
Meinung
25 gute Gründe für Kinder
von Katja Fischer

Wer im Homeoffice arbeitet, bekommt nicht nur häufiger Kinder – diese sind auch besser in der Schule. Zwei Studien zeigen, was flexible Arbeit für Familien wirklich verändert.
Die Kita ruft an. Kind krank, bitte abholen kommen. Du rennst aus dem Büro, erntest genervte Blicke. Stolperst schuldbewusst in die Froschgruppe, weil schon am Morgen absehbar war, dass das heute nicht lange gut geht. Sitzt angespannt im Bus, weil dein fiebriges Kind schreit und der ganze Tagesplan hinfällig ist. Stress für alle. Das kenne ich von früher, als wir Dienst- und Schichtpläne so zusammenschustern mussten, dass sich der Familienalltag organisieren lässt.
Leider ist das immer noch Alltag für viele. Zumindest für diejenigen, die nicht remote arbeiten können oder deren Arbeitgeber Homeoffice noch für ein Fremd- oder Schimpfwort halten. Ich will diese Möglichkeit nicht mehr missen und offenbar geht es vielen so – sie ist ein Eckpfeiler, auf den Familien bauen.
Der Spagat zwischen Arbeit und Betreuung ist einer der Gründe, warum sich Doppelverdiener-Pärchen gut überlegen, ob ein Kind in ihr Leben passt. Wie schaffen wir das? Arbeiten wir nur noch für die Betreuungskosten? Welche Reduktion des Arbeitspensums können wir uns leisten? Solche Fragen stehen im Raum. Manchmal braucht es gar nicht viel, damit die Entscheidung zugunsten einer Familie ausfällt.
Zu diesem Schluss kommt eine Studie des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung in Zusammenarbeit mit der Uni Stanford. In Haushalten mit mindestens einem Tag Homeoffice pro Woche liegt die Geburtenrate demnach im Durchschnitt um 14 Prozent höher. Wenn beide Partner remote arbeiten können, ist der Effekt am grössten, sagt ifo-Forscher Mathias Dolls. «Das umfasst sowohl die Zahl der bereits Geborenen als auch die der geplanten Kinder.»
Die Analyse konzentriert sich auf Befragte im Alter von 20 bis 45 Jahren aus 38 Ländern. Viele Nationen haben, was das flexible Arbeiten angeht, noch Luft nach oben. Deutschland hätte beispielsweise das Potenzial, ungefähr 13 500 zusätzliche Geburten zu verzeichnen, wenn Homeoffice so akzeptiert und verbreitet wäre wie in den USA.
Dort ist der Einfluss am grössten: Die Geburtenrate liegt 18 Prozent höher, wenn beide Elternteile mindestens einen Tag pro Woche die Möglichkeit zum Homeoffice haben. In Ländern, in denen die Betreuungskosten hoch und die Wege lang sind, ist Homeoffice also ein besonders mächtiger Hebel.
Unsere Ergebnisse sprechen dafür, dass ein breiterer Zugang zu Homeoffice die Zahl der Kinder erhöht – vermutlich, weil dadurch der zeitliche und organisatorische Aufwand sinkt, der nötig ist, um Beruf und Familie zu vereinbaren.
Die Schweiz gehört bei der Remote-Arbeit bereits zu den Top 3 in Europa und nahm den Geburten-Effekt schon während der Corona-Pandemie vorweg: Nach den Lockdowns stieg die Geburtenrate jeweils sprunghaft an.
Inzwischen ist sie wieder im Keller, sogar auf einem historischen Tiefstand. Vielleicht wurden alle Kinderwünsche schon während der Pandemie erfüllt. Homeoffice ist kein Zaubermittel gegen den demografischen Wandel. Aber es wirkt sich über die Geburtenzahlen hinaus positiv aufs Familienleben aus. Das empfinde ich so. Und das belegen auch Daten aus anderen Lebensbereichen.
Eine Homeoffice-Hochburg sind die Niederlande. Über die Hälfte der Erwerbstätigen arbeiten dort remote und flexibel. Das Land steht an der Spitze der Entwicklung und ist damit interessant für Forschende. In der Studie «When Parents Work from Home» tauchen sie tief in die niederländischen Daten ein und untersuchen, was passiert, wenn die Eltern zu Hause statt im Büro arbeiten.
Sie beschreiben eine Art Win-win-Situation: Zum einen gibt es keine beruflichen Nachteile für die Eltern. Diese können ihre Karrieren weiter vorantreiben, weil das Arbeitsmodell gesellschaftlich akzeptiert ist – genau wie Teilzeitbeschäftigung.

Zum anderen profitieren die Kinder. Deren Chancen, aufs Gymnasium zu wechseln, steigen zum Beispiel um viereinhalb Prozent. Das Beste daran: Ihre Leistungen verbessern sich, ohne dass die Eltern ihren Job vernachlässigen und zu Lehrkräften mutieren müssen. Der positive Effekt auf die schulischen Leistungen ist insgesamt ähnlich gross, als würde man die Schulklassen deutlich verkleinern.
Mit dem feinen Unterschied, dass Homeoffice den Staat nichts kostet. Die Forschenden erklären sich die positive Wirkung vor allem durch die stabilere Lernumgebung. Die Eltern nebenan zu haben, ist eine Art passive Kontrolle, die den Kindern offenbar hilft. Oder man bespricht das Wichtigste kurz am Mittagstisch, statt sich abends abgekämpft über Aufgaben zu beugen.
Wenn Pendelstrecken wegfallen und Mittagspausen gemeinsam verbracht werden können, summiert sich die gewonnene Zeit schnell auf mehrere Stunden pro Tag. Je nach Schätzung sind es im Schnitt zwei bis drei Stunden mehr mit dem Kind, die früher einfach weg waren. Und die jetzt gemeinsam genutzt werden können, wenn zumindest ein Elternteil im Homeoffice arbeitet.
Der Zeitgewinn ist individuell verschieden. Ebenso die Antwort auf die Frage, wer in welcher Form davon profitiert. Etwa dadurch, dass Frauen in höherem Pensum arbeiten können. Wie auch immer sich eine Familie aufstellen möchte: Homeoffice hilft dabei. Ich geniesse das sehr – vor allem, wenn ich an die Zeit davor zurückdenke. Wer Kinder hat und beide Arbeitswelten kennt, wird nur kopfschüttelnd zurückblicken.
Wie ist deine Situation?
Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
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