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Familie + KindInspiration 05

Lasst die Kinder streiten!

Wenn Kinder streiten, bekommen Erwachsene davon oft erst etwas mit, wenn die Auseinandersetzung in Tränen und Gebrüll endet. Wie viele Konflikte Kinder jeden Tag erfolgreich austragen, bleibt Eltern und Erzieherinnen deshalb meist verborgen.

Alle neun Minuten, zitieren Eltern gelegentlich seufzend eine Studie aus Kanada, streiten Geschwister, wenn sie zwischen zwei und vier Jahre alt sind. Alle neun Minuten! Gelegenheiten gibt es genug: Wer kriegt die Banane, die weniger braune Flecken hat? Wer hält in der Badi zuerst hin, wenn Papi die Sonnencreme zückt? Ist der Stickerbogen, den das Gotti mitgebracht hat, dem Glitzerstift für die Schwester wirklich ebenbürtig? Wann hört Elio endlich auf Angry Birds zu spielen?

Man hat in Kanada aber noch eine andere Zahl auf Lager: Gerade einmal zwei Minuten dauert es im Durchschnitt, bis die meisten Konflikte beigelegt sind. Und nicht nur das: Kinder finden häufig einen Weg, bei dem niemand leer ausgehen muss, einen Kompromiss also. Eltern oder Erzieher bekommen von all diesen erfolgreichen Verhandlungen in der Regel jedoch wenig mit. Wer erst hinhört, wenn es laut wird oder jemandem wehgetan wird, dem entgeht ganz viel, ist die deutsche Pädagogin Mechthild Dörfler deshalb überzeugt. «Kinder verfügen über ein erstaunlich breites Repertoire, sich in Konflikten miteinander zu verständigen», heisst es im Buch «Konflikte machen stark - Streitkultur im Kindergarten», das sie mit dem Pädagogen Lothar Klein verfasst hat.

Lösungen aus der Kinderwelt

Kinder kommen zudem häufig auf Lösungen, die uns Erwachsenen gar nie einfallen würden. Silvio will unbedingt auch den Josef spielen? Dann hat Jesus in diesem Krippenspiel halt zwei Väter. Diese Kreativität ist aber nicht der einzige Grund, weshalb Dörfler Eltern und Erzieherinnen empfiehlt, bei Kinderkonflikten zwar im Hintergrund präsent zu sein, sich mit Ratschlägen und Ermahnungen aber zurückzuhalten. «Wir mischen uns zu früh und zu häufig ein», sagt die Pädagogin, die auch dafür plädiert, Kinder raufen zu lassen, solange sich niemand ernsthaft wehtut. «Den ganzen Konflikt der Kinder erfassen wir selten». Vielleicht sehen wir gerade, wie Ines Svetlana ans Bein tritt. Entgangen ist uns aber, dass Svetlana Ines davor ausgelacht hat, und wir wissen auch nicht, warum sich Svetlana denn lustig gemacht hat und ob das überhaupt ihre Absicht war. Kinder streiten nicht einfach so. Sie haben, wie wir, einen Grund für ihr Handeln. Schon früh sind sie sich zudem bewusst, dass es in einem Streit immer auch um Beziehung geht und dass man irgendwann niemanden mehr zum Spielen hat, wenn man einfach drauflos haut.

Trotzdem gibt es Momente, in denen Erwachsene dazwischen gehen und streitende Kinder auch einmal voneinander trennen müssen. Wichtig ist es dann, nicht als Richter aufzutreten, sondern als Anwalt aller beteiligten Parteien. Fragen nach dem Warum und danach, wer angefangen hat, helfen wenig; sie suggerieren vorsätzliches Handeln und dass jemandem die Schuld zugewiesen werden kann. Konflikte entstehen in der Regel aber einfach aus einer Situation heraus und werden von den Beteiligten nicht bewusst gesucht. Jedes Kind soll die Gelegenheit haben, seine Sicht der Dinge zu beschreiben, und das bedeutet für den Erwachsenen unter Umständen auch Widersprüche auszuhalten. Im Vordergrund steht nicht, möglichst schnell eine Lösung zu finden, sondern die Gefühle und Empfindungen der Kinder ernst zu nehmen – indem man sie erzählen lässt und nachfragt, ohne zu werten, und erst dann allenfalls gemeinsam mit ihnen nach einer Lösung sucht.

Gefühle und Grenzen kennenlernen

«Konflikte sind nicht nur unvermeidlich», schreiben Dörfler und Klein, «sie stellen auch entwicklungsfördernde Kontexte für das Aufwachsen der Kinder dar.» Konkret: Kinder lernen im Aushandeln mit anderen sich durchzusetzen und zu kooperieren, sie einigen sich auf gemeinsame Regeln und Werte, sie lernen die Gefühle und Grenzen anderer Kinder kennen und entwickeln ein Konzept von sich selbst, sie bilden Freundschaften und verändern Machtstrukturen. Als lästig empfinden sie Konflikte dabei selten – es sind die Erwachsenen, die sich daran stören.

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Wie ich Onkel wurde

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Journalistin und Mutter von zwei Söhnen, beides furchtbar gerne. Mit Mann und Kindern 2014 von Zürich nach Lissabon gezogen. Schreibt ihre Texte im Café und findet auch sonst, dass es das Leben ziemlich gut mit ihr meint.
uemityoker.wordpress.com

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