Rollentrainer und Trainingsplattform überzeugen im Test: Wahoo Kickr und Systm

Rollentrainer und Trainingsplattform überzeugen im Test: Wahoo Kickr und Systm

Patrick Bardelli
Zürich, am 19.01.2022

Im Wahoo-Universum finden sich viele Produkte, die ein strukturiertes Training ermöglichen sollen. Ich habe den Rollentrainer «Kickr» in Kombination mit der Plattform «Systm» getestet. Fazit: Das Training damit ist smart und anstrengend.

In den vergangenen Wochen bin ich umgestiegen und habe meinen bisherigen Rollentrainer Suito-T von Elite in die Ecke gestellt. Zur Zeit radle ich mit dem aktuellen Modell des Kickr von Wahoo in der Garage auf der Stelle. Dabei handelt um die fünfte Version, kurz v5, ihres Bestsellers. Und statt Zwift nutze ich Systm als Trainingsplattform. Sie gehört zum amerikanischen Wahoo-Konzern. 2019 hat das Unternehmen mit Sitz in Atlanta «The Sufferfest» gekauft und die Plattform im Herbst 2021 umbenannt.

Kickr statt Suito

Aber der Reihe nach. Der Kickr von Wahoo gehört wie der Suito-T von Elite in die Kategorie der Direct-Drive-Trainer. Bei diesen Rollentrainern mit Direktantrieb wird das Hinterrad abmontiert und die Kette direkt auf die am Rollentrainer installierte Kassette gespannt. Diese Technologie eliminiert den Schlupf des Reifens bei jeder Geschwindigkeit und Leistung. Oder einfach: Das Durchdrehen der Räder wird verhindert. Das ist genauer und das Fahrgefühl realistischer. Viele Hersteller tummeln sich mit unterschiedlichen Technologien auf dem Markt und die Preise reichen von supergünstig bis superteuer. Ich rolle mit dem Kickr von Wahoo im oberen Preissegment durch digitale Welten.

So weit, so gut. Ein wenig nervig ist die Inbetriebnahme des Kickr. Schuld daran ist der Stecker. Dieser Rollentrainer kommt mit einem Schuko-Stecker. Heisst, ich brauche zusätzlich auch noch sowas:

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Laut Galaxus Produktmanagement sollte ein solcher Adapter-Stecker eingentlich standardmässig mitgeliefert werden. Was hier jedoch nicht der Fall gewesen ist. Zur Montage des Bikes gibt es wenig zu sagen. Der Kickr ist kompatibel mit einer 12 x 142 und 12 x 148 Steckachse sowie der 130/135-mm-Standard-Schnellöffnung. Da sollte mein Giant Revolt 0 eigentlich im Nu montiert sein.

Der Kickr ist mit diversen Radgrössen kompatibel.
Der Kickr ist mit diversen Radgrössen kompatibel.

Sollte. Da ich zwei linke Hände habe und anscheinend keine ausgeprägte Feinmotorik, ist die Montage ein ziemliches Gefummel. Die Steckachse passt nicht. Egal, ob ohne oder in diesem Fall mit dem mitgelieferten Achsen-Adapter. Nach einigen Flüchen und mehreren Versuchen klappt’s dann aber doch irgendwie. Der Kickr muss ausserdem noch an die Radgrösse angepasst sein. Dazu wird ein entsprechender Knopf am mittleren Arm des Rollentrainers auf die gewünschte Radgrösse gedreht.

Irgendwann habe ich ausgefummelt und das Bike ist montiert.

Es kann losgehen.
Es kann losgehen.

Auf leisen Sohlen und stabilen Füssen

Die Axis-Stützen sollen laut Wahoo das Fahrgefühl des Kickr verbessern, indem die seitliche Bewegung einer Fahrt im Freien imitiert wird. Die Stützen ermöglichen eine Bewegung von bis zu 5 Grad auf beide Seiten und der Kickr kann natürlicher auf Änderungen der Fahrgeschwindigkeit und Körperposition reagieren. Im Lieferumfang ist ein Set dieser Stützen mit drei Fixierungsstufen enthalten.

Standardmässig ist die mittlere Kappe verbaut, für Fahrer:innen zwischen 63 und 81 Kilo Körpergewicht. Die kleinste eignet sich bis 63 Kilo, die grösste ab 81 Kilo. Die mittlere, bereits installierte Kappe, passt für mich. Der Kickr steht stabil und das Fahrgefühl ist tatsächlich angenehmer als beim Suito-T von Elite. Insgesamt fühlen sich die Bewegungen natürlicher, «echter» an. Speziell im Wiegetritt ist das Gefühl besser.

Das Fahrgefühl auf dem Kickr von Wahoo passt.
Das Fahrgefühl auf dem Kickr von Wahoo passt.

Der Riemenantrieb des Kickr ermöglicht ein fast lautloses Fahren. Ausser einem sanften Surren höre ich nichts. Die Nachbarn wird's hoffentlich freuen. Mit maximal 2200 Watt Widerstand und einer Genauigkeit von +/- 1 % kann eine Neigung von bis zu 20 % simuliert werden. Zum Vergleich: Der 13,8 Kilometer lange Anstieg hinauf auf die legendäre Alpe d’Huez mit 21 Kehren ist im Schnitt 7,9 % steil. Maximal sind es 14,8 %.

Ebenfalls positiv: Der Kickr wird automatisch kalibriert. So ist eine kontinuierliche und präzise Leistung ohne manuelle Prozesse gewährleistet. Und noch positiver: Als ich die Wahoo Fitness App auf mein Android-Phone herunterlade, erhalte ich die Trainingsplattform Systm für 60 Tage gratis dazu. Anschliessend kostet mich das strukturierte Training entweder 14,99 $ monatlich oder 129 $ für ein Jahr.

Die detaillierten Spezifikationen wie technische Daten, unterstützte Geräte und Informationen zur Velo-Kompatibilität findest du hier.

Systm statt Zwift

Das Wahoo-Ökosystem wächst kontinuierlich. Neben smarten Rollentrainern, Velocomputern und Zubehör wie Bergsimulator oder Headwind runden die Amerikaner ihr Angebot mit der interaktiven Trainingsplattform Systm ab. Du kennst sie vielleicht noch unter ihrem alten Namen «The Sufferfest».

Das Erste, was auffällt, ist das Erscheinungsbild. Während ich auf Zwift durch eine bunte Comicwelt radle, die mich an «The Sims» erinnert, begleiten mich auf Systm reale Bilder bei meinen Trainings.

Bei Systm sollen echte Rennsituationen für die nötige Motivation sorgen.
Bei Systm sollen echte Rennsituationen für die nötige Motivation sorgen.

4DP statt FTP

Systm basiert wie bereits The Sufferfest auf dem Konzept einer vierdimensionalen Kraftanalyse (Four Dimensional Power), kurz 4DP. Dieser Test zur Bestimmung der Fitness soll gemäss Wahoo über einen einfachen FTP-Test hinausgehen. Denn dieser sei zu ungenau und nicht geeignet für eine gezielte Weiterentwicklung. Das 4DP-Profil wird in einem rund einstündigen Workout ermittelt, das zu den ersten Einheiten gehört, die du mit Systm absolvieren solltest, um es effizient nutzen zu können.

Untersucht werden dabei:

  1. Die neuro-muskuläre Leistungsfähigkeit (neuromuscular power = NM), die zum Beispiel bei Sprints zum Einsatz kommt, aber auch auf der Ebene der neuro-muskulären Koordination von Bedeutung ist.
  2. Die maximale aerobe Kraft (maximum aerobic power = MAP), auf deren Basis eine hohe Leistung und Kraft für den Zeitraum mehrerer Minuten erbracht werden kann.
  3. Die funktionelle Schwellenleistung (functional threshold power = FTP), die diejenige Leistung beschreibt, die eine Athletin 60 Minuten lang gerade so aufrechterhalten kann.
  4. Die anaerobe Leistungsfähigkeit (anaerobic capacity = AC): Dies beschreibt die Leistung jenseits der aeroben Schwelle.
Ich bin der Typ Verfolger.
Ich bin der Typ Verfolger.

Nach dem Test werde ich gemäss meinen Stärken und Schwächen einem Fahrertyp zugeteilt. Insgesamt sind es sechs unterschiedliche Typen:

  • Sprinter
  • Angreifer
  • Verfolger
  • Zeitfahrer
  • Bergfahrer
  • Roller

Laut Systm bin ich der Typ Verfolger. Mir fehlt zwar der Kick des Sprinters und ich besitze wohl auch nicht die dieselähnliche Kraft des Rollers. Aber als Verfolger scheint meine maximale aerobe Kraft ganz ordentlich zu sein. Fünf Minuten voll am Limit zu fahren, ist gemäss der 4DP-Analyse genau mein Ding. Anschliessend erstellt Systm einen Trainingsplan, der auf meine Stärken und Schwächen zugeschnitten sein soll. Mit wenigen Fragen wird erfasst, wo meine Ziele liegen, wie viel Zeit ich pro Woche fürs Training investiere und ob ich nebest den Rolleneinheiten auch andere Elemente wie Yoga, Mentaltraining oder Krafttraining zur Rumpfstabilisierung integrieren möchte.

Ich entscheide mich für Mental- und Rollentraining. Mal geht es dabei um die Verbesserung der neuro-muskulären Leistungsfähigkeit, mal um die Steigerung der maximalen aeroben Kraft. Zum Beispiel beim Intervalltraining mit dem vielsagenden Titel «A Very Dark Place».

Durchaus anstrengend und mit ein paar very dark places.
Durchaus anstrengend und mit ein paar very dark places.

Fazit zur Trainingsplattform Systm

Systm oder Zwift? Es gibt Argumente für ein Training mit beiden Plattformen. Eine Community wie bei Zwift suchst du bei Systm vergebens. Es lassen sich, ausser ein paar Patches, auch keine Belohnungen in Form von neuer Ausrüstung freischalten. Insgesamt scheint mir Systm weniger spielerisch zu sein als Zwift und mehr Trainingsdisziplin zu verlangen.

Was mir bei Systm mehr zusagt, ist der Fokus auf der klaren Strukturierung der Trainings. Auf dieser Basis bietet die Plattform, im Gegensatz zu Zwift, auch andere, eher ungewohnte Teildisziplinen als lediglich Radfahren und Laufen an. Yoga, Mentaltraining oder Kraftsport erweitern die Möglichkeiten. Hier scheint mehr Wert auf eine individuelle Analyse der Stärken und Schwächen gelegt zu werden. Und entsprechend sind die Workouts darauf ausgerichtet.

Ein bisschen umständlich ist die Planung der einzelnen Trainings. Zwar kann ich den Starttermin frei wählen, die Einheiten werden dann aber automatisch auf die Wochentage verteilt und ich kann beispielsweise nicht einzelne Wochentage angeben, an denen ich gerne trainieren möchte. Die Einheiten lassen sich schon verlegen, jedoch immer nur einzeln, was bei einem zweimonatigen Trainingsplan viel Klickarbeit bedeutet.

Fazit zum Rollentrainer Wahoo Kickr

Der Wahoo Kickr hat mich bisher überzeugt. Das Teil steht stabil, das Fahrgefühl ist top. Ausserdem ist er leise. Ein wichtiger Punkt, damit die Beziehung mit den Nachbarn nicht strapaziert wird. Hinzu kommt die Tatsache, dass sich mit den diversen zusätzlichen Produkten aus dem Wahoo-Universum eine in sich stringente Trainingswelt erschaffen lässt.

Gestört hat mich der fehlende Adapter für den Schuko-Stecker. Vielleicht handelt es sich hier aber auch nur um einen dummen Zufall. Unser Produktmanagement hat mir auf jeden Fall versichert, der Sache auf den Grund zu gehen und sicherzustellen, dass die Adapter-Stecker künftig mit dem Rollentrainer geliefert werden.

Und zu guter Letzt bleibt eines immer gleich. Egal, ob Wahoo oder Elite, Zwift oder Systm. Smart oder nicht: Strampeln muss ich immer noch selbst.

Hartes Training, das ...
Hartes Training, das ...
... einem die Haare zu Berge stehen lässt.
... einem die Haare zu Berge stehen lässt.

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Patrick Bardelli
Patrick Bardelli

Senior Editor, Zürich

Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

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