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Lass mich für dich sehen

Sein durchdringender Blick ist das Erste, das mir an ihm auffällt. Als ich ihm gegenüber sitze, spüre ich irgendwie bereits, was er meint, wenn er später im Gespräch sagen wird: «Ich muss das einfach machen.» Begegnung mit Mike Bär, Laufguide.

Draussen ist es kalt, drinnen im sphères laut. Hier treffe ich Mike Bär und Hans-Peter Schmid Ende Januar zum Gespräch. Der Banker begleitet in seiner spärlichen Freizeit sehbehinderte Läufer für den Lauftreff Limmattal als Guide. Seit drei Jahren Hans-Peter aus Wollishofen. Er ist in seiner Jugend komplett erblindet. Sehkraft heute: null.

Mike Bär
Hans-Peter Schmid

Was hat die dich dazu gebracht, als Guide mit sehbehinderten Menschen zu laufen?
Mike Bär, Guide: Zum ersten Mal sah ich Tandem-Läufer an einem Marathon in den USA. Da waren vier, fünf Teams aus China, die als Tandems unterwegs waren. Das faszinierte mich total. Ein halbes Jahr später nahm ich dann an einem Marathon in der Atacama-Wüste auf rund 4 500 Metern über Meer teil. Ich stiess damals auf ein Video mit einer sehbehinderten Läuferin aus Irland, die im Jahr davor am Start gewesen war. Es war überwältigend, das zu sehen. Später erfuhr ich ausserdem, dass ihr Guide damals komplett schlapp gemacht hatte und beide in dem unwegsamen Gelände immer wieder gestürzt waren. Irgendwann hatte die Irin genug. Sie liess ihren Guide stehen und fragte einfach einen anderen Läufer, ob er sie bis ins Ziel führen könne. Was dieser dann auch tat. Da war für mich klar, dass ich das auch machen wollte. Ach, was sage ich, ich musste das einfach tun. Zurück in der Schweiz fand ich dann den Lauftreff Limmattal.

Seit rund drei Jahren begleitet Mike nun Hans-Peter Schmid bei seinen Läufen. Zwischen den beiden Männern hat sich in dieser Zeit eine Freundschaft entwickelt. Was denn die konkrete Aufgabe eines Guides sei, will ich von Mike wissen. «Einfach gesagt, mit einem sehbehinderten Menschen zu rennen», antwortet er. Bei ihnen ginge dies unterdessen aber weiter. So begleitet Mike Hans-Peter auch an Wettkämpfen.

Wie läuft so ein Wettkampftag ab?
Wichtig ist die saubere Rennvorbereitung: Wo rennen wir, wie sieht das Terrain aus, wo holen wir die Startnummer ab, wo ziehen wir uns um, wo können wir uns aufwärmen? Wie kommen wir zum Start und wie nach dem Lauf wieder nach Hause? Die ganzen organisatorischen Fragen halt.

Und im Wettkampf selber?
Da ist das Wichtigste überhaupt, dass der Kollege nicht hinfällt. Das ist das A und O. Und dann sind da die «normalen» Probleme eines jeden Läufers. Wir tragen zwar orange Westen, die Hans-Peter als Läufer mit Sehbehinderung und mich als Guide kennzeichnen. Trotzdem gibt es Autofahrer, die bei Fussgängerstreifen nicht anhalten. Da sind Radfahrer, Menschen mit Kinderwagen, Menschen mit Hunden – niemand weicht aus. Hinzu kommen Hindernisse wie Wurzeln im Boden, Bordsteinkanten, Verkehrsteiler und so weiter. Da ist es nicht immer ganz einfach, unfallfrei durchzukommen. Das Schlimmste wäre, wenn Hans-Peter stürzen würde, was bisher Gott sein Dank nicht der Fall war.

Wo trainiert ihr?
Wir sind oft am Greifensee. Eine Runde hat dort 17 Kilometer und es läuft sich auf dem guten Belag angenehm. In der Stadt waren wir schon lange nicht mehr. Im Sommer hat es einfach zu viele Menschen. Und wenn wir doch in der Stadt unterwegs sind, dann laufen wir oft dem Seebecken entlang.

Fachsimpeln

Bei ihren Läufen haben die beiden ein ordentliches Tempo drauf. Hans-Peter bewältigt den Halbmarathon in unter 1:45:00. Seine Bestzeit über 42.195 Kilometer liegt bei 3:54:00. Bei solchen Zeiten stösst auch Guide Mike an seine Grenzen. Schliesslich muss er nicht «nur» mitlaufen, er muss Hans-Peter vor allem sicher ins Ziel führen. Die beiden schmunzeln, als ich wissen will, wer denn auf wen Rücksicht nehmen muss. Das entscheide die Tagesform, lautet die diplomatische Antwort.

Wo hast du die Ausbildung zum Guide absolviert?
Beim Lauftreff Limmattal.

Und wie sieht diese aus?
Die Ausbildung besteht aus einem eintägigen Grundkurs und zwei Wiederholungskursen. Dabei gibt es einen Theorie- und einen Praxisteil. Hier läufst du mit verschiedenen Brillen, die unterschiedliche Augenkrankheiten simulieren. Zum Beispiel nimmst du nur hell/dunkel wahr oder das Gesichtsfeld wird stark eingeschränkt. Da hast du das Gefühl, durch ein Röhrchen zu schauen. Oder du siehst eben gar nichts mehr. Nach diesen drei Ausbildungstagen läufst du mit einem Sehbehinderten und einem Guide, der dich coacht. Danach geht's los.

Was sind denn die grössten Schwierigkeiten?
Es gibt viele Dinge, die wir unterschätzen. Nur schon ein Randstein kann für einen Sehbehinderten eine grosse Hürde darstellen. Das richtige und vor allem rechtzeitige Ansagen dieser Hindernisse ist nicht einfach. Bleiben wir bei diesem Beispiel. Ich muss schauen, dass Hans-Peter immer in einem 90-Grad-Winkel über einen Randstein läuft, sonst knickt er ein. Also immer gerade auf ein solches Hindernis zulaufen, nie schräg. Solche Dinge lernst du in der Ausbildung. Aber weisst du was, Patrick? Hier ist eine Augenbinde, ich zeige es dir.

Es wird dunkel.
Achtung, jetzt wird es dann gleich rutschig.

Einfach mal loslassen

Okay, ich ziehe die Augenbinde über und begebe mich für einige Minuten in Mikes Obhut. Wir laufen der Limmat entlang und sind über einen Bändel miteinander verbunden. Wir versuchen mit ungefähr derselben Schrittlänge und möglichst synchron zu laufen. Dabei sagt mir Mike jeweils an, was als nächstes auf uns zukommt. «Hier wird es gleich rutschig, da kommt uns ein Radfahrer entgegen. Hier hat es spielende Hunde, nun müssen wir einige Schritte gehen statt laufen.» Solche Sachen.

Auf dem Rückweg laufen wir der Strasse entlang. «Jetzt hörst du gleich die Tram. Jetzt verlangsamen wir, Leute steigen aus, jetzt müssen wir kurz stehen bleiben. Jetzt laufen wir weiter.» Dann sind wir wieder beim sphères. Und ich um eine eindrückliche Erfahrung reicher. Wow. Ich spüre eine tiefe Dankbarkeit, dass Mike mich sicher durch die Welt geführt hat. Ich habe losgelassen und er hat übernommen. Für einen kurzen Moment muss ich meine Emotionen zurückhalten, dass ich ihm nicht einfach um den Hals falle.

Apropos: Wie sieht es mit dem Vertrauen aus? Immerhin legt Hans-Peter seine Gesundheit in die Hände eines anderen Menschen. «Das war anfangs für Mike wesentlich stressiger als für mich», meint er gelassen. Er sei diesbezüglich halt routiniert. Während des Studiums habe er wettkampfmässig Langlauf mit Guides bestritten und sei schon vor Mike mit diversen Guides gelaufen. Aber klar, man liefere sich einem anderen Menschen aus. Daran führe kein Weg vorbei. Mit ihm hätte er nun jedoch einen Guide, der mit ihm mithalten könne. Endlich, sagt er lachend.

«Am 15. April laufen wir den Boston Marathon.»

Auf kurzen Tempoläufen geht Hans-Peter jedoch mit Sandra «fremd». Die junge Frau ist noch schneller als Mike. Und auf ultralangen Läufen kann Hans-Peter auf die Dienste eines Triathleten zählen. So hat er für jeden Zweck den richtigen Guide.

Keine Lust, fünf Stunden unterwegs zu sein

Also muss sich Hans-Peter eher zurücknehmen, Mike?
Ja, an guten Tagen kann das schon mal vorkommen. Wenn er gut trainiert und verletzungsfrei ist, ist er schneller als ich. Aber wir beide haben den Anspruch, einen Marathon oder Halbmarathon in einer anständigen Zeit zurückzulegen. Keiner von uns hat Lust, fünf Stunden oder so unterwegs zu sein.

Und Hans-Peter ist so schnell, dass er sich für den diesjährigen Boston Marathon qualifiziert hat. Die Vorfreude auf dieses Highlight ist beiden Läufern ins Gesicht geschrieben.

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Patrick Bardelli, Zürich

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