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Lebensmittel-Aroma: Wie Abfallprodukte deinen Lieblingsgeschmack prägen

Anna Sandner
2.1.2026

Vanille aus Papierabfällen, Pfirsich aus Rizinusöl, Mandel aus Farbverdünner: Die Herkunft von (natürlichen) Aromastoffen in Lebensmitteln ist oft verblüffend und unerwartet. 5 kuriose Beispiele.

Dein Erdbeerjoghurt hat kaum Erdbeeren gesehen, dein Vanillepudding keine echte Vanilleschote – und trotzdem schmeckt beides intensiv danach. Dahinter stecken Aromen, die oft gar nicht viel mit Lebensmitteln zu tun haben. Die Lebensmittelindustrie ist dabei erstaunlich einfallsreich. Hier kommen fünf Aromastoffe, die du wahrscheinlich schon mal gegessen hast – deren Herkunft dich aber überraschen dürfte.

1. Vanille-Aroma: Wenn dein Pudding aus der Papierfabrik kommt

Lange hielt sich der Mythos, Erdbeeren im Erdbeerjoghurt wären eigentlich Sägespäne. Das ist nicht der Fall. Vanillin allerdings kann tatsächlich aus Holz gewonnen werden. Genauer gesagt wird dafür Lignin, ein Abfallprodukt aus der Papierherstellung, genutzt. Dabei wird das Lignin unter hohem Druck und Hitze mit Sauerstoff und Laugen behandelt, bis es chemisch auseinanderbricht und (unter anderem) Vanillin freigibt. Es ist also quasi ein «Upcycling» von Industrieabfall.

Etwa 15 Prozent des weltweit produzierten Vanillins stammen aus solchen «natürlichen» Holz-Quellen. Der absolute Großteil – über 85 Prozent – kommt aus Erdöl-Derivaten wie Guajacol. Richtig gelesen: Der Vanillegeschmack wird in den meisten Fällen aus Erdöl hergestellt.

Und warum das Ganze? Echte Vanilleschoten sind extrem teuer (bis zu 600 Euro pro Kilo), daher greift die Industrie fast immer zum wesentlich günstigeren Vanillin.

2. Pfirsich-Aroma: Geschmacks-(Alb-)Traum aus dem Abführmittel-Regal

Auch das Geheimnis hinter Pfirsich-Aroma ist keineswegs die Frucht selbst, sondern: Gamma-Decalacton. Das ist zwar der Stoff, der auch echten Pfirsichen ihren typischen Geruch verleiht. Die Krux ist allerdings: Gewonnen wird der Aromastoff meist nicht aus Obst, sondern aus Rizinusöl.

Sieht aus wie Pfirsich, schmeckt nach Pfirsich, ist … ein von Hefepilzen verarbeitetes Abführmittel.
Sieht aus wie Pfirsich, schmeckt nach Pfirsich, ist … ein von Hefepilzen verarbeitetes Abführmittel.
Quelle: Azeem Amin/Shutterstock

Ja, genau das Öl, das Großeltern früher als rabiates Abführmittel im Schrank hatten. Aber keine Panik, die abführende Wirkung ist Geschichte, wenn der Stoff in deinem Joghurt landet. Im Labor werden spezielle Hefepilze (namens Yarrowia lipolytica) damit gefüttert. Diese Mikroorganismen bauen die im Öl enthaltene Ricinolsäure – die Substanz, die für die abführende Wirkung verantwortlich ist – biochemisch so um, dass am Ende das Pfirsich-Aroma übrig bleibt. Die abführende Wirkung verschwindet dadurch vollständig. Da sowohl das Öl als auch die Hefe natürlichen Ursprungs sind, darf das Ergebnis als «natürliches Aroma» auf der Packung stehen.

3. Mandel-Aroma: Marzipan aus Farbverdünner

Magst du den intensiven Geruch von Amaretto oder diesen typischen Kirschgeschmack von bestimmten Hustenbonbons? Das ist Benzaldehyd. In der Natur entsteht es beim Zerkauen von Bittermandeln oder Aprikosenkernen durch enzymatische Spaltung. Dabei wird gleichzeitig giftige Blausäure freigesetzt, weshalb du die Kerne nicht roh essen solltest.

Der überwiegende Teil des industriell genutzten Benzaldehyds wird synthetisch hergestellt, hauptsächlich aus Toluol. Toluol ist ein Lösungsmittel, das aus Erdöl gewonnen wird und auch in Farbverdünnern vorkommt. Der synthetische Aromastoff ist legal und sicher, wenn er hochrein produziert wurde. Natürliches Benzaldehyd lässt sich auch aus Zimtöl gewinnen, ist aber deutlich teurer und bleibt daher ein Nischenprodukt.

4. Bananen-Aroma: Der Duft, der Bienen wütend macht

Kennst du diese gelben Schaumzucker-Bananen, die intensiver und süßer schmecken als echte Bananen? Hauptverantwortlich dafür ist Isoamylacetat. Der Stoff kommt ganz natürlich in echten Bananen vor. Er steckt aber auch in Birnen und wird von Bienen sogar als Alarmsignal (Pheromon) genutzt, um Artgenossen zum Stechen zu animieren.

Industriell wird dieser Aromastoff heute meist durch Fermentation (mit Hefen oder Pilzen) oder durch chemische Synthese hergestellt. Chemisch ist es eine Verbindung aus Isoamylalkohol und Essigsäure. Früher gewann man den Alkohol dafür übrigens oft aus Fuselöl, einem Nebenprodukt der Alkoholbrennerei. Heute wird er meist gezielter produziert.

Der Clou: Wenn Isoamylacetat durch natürliche Fermentationsprozesse (zum Beispiel mit Bakterien oder Hefen) gewonnen wird, darf es lebensmittelrechtlich als «natürliches Aroma» bezeichnet werden – auch wenn es nie eine Banane gesehen hat. Chemisch ist das Molekül ohnehin identisch, egal, ob es aus der Frucht, dem Labor oder dem Gärtank kommt.

Schaumzucker-Bananen enthalten in der Regel natürliches Bananen-Aroma, das allerdings nicht aus Bananen stammt.
Schaumzucker-Bananen enthalten in der Regel natürliches Bananen-Aroma, das allerdings nicht aus Bananen stammt.
Quelle: DeymosHR/Shutterstock

5. Ananas-Aroma: Fruchtbombe aus ranziger Butter

Ethylbutyrat heißt der Aromastoff, der fast eins zu eins nach frischer Ananas riecht. In der Industrie gewinnt man aber auch diesen Stoff meist nicht aus der Frucht, sondern aus Buttersäure.

Und jetzt wird’s ein bisschen eklig (oder noch ekliger): Buttersäure ist genau der Stoff, der für den stechenden Geruch von Erbrochenem und ranziger Butter verantwortlich ist. Was das mit Ananas zu tun hat? Wenn Buttersäure leicht verändert wird (genauer: mit Alkohol verestert wird), kippt der Geruch augenblicklich von Erbrochenem zu tropischer Fruchtbombe. Ein winziges Molekül-Teilchen entscheidet also darüber, ob dir übel wird oder du Lust auf eine Piña Colada bekommst. In der Industrie wird Ethylbutyrat tonnenweise eingesetzt, weil es extrem günstig herzustellen ist.

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Wissenschaftsredakteurin und Biologin. Ich liebe Tiere und bin fasziniert von Pflanzen, ihren Fähigkeiten und allem, was man daraus und damit machen kann. Deswegen ist mein liebster Ort immer draußen – irgendwo in der Natur, gerne in meinem wilden Garten.


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