Cool Runnings auf Südafrikanisch
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Cool Runnings auf Südafrikanisch

Patrick Bardelli
Zürich, am 04.01.2021
Bilder: Thomas Kunz
Paul Aegerter hat einen Traum: die Olympischen Spiele. Für Südafrika will er dort irgendwann im Ice Cross Downhill an den Start gehen. Begegnung mit einem ungewöhnlichen Sportler.

Ein frostiger Morgen in Küsnacht (ZH). Der Eismeister der örtlichen Kunsteisbahn war schon früh fleissig, sodass wir auf perfekt präpariertem Eis unsere Runden drehen. Ich besuche heute Paul Aegerter aka iceXpaul im Training. Der südafrikanisch-schweizerische Doppelbürger hat ein grosses Ziel: die Olympischen Winterspiele.

Ice Cross Downhiller Paul Aegerter.
Ice Cross Downhiller Paul Aegerter.

Südafrika und Wintersport? Das Land am Kap der Guten Hoffnung ist vor allem für sein Rugbyteam bekannt: die legendäre WM 1995 und der Titel für die einheimischen Springboks. Aber Ice Cross Downhill? Ein Sport, der für viele ein unbeschriebenes Blatt ist. Dabei ist die rasante Abfahrt auf zwei schmalen Kufen ein Spektakel, das sich immer grösserer Beliebtheit erfreut. Bisher mit Red Bull als wohl potentestem Sponsor der Sportwelt im Hintergrund.

Von Johannesburg über Lausanne nach Zürich

Pauls Eltern lernen sich in Johannesburg kennen. Beim Schlittschuhlaufen notabene. Die Mutter Südafrikanerin, der Vater Schweizer kommt Paul in Zürich zur Welt und wächst in der Romandie auf. Heute lebt der 44-Jährige mit seinem achtjährigen Sohn wieder in der Deutschschweiz. Mit fünf Jahren steht Paul zum ersten Mal mit Schlittschuhen auf dem Eis der Patinoire de Montchoisi in Lausanne. Andere Kinder in seinem Alter gehen regelmässig Skifahren, er kurvt mehrmals pro Woche übers Eis. Später kommen Freestyleskating und Eishockey dazu. «Skaten war für mich wie Atmen», erinnert sich Paul.

Let's get ready to rumble.
Let's get ready to rumble.

Dann folgt die Ausbildung und der Einstieg ins Berufsleben, die Schlittschuhe hängen vorerst am Nagel. Als er vor einigen Jahren aus der Westschweiz zurück nach Zürich kommt, wohnt Paul in der Nähe der Kunsteisbahn Küsnacht und beginnt wieder Eishockey zu spielen. Er entdeckt Ice Cross Downhill und entscheidet sich, für Südafrika zu starten. So hat er die Chance, das Heimatland seiner Mutter in diesem noch jungen Sport zu vertreten. Cool Runnings auf Südafrikanisch.

Paul, der Ice Cross Rookie

Vor zwei Jahren nimmt er kurzerhand Kontakt mit einigen Ice Cross Downhill Sportlern und der ATSX auf, der International All Terrain Skate Cross Federation. Schon bald darauf fährt Paul zum ersten Mal in seinem Leben eine Ice Cross Strecke hinunter. Und will nach wenigen Trainingsfahrten seinen Traum begraben. «Ich hatte so starke Schmerzen im ganzen Körper, dass ich aufgeben wollte», erzählt er. Kein Wunder, das Eis im Kanal ist kein glatter Teppich wie hier in Küsnacht. Die Rennstrecken bestehen in der Regel aus Natureis, das oft sehr uneben ist.

Nach einer Nacht voller Schmerzen probiert es Paul nochmals. Denn er weiss: Skaten kann er. Und so stürzt er sich wieder den Eiskanal hinunter. Schon bei seinem zweiten Rennen in Frankreich schafft es Paul in die Top 64. Seine Fähigkeiten bleiben auch bei den Verantwortlichen der Red Bull Ice Cross World Championships nicht unbemerkt und er erhält die Einladung an die grossen Events in Russland und Japan. In seine erste Saison als Ice Cross Downhiller (2019/20) startet Paul Aegerter auf Platz 374 in der Weltrangliste. Fünf Rennen später grüsst der Südafrikaner von Position 95.

Der wichtigste Teil der Ausrüstung: Pauls Schlittschuhe.
Der wichtigste Teil der Ausrüstung: Pauls Schlittschuhe.

Da einige Rennen wegen der Pandemie gestrichen werden, kann Paul nur einen Teil der Saison bestreiten. Auch über den künftigen Events liegt der lange Coronaschatten. Das macht eine vernünftige Planung schwierig. Paul nimmt das jedoch einigermassen gelassen, wenn er sagt: «Es ist, wie es ist. Ich versuche einfach, das Beste aus der Situation zu machen».

Es gibt Kufen und es gibt Kufen

Auf dem perfekt präparierten Eisfeld in Küsnacht dreht Paul weiter seine Runden, macht kurze Sprints und erklärt die Eigenheit seiner Kufen. Die haben einen speziellen Schliff, der weniger aggressiv ist als der normaler Schlittschuhe. Mehr Auflagefläche, weniger Kante. Das gibt beim Rennen einen höheren Speed, macht aber das Kurvenfahren im Training dafür umso schwieriger. Und lauter. Pauls speziell geschliffene Kufen machen wesentlich mehr «Krach» als Hobbyschlittschuhe. Er lächelt, als ich ihn darauf anspreche und bestätigt meinen Eindruck. Seine Skates sind nicht zu überhören.

Ansonsten besteht Pauls Ausrüstung aus einem Mix aus Hockey- und BMX-Material: Protektoren aus dem Hockey, Helm und Handschuhe aus dem BMX.

Ohne speziellen Schliff kommst du den Eiskanal nicht schnell hinunter.
Ohne speziellen Schliff kommst du den Eiskanal nicht schnell hinunter.

Ice Cross Downhiller donnern mit dieser Ausrüstung Strecken von wenigen hundert Metern hinunter. Das geschieht nicht planlos. Das Wichtigste: nicht stürzen. Klingt simpel, ist aber eine der grossen Herausforderungen in diesem Sport. «In der Qualifikation fährst du zwei Läufe alleine. Die bessere Zeit zählt, um unter die Besten zu kommen. Gehst du zu viel Risiko ein und stürzt, sind die Siegchancen wesentlich kleiner», erklärt Paul. Genau das ist ihm letzte Saison in Yokohama zum Verhängnis geworden. Im wichtigsten Rennen des Jahres riskiert er in beiden Qualifikationsläufen zu viel, stürzt zweimal und verpasst die K.O.-Phase um einen Rang. Bitter.

In den K.O.-Runden geht's dann jeweils zu viert durch den engen Eiskanal. Nur die ersten Beiden schaffen den Sprung in die nächste Runde. Beim Gerangel um die besten Plätze sind Stürze vorprogrammiert. Lieber mit 95 Prozent fahren und nicht hinfallen. Und der Start? «Der Schnellste dieser vier aus der Qualifikation wählt jeweils sein Startgate zuerst, dann der zweite und so weiter. Die beiden Gates in der Mitte sind in der Regel die Besseren. Der Start ist extrem wichtig. Kommst du schlecht aus dem Gate raus, ist es schwer, dich für die nächste Runde zu qualifizieren», fährt Paul fort.

Einmal im Rennen gilt Pauls Fokus der eigenen Linie, die er fahren will oder kann, seinen Gegnern, den Sprüngen und der Beschaffenheit des Eises. Oder den Löchern in der Strecke, die die Fahrer vor ihm hinterlassen haben. «Erwischst du eines dieser Löcher, ist das Rennen in der Regel gelaufen.»

No pain, no gain

Ice Cross Downhill sieht nicht nur spektakulär aus, es ist auch gefährlich. Entsprechend oft verletzen sich die Athleten. Aktuell hat Paul Probleme mit einer Rippe. Die ist ein wenig angeknackst oder was in der Art. Er will nicht so richtig darüber reden. Sein Kommentar: «Ohne Verletzung gibt's nichts.» An den russischen Meisterschaften letzte Saison in Moskau reisst er sich im Training zwei Bänder an, ausserdem geht der Meniskus im Knie kaputt und Paul trotzdem an den Start. Danach fliegt er weiter nach Japan zum nächsten Wettkampf. Dafür bezahlt er dann mit sechs Monaten Reha. Am häufigsten geht in diesem Sport die Schulter in die Brüche. Davon ist Paul bisher jedoch verschont geblieben.

Neben der Ausrüstung schützt eine gute Grundfitness vor schweren Verletzungen. Darum treibt Paul Aegerter vier- bis fünfmal pro Woche Sport. Er trainiert wie heute auf dem Eis, spielt Hockey, ist oft mit den Inlineskates im Skatepark anzutreffen, er joggt und betreibt regelmässig Krafttraining.

Sprünge, wie im Rennen, lassen sich zwar nicht eins zu eins üben. Die Bewegungsabläufe beim Landen jedoch schon.
Sprünge, wie im Rennen, lassen sich zwar nicht eins zu eins üben. Die Bewegungsabläufe beim Landen jedoch schon.

Und dann hat Paul auch noch einen Job. Nein, es sind sogar zwei. Einerseits arbeitet er als Marketingmanager im Telekombereich bei UPC und daneben als freischaffender Fotograf. Wie er das alles unter einen Hut bekommt? Es sei ein permanentes Jonglieren, speziell in der jetzigen Situation mit der Corona-Pandemie. Die letzte Saison, seine erste, ist bereits stark von Corona geprägt. Von acht Rennen, an denen Paul plant teilzunehmen, finden schliesslich nur fünf statt. Auch so ist die Reiseplanung abenteuerlich. Zu Hause in Zürich jongliert er vor der russischen Meisterschaft während drei Tagen mit Flügen und Hotelbuchungen:

In Japan finden zwei für ihn wichtige Wettkämpfe statt. Einer in Yokohama, einer in Nagano. Dieser wird kurzfristig einige Tage vorher eine Kategorie heruntergestuft und ist daher für Paul bezüglich Weltranglistenpunkten nicht mehr interessant. Also sagt er ab und plant stattdessen, an ein Rennen nach Kanada zu fliegen. Dort ist jedoch kein Startplatz mehr frei. Unterdessen schlägt ihm ein Kollege vor, an den russischen Meisterschaften in Moskau teilzunehmen, die am selben Wochenende stattfinden wie das Rennen in Nagano. Also plant Paul nochmals um und fliegt weder nach Nagano noch nach Kanada, sondern nach Moskau, nimmt dort an der Meisterschaft teil, reisst sich, wie bereits erwähnt, zwei Bänder im Knie und den Meniskus, fliegt anschliessend nach Yokohama, wo er in der Qualifikation zweimal stürzt und das Hauptfeld um einen Rang verpasst.

Auch die neue Saison wird geprägt sein von vielen Unsicherheiten. Alles passiert Last-Minute. Für Paul quasi der Normalzustand. Er kennt nichts anderes. Kleine Erleichterung: Wegen Corona wird die Rennserie dieses Jahr in kontinentale Zonen eingeteilt, um die Reiserei zu minimieren. Paul plant darum, nur Wettkämpfe in der Europazone zu bestreiten.

Das Budget für eine komplette Saison beträgt über 10 000 Franken. Und die Preisgelder? Paul überlegt: «Ich glaube, in Yokohama erhält der Sieger mehrere tausend Dollar.» Ganz sicher scheint er sich da aber nicht zu sein. Kein Wunder, für ihn geht es vorerst darum, sich überhaupt für die Wettkämpfe zu qualifizieren, dort in die K.O.-Phase zu kommen und weiter fleissig Weltranglistenpunkte zu sammeln. An die grossen Preisgelder ist da (noch) nicht zu denken. In der Regel reicht das Price Money, um die Startgebühr zu decken. Deshalb wäre auch der eine oder andere zusätzliche Sponsor sehr willkommen. Die Ausrüstung, vor allem aber das Reisen und die Hotels verschlingen den Grossteil des Budgets.

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I have a dream

Und schliesslich ist da Pauls grosser Traum: Einmal für Südafrika an den Olympischen Winterspielen teilzunehmen. Dazu müsste sein Sport zuerst ins olympische Programm aufgenommen werden. In der Regel ist das ein langer Prozess. Hinzu kommt, dass Paul bereits Mitte Vierzig ist. Ob es für ihn während seiner aktiven Karriere noch für eine Olympiateilnahme reicht, ist also ungewiss.

Viele von Pauls Konkurrenten sind noch so jung, dass sie seine Söhne sein könnten. Und genau darin besteht die Chance, dass sein Traum vielleicht doch eines Tages in Erfüllung geht: wenn nicht als Athlet, dann eventuell als Coach. «Eines meiner langfristigen Ziele ist es, ein kleines Team mit Nachwuchsathleten aus Südafrika aufzubauen», sagt Paul dazu. «Wenn es mir gelänge, drei oder vier junge Menschen aus meinem Mutterland an diesen Sport heranzuführen und dafür zu begeistern, wäre das fantastisch. Und falls dann eine oder einer davon irgendwann bei Olympia am Start stünde, wäre das der ultimative Traum, der in Erfüllung geht.»

Mehr zu Paul Aegerter findest du auf seiner Webseite: iceXpaul und auf seinen Social Media-Kanälen Instagram, Facebook und TikTok unter @icexpaul.

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Patrick Bardelli
Patrick Bardelli

Senior Editor, Zürich

Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

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