Hintergrund

Snowskating oder wie ich auf der Piste Schlittschuhlaufen lernte

Skifahren ohne Ski – auch das gibt es. Aus Norwegen kommen sogenannte Snowskates, mit denen man angeblich kinderleicht die Pisten runter kommt. Ich hab's ausprobiert. Fazit: Runterkommen? Ja. Kinderleicht? Nein.

Es fühlt sich seltsam an. So ganz ohne Ski auf der Skipiste. Und eigentlich fängt dieses seltsame Gefühl schon viel früher an. Spätestens an der Talstation, wenn sich alle anderen mit ihren Ski und Stöcken in die Gondel drängen und ich mich ohne dazustelle. Ich bin zwar Unterländer, dennoch ist Skifahren, seit ich acht Jahre alt bin, Teil meiner DNA. Allerdings gehörten bisher stets zwei Latten und zwei Stöcke dazu.

Noch ist die Gondel zum Gemsstock leer, das ändert sich aber gleich. Mein seltsames Gefühl ist bereits da.
Noch ist die Gondel zum Gemsstock leer, das ändert sich aber gleich. Mein seltsames Gefühl ist bereits da.
Foto: Claudio Candinas

Zum ersten Mal Snowskates an den Füssen

Es kündigt sich ein wunderbarer Skitag an. Oder besser gesagt: Snowskatingtag. Wir sind in Andermatt, im Tal ist es noch schattig, die Gipfel um uns herum sind in goldenes Licht getaucht. Und es ist kalt. Arschkalt, mit Verlaub. Um 10 Uhr morgens zeigt das Thermometer im Tal minus 15 Grad an.

Wir, das sind Claudio, der meine ersten Snowskatingversuche bildlich festhält, und Paul Aegerter aka iceXpaul, der mir die «neue» Sportart beizubringen versucht. Ich habe Paul vor zwei Jahren im Rahmen eines Portraits über ihn kennengelernt. Der südafrikanisch-schweizerische Doppelbürger hat ein grosses Ziel: die Olympischen Winterspiele. Und zwar im Ice Cross Downhill. Ob diese Sportart jemals olympisch wird und er dann noch aktiv den Eiskanal hinunter rast, steht in den Sternen. Heute Morgen heisst es hier in Andermatt auf dem tiefgefrorenen Parkplatz erst einmal ein wenig Materialkunde.

Paul erklärt mir die Funktion der Snowskates.
Paul erklärt mir die Funktion der Snowskates.
Foto: Claudio Candinas
Die True-Glide-Sohle mit den zwei Stahlkanten.
Die True-Glide-Sohle mit den zwei Stahlkanten.
Foto: Claudio Candinas

Vereinfacht gesagt, handelt es sich um einen Skischuh mit einer True-Glide-Sohle mit zwei Stahlkanten an den Seiten. Fertig sind die Snowskates. Natürlich steckt einiges mehr an Technologie in diesem Produkt. Die Details dazu findest du hier.

Snowskates von Tomsen: So geht's

Wir machen uns auf den Weg zum Gütsch-Express. Dort sei es für mich als Anfänger ideal, meint Paul, da es in diesem Gebiet einige blaue, also leichte Pisten habe. Dummerweise ist dieser Teil des Skigebiets jetzt, Anfang Dezember, noch nicht offen. Also nehmen wir die Gondel Richtung Gemsstock und steigen an der Mittelstation Gurschen aus. Leider gibt es hier keine blauen Pisten, was ich im Laufe des Nachmittags noch schmerzhaft zu spüren bekomme. Doch dazu später mehr.

Snowskating lernst du im Prinzip in vier Schritten und das am einfachsten auf einer blauen Piste oder gleich am flachen Anfängerhang:

  • Schritt 1: Position
  • Schritt 2: Beschleunigung
  • Schritt 3: Bremsen
  • Schritt 4: Kurvenfahren

Es fühlt sich an wie Schlittschuhlaufen oder Inlineskaten, nur eben auf der Skipiste. Schau dir zur Veranschaulichung am besten das folgende Video an. Noch ein Tipp: Abseits der Piste funktionieren die Snowskates nicht, da sie nicht für tiefen Schnee gemacht sind. Du brauchst einen möglichst kompakten, gut präparierten Hang.

Video: Claudio Candinas

Rücklage ist der natürliche Feind jedes Skifahrers. Beim Snowskating ist das Gegenteil der Fall. Hast du zu viel Vorlage, haut es dich kopfüber in den Schnee. Wenn du also noch nie auf Ski gestanden bist, kommt dir das hier zugute. Ich muss mich nämlich erst überwinden, ein wenig Rücklage zuzulassen.

Ausserdem musst du darauf achten, dass sich am Belag kein Eis festsetzt. Das ist immer dann der Fall, wenn du auf der Piste eine längere Pause einlegst oder nach dem Toilettenbesuch nicht gleich wieder losfährst. Grund sind wohl die unterschiedlichen Temperaturen im und unter dem Schuh. Das führt dazu, dass sich eine Schicht festsetzt und die Snowskates nicht mehr richtig gleiten.

Dieser Vorgang wiederholt sich dutzendfach: die Sohle von lästigem Schnee und Eis befreien.
Dieser Vorgang wiederholt sich dutzendfach: die Sohle von lästigem Schnee und Eis befreien.
Foto: Claudio Candinas

Nach den ersten zögerlichen Versuchen komme ich anfangs mit den Snowskates immer besser zurecht und es beginnt richtig Spass zu machen. Die Pisten sind gut präpariert, es gibt wenige Leute, die mir vor die Nase fahren und die Sonne lacht vom Himmel. Perfekt. Das Ganze ist jedoch anstrengender, als ich mir bewusst bin. Dafür bezahle ich dann am Nachmittag.

Nach dem Mittagessen spüre ich die Müdigkeit durch die Knochen kriechen, will aber noch nicht Feierabend machen. Ein Fehler. Plötzlich bin ich verkrampft und was am Morgen noch recht spielerisch ging, klappt auf einmal nicht mehr richtig. Zuerst komme ich mit dem linken Schuh am Pistenrand in tieferen Schnee und liege auf der Nase. Später kommt noch der Klassiker vom Schlittschuhlaufen dazu: Ich fliege rücklings auf den Hang und knalle dabei auf’s Steissbein. Diese beiden Stürze abseits der Kamera kaufen mir ein wenig den Schneid ab und die restlichen Abfahrten sind mehr Krampf als Spass.

Das ist auch Paul nicht entgangen und so machen wir gegen 16 Uhr Schluss. Bevor eine Verletzung um die Ecke kommt. Während ich mit Claudio die Gondel nach unten nehme, rast iceXpaul mit seinen Snowskates ins Tal. Treffpunkt Parkplatz.

Das war's für heute mit Snowskating. Ich bin erledigt.
Das war's für heute mit Snowskating. Ich bin erledigt.
Foto: Claudio Candinas

Fazit: sehr cool, sehr anstrengend

Dort angekommen ziehe ich Bilanz: Snowskating ist cool. Soviel steht für mich nach einem Tag mit diesen Schuhen im Schnee fest. Allerdings bezahle ich diese Erkenntnis mit ein paar blauen Flecken, die ich mir auf den roten Pisten oberhalb Andermatts geholt habe. Und mit einem Monstermuskelkater, der mich einige Tage hartnäckig begleitet. Im Vergleich zum Skifahren ist das Pistenfahren ausschliesslich in diesen Boots brutal anstrengend. Für mich auf jeden Fall. Kinderleicht geht anders und meine Ski-DNA kommt mir hier nur bedingt zugute. Wer noch nie Ski gefahren ist oder regelmässig mit Inlineskates oder Schlittschuhen zu Werke ist, hat sicher einen einfacheren Zugang zu dieser Art der Pistenbewältigung.

Der grosse Vorteil der Snowskates ist zweifellos die Agilität ohne Ski und Stöcke. Die Materialschlacht hält sich so in Grenzen und auch das Portemonnaie wird geschont. Das Einsteigermodell gibt's bei Tomsen für 350 Euro. Ausserdem ist die Kraftübertragung, anders als beispielsweise bei den Snowfeet, direkter, da es keine Bindung braucht. Da wackelt nichts, weil das Ganze eine Einheit ist. Und noch etwas. Egal, ob am Lift, auf der Piste oder an der Schneebar: Skifahren ohne Ski erregt viel Aufmerksamkeit. Die Blicke der «normalen» Skifahrerinnen und Skifahrer sind dir gewiss. Ich habe selten so viele Gespräche beim Skifahren geführt wie an diesem Tag in Andermatt.

PS: Und wenn du wissen willst, wie ein Profi wie Paul mit den Snowskates die Hänge hinunter flitzt ... Voilà:

Titelbild: Claudio Candinas

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