) absolviert. Tierpsychologie? Das klingt für mich erst einmal nach Hokuspokus und Esoterik. «Viele Leute haben solche Vorurteile, weshalb ich mich jahrelang als Ethologin, also Verhaltensforscherin, und nicht Tierpsychologin bezeichnet habe», sagt Böhnke. Unterdessen könne sie aber besser mit abweisender Haltung umgehen und den Menschen erklären, was sie macht. Das wäre?

Tiere können fühlen, genau wie du und ich

«Tierpsychologie ist keine Erfindung der Neuzeit. Seit jeher haben sich Wissenschaftler mit dem Verhalten von Tieren beschäftigt, diese beobachtet und Experimente realisiert», so Böhnke. Dieses Forschungsfeld wurde früher offiziell als «Tierpsychologie» bezeichnet. Der Begriff geriet aber in die Kritik, laut Böhnke für den damaligen Stand der Wissenschaft zurecht, da Tiere nicht auf die Couch gelegt und nach ihrem Befinden gefragt werden können. «Heute verfügen wir jedoch über Möglichkeiten, auf andere Weise an die ‘Antworten’ der Tiere zu kommen. Beispielsweise dadurch, dass wir ihnen sprichwörtlich ins Gehirn schauen und ihnen beim Denken und Fühlen zusehen können.» Deshalb sei der Terminus «Tierpsychologie» unterdessen wieder legitimiert.

Der Glaube versetzt Berge

Das klingt in der Tat nicht so spirituell und übersinnlich, wie ich anfangs dachte. Dem Ganzen liegen wissenschaftliche Erkenntnisse zugrunde. Asche auf mein Haupt. Oder doch nicht? Denn anscheinend orientiert sich längst nicht jeder Tierpsychologe am aktuellen Forschungsstand. «Das Problem liegt darin, dass die Tätigkeitsbezeichnung "Tierpsychologe" rechtlich nicht geschützt ist. Jeder darf sich so nennen, ganz egal, ob er schon einmal etwas mit Tieren zu tun hatte oder nicht.» Deshalb kann ein sogenannter Tierpsychologe auf ganz verschiedene Ansätze bauen, auch auf esoterische. «Unwissenschaftliche Ansätze muss man aber nicht gleich verteufeln. Was jemandem in irgendeiner Weise hilft, hat seine Daseinsberechtigung, auch wenn es nicht für alle eine Option ist», so Böhnke.

Es gibt aber einen Haken am esoterischen Ansatz: «Was "unwissenschaftlich" ist, ist nicht überprüfbar und schreit damit geradezu danach, missbraucht zu werden, um Geld zu verdienen. Deshalb sind aber noch lange nicht alle Tierpsychologen unseriöse Scharlatane. Zwischen Himmel und Erde gibt es eine Menge Dinge, die sich nicht erklären lassen - vielleicht noch nicht, vielleicht aber auch nie.» Schliesslich sei auch die Wissenschaft nicht in Stein gemeisselt. Sie müsse bereit sein, sich aufgrund neuer Erkenntnisse immer wieder selbst zu hinterfragen.

Die ATN, an der Böhnke ihre Ausbildung abgeschlossen hat, orientiert sich an der wissenschaftlichen Lehrmeinung. Gelehrt wird also nur das, was nach aktuellem Forschungsstand bewiesen ist. «Die ATN lehrt, das Verhalten des Tieres objektiv einzuordnen und sich diesem aus einer wissenschaftlichen Perspektive zu nähern», sagt Böhnke. Deshalb steckt Tierpsychologie auch in allen angebotenen Ausbildungen, im Hundetrainer ebenso wie beispielsweise in Verhaltensberater-Lehrgängen oder der Tiergestützten Arbeit. «Das Tier steht bei allen Richtungen im Mittelpunkt, weil jeder Studierende das Tier im Kontext seiner Arbeit verstehen muss», so Böhnke.

Subjektive Wahrnehmung reicht nicht, um Tiere wirklich verstehen zu können.

Mensch und Tier müssen zusammenpassen

Wenn wir gerade beim Menschen sind. Wie viel muss in der Tierpsychologie mit dem Halter gearbeitet werden? «Darauf bezieht sich ein grosser Teil der Arbeit eines Tierpsychologen. Die Bedürfnisse von Mensch und Tier müssen in Einklang gebracht werden. Nur dann ergibt sich eine hohe Beziehungsqualität», so Böhnke. In der Praxis resultieren viele Probleme aus einer unpassenden Tier-Mensch-Konstellation. «Stellen Sie sich vor, ein gemütlicher Mensch, der seine Zeit am liebsten vor dem Fernseher verbringt, sucht sich ausgerechnet einen Border Collie als Gefährten aus», sagt Böhnke. Border Collies sind in der Regel aktive Hunde, die gefordert werden möchten – körperlich wie auch geistig. In einem solchen Szenario sind Probleme häufig programmiert. Wenn der Halter auf seiner Gemütlichkeit beharrt, bleiben die Bedürfnisse des Hundes auf der Strecke. «Daraus ergibt sich unter Umständen nicht nur eine geringere Lebensqualität, sondern womöglich eine ausgeprägte Leidensgeschichte. Denn Bedürfnisse, die dauerhaft unerfüllt bleiben, können krank machen - Mensch und Tier gleichermassen.»

Psychische Erkrankungen machen vor Tieren nicht Halt – wahrscheinlich

Dieses Unglücklichsein, das von unerfüllten Bedürfnissen herrührt, das kann ich mir vorstellen. Aber können Tiere auch an psychischen Erkrankungen wie Depression oder Schizophrenie leiden? «Das ist in weiten Teilen noch nicht belegt, vieles scheint aber darauf hinzudeuten», so Böhnke. Psychopharmaka beispielsweise werden an Tieren nicht nur zur Entdeckung von Nebenwirkungen getestet, sondern auch in Bezug auf die spezifische Wirksamkeit. Und diese Medikamente wirken bei Tieren wie bei Menschen.

Vieles klingt in der Tat ziemlich ähnlich wie bei uns Menschen. Aber sollten wir Tiere dann auch ähnlich wie Menschen behandeln oder hat eine zu starke Vermenschlichung negative Folgen für das Tier? «Keine Katze, kein Hund wird sich darüber beklagen, mit auf dem Sofa zu sitzen oder Häppchen vom Tisch gefüttert zu bekommen», meint Böhnke. Ihrer Meinung nach geht Vermenschlichung nur dann zu weit, wenn tierliches Verhalten menschlichen Moralvorstellungen unterworfen wird. «Es heisst oft, Tiere könnten nicht moralisch handeln», sagt Böhnke, «tatsächlich können sie das sehr wohl. Tierliche Moral unterscheidet sich aber von menschlicher Moral, sie ist speziesspezifisch.» Nach ihren eigenen Massstäben könnten Tiere «richtig» und «falsch» unterscheiden. Diese stimmten aber nicht zwangsläufig mit unseren menschlichen Vorstellungen überein. «Die Forschung zu den moralischen Fähigkeiten von Tieren steckt aber noch in den Kinderschuhen. In den nächsten Jahren können wir sicher einige neue Erkenntnisse erwarten, die sich möglicherweise auf unsere Beziehung zu Tieren auswirken», sagt sie.

Erlaubt ist, was hilft

Tierpsychologie hat also vielfach nichts mit Esoterik und übernatürlichen Fähigkeiten zu tun hat, sondern beruht auf Wissenschaften wie der Ethologie. Und auch wenn ein Tierpsychologe eher der Esoterik zugewandt ist, muss das nicht per se schlecht sein. Wichtig ist, dass es dem Tier durch die Arbeit des Tierpsychologen nachweislich besser geht. Ich hege immer noch meine Zweifel. Gewisse Dinge kann ich gut nachvollziehen, andere sind mir, egal welcher Ansatz verfolgt wird, etwas zu «gspürsch mi». Ich bin ein Mensch, der lieber einmal macht, bevor er alles zehnmal analysiert. Ob das nun gut oder schlecht ist, sei dahingestellt.

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Carolin Teufelberger, Zürich

  • Junior Editor
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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