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Reportage Sport08

Erlebnisbericht vom Boston-Marathon

Hans-Peter Schmid ist Läufer mit Leib und Seele. An seiner Seite hat er stets einen Guide. Denn Hans-Peter Schmid ist blind.

Vor einigen Monaten treffe ich Hans-Peter und seinen Guide Mike Bär zum Interview. Dabei erzählt er mir unter anderem, dass er sich für den diesjährigen Boston-Marathon qualifiziert hat. Die Vorfreude auf diesen Wettkampf ist bei beiden Läufern enorm gross.

Am 15. April laufen rund 27 000 Läuferinnen und Läufer in Boston die 42.195 Kilometer. Einer davon ist der blinde Hans-Peter Schmid. Dies ist sein Bericht:

Ich hatte das grosse Glück am 123. Boston-Marathon teilnehmen zu dürfen, welcher am 15. April 2019 durchgeführt wurde. Um es vorweg zu nehmen: Das Erlebnis war unbeschreiblich intensiv, toll und überwältigend. So etwas habe ich noch nie erlebt! Im Weiteren war die Organisation, insbesondere für Athleten mit Einschränkungen, unübertrefflich. Schliesslich erlebte ich noch nie derart viele, begeisterte, voll präsente und fröhliche Zuschauer.

Vor dem Start

Am Morgen des 15. April ging es schon früh los. Wecken um 4.15 Uhr, Frühstück auf dem Zimmer um 4.45 Uhr und schliesslich die Fahrt zum Besammlungsort um 5.30 Uhr.

Die Athleten mit Einschränkungen fuhren um 6.15 Uhr mit VIP-Bussen sowie einer Polizeieskorte äusserst effizient innert einer Stunde nach Hopkinton, wo sich das Startgelände befand. Beim Einsteigen begann es zu regnen, und während der Fahrt schüttete es. Ein veritables Gewitter zog über die Gegend.

In Hopkinton konnten wir in einem beheizten VIP-Zelt Platz nehmen, worüber wir sehr froh waren. Es war relativ kalt und regnete munter weiter. Um zirka neun Uhr, eine halbe Stunde vor dem offiziellen Start, hörte der Regen auf. Genial, dieses Timing!

Mein Guide Mike Bär und ich spazierten daraufhin ein wenig im Startgelände herum. Die Sicherheitsvorkehrungen waren sehr streng. Vor dem Betreten der Zone wurden wir mit einem Metalldetektor abgesucht. In der Startzone waren sehr viele Polizisten sowie Scharfschützen präsent, und ein süsser Labi schnüffelte nach allfälligen Bomben.

Kurz vor 9.30 Uhr wurde die Nationalhymne gesungen. Bei den letzten Klängen schossen zwei Kampfjets zum Salut im Tiefflug über das Startgebiet. Das Gefühl und die Stimmung waren umwerfend einmalig.

Hans-Peter Schmid und Mike Bär zuversichtlich vor dem Start.

Der Marathon

Unser Start zuhinterst in der Welle zwei war auf 10.25 Uhr angesetzt. Wir bezogen unsere Plätze, entledigten uns unserer warmen Überkleider und warteten, bis sich tausende von Läufern vor uns eingereiht hatten. Das Starterfeld zog sich über rund 800 Meter hin. Dementsprechend dauerte es recht lange, bis wir loslaufen konnten.

Am Anfang war es relativ eng und anspruchsvoll. Es kam zu zwei kritischen Situationen, in denen mir Läufer direkt vor die Füsse sprangen und ich stolperte. Zum Glück konnte ich mich jeweils auffangen. Dann wurde es langsam entspannter.

Der erste Teil der Strecke führte eher bergab oder war flach, was zu einem schnelleren Tempo verleitete. Wir liefen durch mehrere Gemeinden, in denen wohl hunderte bis tausende Menschen am Strassenrand standen und die Läufer rufend, schreiend und kreischend anfeuerten – so richtig amerikanisch. Der Lärm war oft ohrenbetäubend. So viel Aufmerksamkeit und Unterstützung hatte ich in der Schweiz noch nie erfahren. Wenn ich dann noch meine Hand zum Gruss hob, schwoll das Kreischen noch mehr an. Es war unfassbar. Den Höhepunkt des Schreiens erreichten wir bei Kilometer 20, beim Wellesley College. Dort standen auf mehreren Hundert Metern Studentinnen des örtlichen Colleges, die die Läufer anfeuerten und mit Plakaten einen Kuss einforderten.

Ab etwa Kilometer 25 kamen die Netwon Hills, vier nette Steigungen, die uns einiges an Schweiss abrangen. Da es am Morgen recht kühl gewesen war, trugen wir lange Ärmel. Während des Laufes wurde es jedoch immer wärmer und die Sonne kam zum Vorschein. Ich hatte deshalb viel zu warm und litt ziemlich darunter. Bei Kilometer 33 galt es schliesslich noch den Heartbreak Hill, die letzte Steigung vor Boston, zu bezwingen. Nach wie vor unter der Hitze leidend, setzte mir auch diese Steigung zu, aber ich schaffte sie soweit gut. Mike erzählte mir erst im Hotel, dass auf der Höhe oben diverse Läufer weggetragen worden seien und neben der Strecke mit Sauerstoff versorgt wurden. Von daher ging es mir im Vergleich dazu noch sehr passabel.

Nach dem Heartbreak Hill ging es nur noch abwärts nach Boston hinein. Ich war recht geschafft, litt, war relativ langsam unterwegs und freute mich auf das Ziel. Zwei Meilen davor begann es zu Regnen. Ich war froh über die leichte Abkühlung und konnte es nicht fassen, was für ein Wetterglück wir gehabt hatten. Endlich ging es nach rechts in die Hereford Street und nach links in die Boylston Street hinein – ein charakteristischer Streckenabschnitt des Boston-Marathons. Danach war es nicht mehr weit. Wir liefen auf der Boylston Street dem Ziel entgegen. Das Publikum tobte, Lautsprecherdurchsagen dröhnten und eine Woge des Jubels begleitete uns über die Ziellinie. Dort gab es eine Wärmefolie, Wasser und vor allem die begehrte Medaille.

Im Ziel: gezeichnet, aber glücklich.

Am diesjährigen Boston-Marathon nahmen über 27 000 Läuferinnen und Läufer teil. Darunter befanden sich auch insgesamt 51 Tandems aus diversen Ländern, von denen 48 das Ziel erreichten.

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Patrick Bardelli, Zürich

  • Senior Editor
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