Nachhaltigkeitszertifikate und ihre Bedeutung – Teil 2

Nachhaltigkeitszertifikate und ihre Bedeutung – Teil 2

Vanessa Kim
Zürich, am 13.12.2021

Die Modebranche ist eine der schmutzigsten. Öko-Siegel sollen Licht ins Dunkel bringen und dir zeigen, welche Textilien sauber produziert worden sind. Doch nur, wenn du weisst, was sie bedeuten.

RDS, Fairtrade Cotton und BSCI – Nachhaltigkeitslabels und -initiativen gibt’s wie Sand am Meer. Sie anerkennen Textilien aus grünen Materialien, nachhaltig produzierende Betriebe oder Unternehmen, die sich sozial engagieren. Doch worauf musst du bei den Siegeln achten und was bedeuten sie eigentlich? Ein Überblick in zwei Teilen.

Du hast den ersten Teil verpasst? Hier der Link:

Responsible Down Standard (RDS)

Bild: Textile Exchange
Bild: Textile Exchange

Hinter dem Daunen-Standard steckt die Textile Exchange. Die Non-Profit-Organisation gibt verbindliche Mindeststandards bei der Gewinnung von Daunen und Federn vor. Diese stammen aus einem ethisch einwandfreien Betrieb. Gänse und Enten dürfen nicht zwangsgefüttert werden, Lebendrupf ist verboten. Zudem müssen die Federn ausschliesslich von toten Tieren – sprich: aus Schlachtrupf – stammen. Zertifizierte Produkte bestehen zu 100 Prozent aus RDS-Daunen.

Kritik: Der Fokus des RDS liegt auf der Lieferkette. Vom Küken bis zum Endprodukt auf dem Teller. Was mit den Elterntieren auf den Farmen geschieht, ist irrelevant.

Fairtrade Cotton

Bild: Fairtrade
Bild: Fairtrade

Der Name ist hier Programm: Das Sozialsiegel kennzeichnet Produkte aus Fairtrade Cotton. Das bedeutet, dass die Baumwolle unter fairen Arbeitsbedingungen angebaut und geerntet wird. Bauern erhalten den kostendeckenden Mindestpreis für ihre Baumwolle. Pestizide sind limitiert erlaubt, genmanipuliertes Saatgut ist verboten. Ausserdem wird der Bio-Anbau gefördert und besser entlohnt. Zudem erhalten die Bauern Hilfe bei der Umstellung. Neben den jährlich stattfindenden Kontrollen müssen die Produzent:innen auch mit unangekündigten rechnen. Wenn bei zwei aufeinanderfolgenden Kontrollen nichts bemängelt wird, erfolgt die dritte in einem kleineren Umfang.

Kritik: Das Sozialsiegel beschränkt sich auf Baumwolle, also den Rohstoff. Das Label sagt nichts darüber aus, inwiefern die gesamte Lieferkette dem Fairtrade-Standard entspricht.

Naturtextil IVN zertifiziert Best

Bild: Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft e.V.
Bild: Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft e.V.

Der Internationale Verband der Naturtextilwirtschaft – ein Zusammenschluss aus über 100 Textilbetrieben – vergibt seit 21 Jahren das «Naturtextil IVN zertifiziert Best»-Gütesiegel. Es soll laut Branchenkenner:innen wie Greenpeace eines der derzeit strengsten Labels sein. Es steht für ökologisch verträgliche Textilien, die nachhaltig produziert worden sind. Im Fokus steht die gesamte Produktionskette. IVN-zertifizierte Produkte werden aus Naturfasern aus biologischem Anbau gewonnen. Synthetische Fasern – abgesehen von Elastikteilen und Nähgarnen – sind tabu. Dasselbe gilt für giftige Substanzen beim Anbau und der Herstellung respektive Veredelung der Textilien. Das Siegel ist ein Jahr gültig. Danach erfolgt eine erneute (unangekündigte) Kontrolle, um es zu verlängern.

Kritik: Seine Stärke ist gleichzeitig seine Schwäche: Die strengen Richtlinien des Verbands machen das Gütesiegel zu einer Rarität auf dem Markt.

Blauer Engel

Bild: Blauer Engel
Bild: Blauer Engel

Das deutsche Umweltzeichen ist eines der ältesten. Es wurde 1978 initiiert. Das Siegel wird an Textilien vergeben, die umweltverträglicher als gleichwertige Konkurrenzprodukte sind. Das Label kennzeichnet Textilien, die aus einer möglichst umweltverträglichen Produktion stammen und ohne gesundheitsgefährdende Substanzen, wie Flammschutzmittel, hergestellt werden. Die Bio-Baumwolle basiert beispielsweise auf nicht-genmanipuliertem Saatgut. Dafür sind schadstoffgeprüfte Chemiefasern wie Elastan und Polyester erlaubt. Der Kriterienkatalog wird in regelmässigen Abständen angepasst. Wenn ein Produkt diese Standards danach nicht mehr erfüllt, wird ihm das Umweltzeichen entzogen.

Kritik: Beim Blauen Engel entscheidest du dich nicht zwingend für ein nachhaltiges Textil. Dafür weisst du, dass es vergleichsweise besser als ein Konkurrenzprodukt abgeschnitten hat.

Better Cotton Initiative (BCI)

Bild: Better Cotton Initiative
Bild: Better Cotton Initiative

Die Initiative setzt sich aus Händlern, Herstellern sowie Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen zusammen. Im Fokus stehen die Verbesserungen der Arbeits- und Umweltbedingungen beim weltweiten Baumwollanbau. Will heissen, dass Chemikalien aufs Minimum beschränkt werden und mit Ressourcen wie Wasser nachhaltig umgegangen wird. Wer BCI-zertifiziert sein will, muss gewisse Standards erfüllen, die stichprobenartig von anerkannten Prüfer:innen evaluiert werden. Gut zu wissen: BCI-Baumwolle ist nicht bio.

Kritik: Bio-Baumwolle ist bei der Better Cotton Initiative Fehlanzeige: Pestizide und genmanipuliertes Saatgut sind erlaubt.

Grüner Knopf

Bild: Grüner Knopf
Bild: Grüner Knopf

Das deutsche staatliche Textilsiegel – für ethisch korrekte und umweltverträglich produzierte Bekleidung – wurde 2019 ins Leben gerufen. Zertifizierte Betriebe müssen bei der Produktion 46 Kriterien erfüllen. Umwelt- und gesundheitsschädigende Substanzen wie Weichmacher sind verboten. Auch müssen Grenzwerte fürs Abwasser eingehalten werden. Hinzu kommen faire Arbeitsbedingungen. Mit diesen Massnahmen wird sichergestellt, dass Betriebe die internationalen Menschen- und Arbeitsrechte erfüllen. Deren Einhaltung wird von unabhängigen, aber anerkannten Prüfer:innen kontrolliert.

Kritik: Das Grüner-Knopf-Zertifikat für fair produzierte Kleider steckt in den Kinderschuhen, da es noch nicht die gesamte Lieferkette abdeckt. Zudem sind die Kriterien nicht strikt genug, um die Einhaltung der Menschen- und Arbeitsrechte sicherzustellen.

Leather Working Group (LWG)

Bild: Leather Working Group
Bild: Leather Working Group

Die englische Non-Profit-Organisation ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Herstellern, Lieferanten, Marken und führenden Expert:innen aus der Lederbranche. Die Mitgliederinitiative will die Lederherstellung transparent machen und nachhaltige Umweltschutzpraktiken fördern. Zertifizierte Gerbereien verwenden bei der Lederherstellung keine umwelt- sowie gesundheitssschädigende Substanzen und gehen verantwortungsvoll mit Wasser und Energie um, damit sie ihre Emissionen senken. Mittlerweile besteht die Leather Working Group weltweit aus über 1000 Mitgliedern.

Kritik: Die LWG fokussiert sich bei der Lederproduktion auf Umweltaspekte. Arbeitsbedingungen, Tierhaltung etc. werden nicht bewertet.

Soll der Fokus auf schadstofffreien und nachhaltigen Textilien oder auf fairen Arbeitsbedingungen liegen? Modelabels und Konsument:innen haben weiterhin die Qual der Wahl, da es nur wenige Patentlösungen gibt. Worauf achtest du beim Einkaufen? Lass es mich in der Kommentarspalte wissen.

Titelbild: Shutterstock (Siegel) und Akil Mazumder/Pexels (Hand)

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Wenn ich mal nicht als Open-Water-Diver unter Wasser bin, dann tauche ich in die Welt der Fashion ein. Auf den Strassen von Paris, Mailand und New York halte ich nach den neuesten Trends Ausschau und zeige dir, wie du sie fernab vom Modezirkus alltagstauglich umsetzt. 


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