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Hintergrund

Ist 8 Uhr zu früh? Die Diskussion um einen späteren Schulstart

Für viele Teenager ist der frühe Morgen grausam. Sie schleppen sich in den Unterricht, aufnahmefähig sind sie noch nicht. Das beschäftigt die Wissenschaft schon lange – doch neue Modelle machen nur langsam Schule.

Flo mit dem Kopf auf dem Tisch, dösend. Das ist das erste Bild, das mir aus morgendlichen Schulstunden in den Sinn kommt. Manchmal schoss sein Arm in die Luft, es folgte ein inhaltlich guter Beitrag zum Unterrichtsthema, bevor er wieder auf unbestimmte Zeit in sich zusammensackte. Das war keine Show. Er war ein guter Schüler und seine Qual war echt. Denn der Tagesrhythmus an Schulen ist für Erwachsene gemacht. Präziser: für erwachsene Lerchen, also Personen, die früh leistungsfähig sind.

«Viele Jugendliche leben gegen ihre innere Uhr, weil sie früh aufstehen müssen, um rechtzeitig in der Schule zu sein», sagt der Chronobiologe Prof. Dr. Henrik Oster im Gespräch mit meiner Kollegin Anna Sandner. Dass sich der Chronotyp während der Pubertät nach hinten verschiebe, sei statistisch sehr gut belegt. Er spricht von bis zu sechs Stunden.

Statistisch sehr gut belegt sind auch die Unterrichtszeiten: Nicht selten ist noch eine Sieben auf der Uhr zu sehen, wenn die Schülerinnen und Schüler im Klassenraum Platz nehmen. Bei uns in Zürich ist das Alltag: An vier von fünf Wochentagen wecke ich meine Tochter, die längst nicht mehr so früh einschlafen kann wie sie gerne würde, um kurz nach sechs. Doch langsam bekommt die Frühstunde nicht nur wissenschaftlichen Gegenwind – es tut sich vielerorts etwas.

Späterer Schulstart für später geplant

Ein paar Beispiele: In Kriens wurde die Frühstunde zu Beginn des Schuljahres abgeschafft, die Stadt Luzern will sie an den Sekundarschulen ebenfalls loswerden, Zürich ist mit einer Übergangsfrist von vier Jahren auch dabei.

Nicht nur in Luzern steigen Jugendliche künftig etwas später in den Bus.
Nicht nur in Luzern steigen Jugendliche künftig etwas später in den Bus.
Quelle: Shutterstock/Michael Derrer Fuchs

In Bern hat die Bildungsdirektion entschieden, den Schulen ab Sommer 2027 durch Blockzeiten zu ermöglichen, auf die Frühstunde zu verzichten – und in Basel-Stadt ist man schon einen Schritt weiter. Seit dem Schuljahr 2015/2016 läuft vor acht Uhr in den Schulen nichts und aktuell ist 8:30 Uhr als neue Startzeit im Gespräch. Der Grosse Rat hat im Mai beschlossen, dass die Regierung diesen (noch) späteren Schulstart prüfen muss.

Die Schülerschaft feiert das, in der Kommentarspalte bei 20Minuten schäumen die älteren Semester; der Tenor: «Wir haben unseren Wohlstand nicht mit Chillen erreicht!» Früher habe man sich alles hart erarbeitet, heute sei die Jugend zu verweichlicht, um morgens überhaupt in die Schule zu gehen.

Das Pilotprojekt in Gossau funktioniert

Die Bildungsdirektionen lassen sich eher von harten Fakten als harten Vorwürfen überzeugen – und da geht der Blick nach Gossau (SG). Seit 2022 läuft dort in der Oberstufe ein wissenschaftlich begleitetes Pionierprojekt, das den Schülerinnen und Schülern mit Gleitzeiten und Eigenverantwortung einen flexibleren Morgen ermöglicht. Der Kernunterricht beginnt um 8:30 Uhr, die Stunde davor ist freiwillig. In ihr gibt es betreutes Lernen, Musik- und Sportangebote.

Auch über den Mittag gibt es flexible Angebote und die Freiheit wird den Jugendlichen gewährt, solange es funktioniert. Hinkt jemand schulisch hinterher oder kommt mit der Struktur nicht klar, wird die frühe Lernstunde verpflichtend. Was das flexible Modell bringt, haben Forschende der Universität Zürich und des Kinderspitals Zürich untersucht und 2026 im Journal of Adolescent Health veröffentlicht:

  • 45 Minuten mehr Schlaf: Die im Schnitt 14-jährigen Jugendlichen gingen nicht später ins Bett als zuvor und schliefen dadurch an Schultagen durchschnittlich eine Dreiviertelstunde länger.
  • 95 Prozent nutzen das Angebot: Der Bedarf scheint klar. Trotzdem waren die Lehrpersonen in der freiwilligen Frühstunde nicht alleine – jeweils 20 bis 30 Jugendliche nutzten pro Schulhaus das betreute Lernen am Morgen.
  • Psychisches Wohlbefinden: Symptome wie Müdigkeit, depressive Stimmung und Gereiztheit gingen im Vergleich zum vorherigen System messbar zurück.
Die Schülerinnen und Schüler berichteten weniger häufig von Einschlafproblemen und hatten seltener tiefe Werte bei der gesundheitsbezogenen Lebensqualität.
Erstautorin Joëlle Albrecht
  • Meinung der Eltern und Lehrpersonen: Zuhause wurde das Familienleben als stressfreier empfunden, in der Schule bewerteten die Lehrpersonen den regulären Unterricht ab 8:30 Uhr als fokussierter.

Die positiven Rückmeldungen wären wenig wert, wenn durch das neue Modell der schulische Fortschritt leiden würde. Doch auch in diesem Punkt geben die Forschenden Entwarnung: Die Lernleistungen litten nicht, in Englisch und Mathematik waren sie verglichen mit den kantonal geeichten Testergebnissen objektiv besser. Dafür sorgt nicht allein mehr Schlaf, sondern auch das pädagogische Konzept.

Glückliche Jugendliche, ordentliche Leistungen, entspannte Familien und zufriedene Lehrpersonen – das Gossauer Modell funktioniert. Was könnte da noch gegen einen späteren und flexibleren Schulstart sprechen?

Die Gegenargumente sind logisch und logistisch

Später anzufangen heisst, dass die verlorene Unterrichtszeit irgendwann nachgeholt werden muss. Dadurch kann es Engpässe (zum Beispiel bei der Turnhallenbelegung) geben, die Mittagspause schrumpft auf eine Stunde zusammen, oder der Unterricht zieht sich in den späten Nachmittag. In jene Zeiten, zu denen die Aufmerksamkeitsspanne wieder sinkt – oder das erste Hobby beginnt.

Um logistische Fragen zu lösen und funktionierende Modelle zu finden, setzen die Verantwortlichen auf Übergangsphasen. Sie sollen helfen, diese und andere nachvollziehbare Bedenken zu zerstreuen. Dazu gehören auch die oft frühen Arbeitszeiten der Eltern. Ein Argument, das in dieser Lebensphase nicht mehr so stark ins Gewicht fallen sollte: Die meisten Teenager schaffen es morgens notfalls auch allein, sich ein paar Kalorien reinzuschaufeln, die Finger vom Energydrink zu lassen, Zähne zu putzen und aus dem Haus zu hetzen.

Realer sind die Probleme im Nahverkehr: In Ballungsräumen könnte ein späterer Start das System entlasten, wenn erst die Erwachsenen und dann die Jugendlichen unterwegs sind. In ländlichen Regionen sind Postauto und Pendlerzüge so aufeinander abgestimmt, dass ein späterer Schulstart vielleicht das ganze System durcheinanderbringt.

Immerhin ist die Diskussion um den Schulbeginn – anders als viele Stadtbusse zu Stosszeiten – stark in Bewegung. Man ist überall auf der Suche nach dem besten Weg, um allen gerecht zu werden. Unstrittig ist eigentlich nur: Jugendliche brauchen genug Schlaf – und auf Tischen schläft es sich nicht so gut. Erst recht nicht, wenn es alle 45 Minuten läutet.

Schulstart

Wann sollte der Unterricht für Jugendliche beginnen?

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Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.


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