Mit Heavy Metal entspannen

Mit Heavy Metal entspannen

Natalie Hemengül
Zürich, am 29.04.2020
Bilder: Thomas Kunz
Musik kann Schmerzen lindern oder gar bei Suchtverhalten helfen, davon ist Christine Grimm überzeugt. Ich habe die Klangtherapeutin besucht und erlebt, wie es sich anfühlt, wenn Musik nicht nur ins Ohr geht, sondern auch durch Knochen und Mark.

«Hast du irgendwelche Knochenbrüche?» Ich schüttle den Kopf. Auch ob ich einen Herzschrittmacher habe, will sie von mir wissen, bevor es losgeht. Wieder verneine ich, lege mich wie angewiesen rücklings auf die Liege und schliesse die Augen. Stille kehrt im lauschigen Raum ein. Dann packt sie meine Füsse und schüttelt mich. Während sich meine Muskulatur auf diese Weise lockert, soll ich auf meine Gefühle und Gedanken achten. Belastendes und Negatives atme ich dreimal auf ihre Anweisung hin laut aus meinem Körper heraus. «Das ist eine Atemübung, damit du dich besser auf die Behandlung einlassen kannst.»

Gleich werde ich massiert. Aber nicht von knetenden Händen, sondern von Schallwellen. Ich erhalte eine sogenannte Klangmassage. Christine Grimm ist Klangtherapeutin und behandelt seit zwanzig Jahren Menschen mit Musik. Dabei setzt sie unter anderem auf Instrumente wie Stimmgabeln und Körperklangschalen. Wie das gehen soll, kann ich mir noch nicht so wirklich vorstellen, möchte es aber hier in ihrer Zürcher Praxis herausfinden.

Die Rassel hat ihren Ursprung im Schamanismus. Dort wird sie eingesetzt, um negative Energien zu vertreiben.
Die Rassel hat ihren Ursprung im Schamanismus. Dort wird sie eingesetzt, um negative Energien zu vertreiben.

Crescendo

Ein Gong durchdringt den Raum und ein dumpfes Rasseln prasselt auf mich herunter. Einsatz Regenrohr. Sanftes Trommeln. Stille. Ab und zu höre ich Thomas’ Kamera klicken. Ich spüre, wie Christine die Klangschalen auf meinem Körper platziert. Sie singen, mein Körper vibriert. Um meinen Kopf herum kreist ein klirrend hoher Ton. Das müssen die Stimmgabeln sein. Diese sollen eine erdende Wirkung haben, erfahre ich später.

Mit einer anderen vibrierenden Gabel bearbeitet Christine Akupressurpunkte an Körper, Kopf und Gesicht. Hierbei höre ich kaum was, fühle dafür aber umso mehr. Als würde ich zur selben Zeit gekitzelt, massiert und gestreichelt werden. Die Gabel auf meinem Brustbein hinterlässt ein besonders eindrückliches Gefühl. Sie schickt Impulse durch meinem Körper, die sich wellenartig ausbreiten. Ich würde es nur schüchtern mit dem Bass vergleichen, der an einem Konzert in deiner Brust pocht. Das hier ist intensiver. Es ist unbeschreiblich befriedigend. Es macht sogar ein bisschen süchtig. Später erfahre ich von Christine, dass sie diese Methode auch bei der Raucherentwöhnung einsetzt. «Wenn der Körper nach dem geborgenen Gefühl verlangt, das sich während des Rauchens einer Zigarette in der Brust breitmacht, kannst du dieses mit den Vibrationen der Stimmgabel ersetzen.»

Ich drehe mich auf den Bauch. Erneut werde ich mit Schalen eingedeckt. Diesmal sind es mehr. «Auf dem Rücken hast du viele Knochen. Sie leiten den Klang durch deinen Körper. Bei gebrochenen Knochen kann das Schmerzen verursachen. Deshalb arbeiten auch Notfallärzte mit einer Stimmgabel, um Brüche auszumachen», erklärt mir Christine im Vorgespräch. «Jede Klangschale gibt einen anderen Ton von sich und besteht traditionell aus einer Legierung sieben verschiedener Metalle.» Mit ihnen arbeitet sie sich während meiner Massage die Tonleiter hinauf. Zeitweise summen alle vier gleichzeitig auf meinem Rücken. Das Gewicht des schweren Metalls gibt mir im Zusammenspiel mit den Vibrationen ein wohlig behütetes Gefühl. Kurz vor Schluss setzt eine Art Windspiel ein. Unruhig und harmonisch zugleich. Nach 45 Minuten ist alles vorbei. Ich lasse das Erlebte mit einer Atemübung ausklingen und bleibe liegen, bis ich im Hier und Jetzt ankomme.

Christine schwingt die Stimmgabeln.
Christine schwingt die Stimmgabeln.

Wer nicht hören will, darf fühlen

Erholt und leicht weggetreten kehre ich ein paar Minuten später zurück ins Nebenzimmer. Dort warten Fotograf Thomas und Christine bereits auf mich. «Vielleicht spürst du in den kommenden Stunden und Tagen Nachwirkungen. Das können andere Träume, Tränen oder alte Gefühle sein, die hochkommen. Musik ist eng an unsere Emotionen geknüpft», erklärt mir die Deutsch-Amerikanerin. «Meine Arbeit ist schwer in Worte zu fassen. Deshalb zeige ich sie den Menschen lieber. Sie spüren sofort, dass die Klänge etwas in ihnen bewegen. Das ist vergleichbar mit einem Live-Auftritt. Den würdest du auch nicht mit einem Song gleichstellen, den du auf deinem Smartphone hörst. Genau deshalb gehen Menschen gerne an Konzerte. Sie nehmen die Musik dort völlig anders wahr.»

Diese Stimmgabel soll laut Christine auch bei der Raucherentwöhnung helfen.
Diese Stimmgabel soll laut Christine auch bei der Raucherentwöhnung helfen.

Backstage

Mit Konzerten kennt sich Christine Grimm aus. Sie wächst in Kalifornien auf und ist lange Zeit als Sängerin und Gitarristin mit unterschiedlichen Country Rock Bands unterwegs. 1997 erleidet die alleinerziehende Mutter einen Nervenzusammenbruch. «Es war mir alles zu viel. Ich weinte nur noch. Da fiel mir eine Zeitschrift zum Thema Klangheilung in die Hände.» Sie entschloss sich, an einem Seminar in Deutschland teilzunehmen. «Das Seminar wurde damals vom unabhängigen Hirnforscher Günter Haffelder begleitet. Er zeigte uns auf, welche Wirkung die Klänge auf unser Hirn und Nervensystem hatten. Das war faszinierend und hat mir bei meinen Problemen geholfen.» Heute bietet Christine mit Vibratuning selbst Klangmassagen und -therapien an.

Christine demonstriert mir im Vorgespräch ihre Stimmgabeln.
Christine demonstriert mir im Vorgespräch ihre Stimmgabeln.

«Stimmen und Instrumenten können Blockaden lösen, bei Schlafproblemen und sogar bei Süchten helfen. Das hat nichts mit Wu Wu zu tun, wie wir im Amerikanischen gerne sagen. Da stecken physikalische Gesetze dahinter», sagt Christine. Es gehe darum, dem Menschen das zu geben, was ihm fehlt. Dabei werde jedem Körperbereich ein Ton, eine Frequenz zugeordnet. «Hast du in einem spezifischen Bereich ein Problem, kommt in der Massage oder der Therapie ein komplementärer Ton zum Einsatz. Er ergänzt den Ton aus dem Problembereich zu einer Quinte. Diese Komplementärtöne werden von dir als besonders angenehm empfunden.»

Teil der Therapie sei auch die Stimmanalyse. Bei dieser Methode erstellt Christine mittels Mikrofon und Stimmgerät eine Grafik der Stimme ihrer Klienten. Diese zeige auf, welche Töne ausgeprägt sind und welche nicht. Dabei werde die Stimme als Ausdruck für den Körper und das Gehirn betrachtet. Defizite in der Stimme stehen laut ihr für die Schwachpunkte der Person. «Deine Stimme ist etwas sehr Persönliches und sagt viel über dich aus», erklärt die 67-Jährige. Auf die Frage, was ihr meine über mich verrät, antwortet sie mit: «Du brauchst Erdung. Du hast eine luftige Stimme.»

Auf der Waagschale

Als Heilerin betrachte sich Christine nicht. «Ich versuche lediglich, die Heilerin in meinen Klienten zu aktivieren, damit sie sich selbst zu helfen wissen. Klänge anhören, Klänge singen. Das sind die Werkzeuge, die ich ihnen mit auf den Weg zur Entspannung geben kann. Sich damit selbst wieder ins Gleichgewicht bringen müssen sie selbst.»

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Ramona (Name von der Redaktion geändert) hat ein solches Werkzeug erhalten. Sie lässt sich regelmässig von Christine behandeln und erzählt mir von ihren Erfahrungen: «Anfangs wollte ich nur entspannen. Die Klangmassage half mir dabei, abzuschalten.» Es folgte eine schwierige Lebensphase. Panikattacken, ein Nierendefekt und die Diagnose vom Arzt, dass auf ihrer Gebärmutter eine Zyste sitzt. Schlimme Schmerzen während der Mens waren die Folge. Ihr Arzt empfahl Medikamente. «Ich nahm bis zu acht Tabletten am Tag – nur, um den Schmerz aushalten zu können. Teilweise konnte ich mich nicht mal von einem Raum in den anderen begeben», erzählt sie.

Sie entscheidet sich für eine Klangtherapie. Gemeinsam mit Christine sucht sie nach einer Schale, deren Klang sie intuitiv anspricht und mit der sie auch zuhause selbst arbeiten kann. «Viele lassen sich beim Kauf einer Schale von der Optik leiten. Die spielt jedoch keine Rolle. Das Wichtigste ist der richtige Klang. Und den kann dir auch eine Schale von niedriger Qualität bieten. Es muss nicht unbedingt eine aus dem Tibet des 18. Jahrhunderts sein», erklärt Christine. Alternativ könne man auch auf die eigene Stimme setzen, den Ton einfach nur summen oder von einer CD abhören. Ramonas Wahl fällt auf eine Schale, die den Ton E wiedergibt. Laut Christine kein Zufall. «Dieser Ton wird häufig für die Arbeit im Bereich der Nieren eingesetzt.» Schmerzen habe Ramona seit ihren Besuchen beim Christine keine mehr. An einen Placebo-Effekt glaube sie nicht.

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«Der Vorteil dieser Therapieform ist, dass du deiner Klangtherapeutin im Grunde nichts über dich erzählen musst, wenn du das nicht möchtest. Alles, was sie wissen muss, liest sie aus deiner Stimmanalyse oder aus deiner Reaktion auf gewisse Klänge heraus», sagt Ramona. Laut Christine ist die Entspannung hier der Schlüssel zur Selbsthilfe. «Opfer von sexuellen Übergriffen haben häufig Probleme damit, berührt zu werden. Eine gewöhnliche Massage kommt daher für viele gar nicht erst infrage. Klänge bieten eine Alternative.»

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«Ich habe auch Klienten, die sich eine bessere Konzentrationsfähigkeit wünschen. Sie behandle ich mit einer Stimmgabel, die auf einer Beta-Frequenz schwingt. Bei Schlafstörungen setze ich hingegen auf Delta-Wellen. Diese schwingen mit einer Frequenz von vier Hertz und helfen dem Gehirn dabei, herunterzufahren», erklärt mir Christine. Weil aber jeder Mensch einzigartig ist, sei es wichtig, dass sie auf die Bedürfnisse ihrer Klienten eingehe. «Wir haben alle unterschiedliche Hirnfrequenzen, die sich unterschiedlich gut mit den Frequenzen meiner Instrumente vertragen. Deshalb war es mir auch wichtig, dass du mir während der Behandlung sagst, wenn sich etwas unangenehm anfühlt.»

Diminuendo

Von unangenehmen Gefühlen habe ich während meiner Behandlung nichts gemerkt. Im Gegenteil. Ich war tiefenentspannt. Am Tag danach hatte ich jedoch eine Nackenstarre, die sich auf alle Seiten hin auswirkte. Nach drei Tagen war alles abgeklungen und mein sonst so verspannter Nacken fühlte sich plötzlich so leicht an, wie lange nicht mehr. Ob das die Nachwirkungen sind, von denen Christine gesprochen hat? Wer weiss. Sicher ist aber, dass ich in Zukunft noch weitere Tage auf Christines Liege ausklingen lassen werde.

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Wir haben Christine Grimm noch vor der Zeit des Social Distancing besucht.

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Natalie Hemengül
Natalie Hemengül
Editor, Zürich
Als Disney-Fan trage ich nonstop die rosarote Brille, verehre Serien aus den 90ern und zähle Meerjungfrauen zu meiner Religion. Wenn ich mal nicht gerade im Glitzerregen tanze, findet man mich auf Pyjama-Partys oder an meinem Schminktisch. PS: Mit Speck fängt man nicht nur Mäuse, sondern auch mich.

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