«Ich wurde in technischen Fragen nicht mehr ernst genommen»

«Ich wurde in technischen Fragen nicht mehr ernst genommen»

David Lee
Zürich, am 16.04.2021
Menschen mit zu vielen geöffneten Tabs seien digitale Messies, welche die Kontrolle über ihr Leben verloren haben. So lautet das Vorurteil. Ich habe mit einer Betroffenen gesprochen und bin auf eine selbstständige und reflektierte Person getroffen.

Es ist ein gängiges und dennoch irritierendes Phänomen: Menschen, die im Webbrowser Dutzende, wenn nicht Hunderte von Tabs geöffnet haben. Die Tabs werden so klein, dass nicht einmal mehr die Favicons zu erkennen sind, geschweige denn die Beschreibung. Ich frage mich schon lange: Warum tut jemand so etwas? Was geht in den Köpfen dieser Menschen vor?

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Nun hat sich eine Betroffene bereit erklärt, offen darüber zu reden. Carolin Teufelberger ist den Besucherinnen und Besuchern von Galaxus als Reporterin und DIY-Fachfrau bekannt. Was nur die wenigsten wissen: Sie leidet am TMTS (too many tabs syndrome).

Caro, wie äussert sich TMTS bei dir im Alltag?
Carolin Teufelberger: Aussenstehende werden vor allem durch wildes Geklicke darauf aufmerksam. Meine Browser-Leiste ist bunt eingefärbt von zig Favicons. Seiten, die ich immer wieder besuche, vor zwei Monaten besucht habe oder irgendwann einmal besuchen will, sprich nie anklicken werde. Doch ohne sie fühle ich mich nicht vollständig.

Empfindest du das selber als Problem?
Nein. Ich empfinde es eher als problematisch, wenn ich nach erzwungenem Neustart mit einem blanken Google Chrome dastehe.

Aber es wäre doch schon gut, zu wissen, was das überhaupt für Tabs sind, die du da offen hast, oder nicht? Sonst öffnest du vier Mal den gleichen Tab ...
Das kann durchaus einmal passieren, aber ich bin da unterdessen geübt. Erstens halte ich mich heute so weit in Zaum, dass jeder einzelne Tab noch zu sehen ist. Zweitens kenne ich die Favicons meiner meistbesuchten Seiten und merke mir auch deren Platz in der Leiste. Zum Beispiel habe ich mehrere Google Docs offen, weil ich an mehreren Texten arbeite. Bei denen weiss ich dann genau, dass die Repo zwischen dem Drive- und dem NZZ-Favicon liegt und rechts davon erst das Review und dann der zu gegenlesende Text folgt.

Das TMTS ist für dich also gar kein echtes Problem. Werden die Betroffenen diskriminiert und pathologisiert?
Ich finde schon. Klar verstehe ich die Kritik, wenn jemand mit TMTS unvorbereitet in ein Meeting kommt und dann erst einmal alle Tabs durchsuchen muss. Doch solche Fälle sind mir kaum geläufig. Die meisten Betroffenen leben das Syndrom für sich aus und versuchen, andere Menschen nicht damit zu belasten. Das sehen diese aber oft nicht und kriegen sich nicht mehr ein, wenn sie im Videocall mal einen Blick auf die Tabs erhaschen.

Wurdest du schon gemobbt deswegen?
Ja, in Zeiten vor Homeoffice hat sich Kollege Ramon S* (Name der Redaktion bekannt) oft über mich lustig gemacht und jedes Software-Problem auf mein TMTS geschoben. Ich wurde bei technischen Fragen nicht mehr ernst genommen.

Hast du dir schon überlegt, mit anderen Betroffenen eine Selbsthilfegruppe zu gründen?
Immer mal wieder, aber bisher war ich zu faul, um mich ernsthaft zu vernetzen. Aber ich bin sicher, dass ich zu dem Thema noch irgendwo einen Tab offen habe.

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Was ist überhaupt der Grund für exzessives Tab-Öffnen?
Wenn ich etwas online lese, interessieren mich gewisse Aspekte genauer. Teilweise werde ich auch an ein verwandtes Thema erinnert oder es tun sich Fragen auf. Dann öffne ich einen Link in einem neuen Tab oder google schon für später in einem neuen Tab vor. Ich habe das Gefühl, dass ich das sonst bis am Ende der Lektüre wieder vergesse, will aber auch nicht die Hauptseite verlassen, um dann komplett den Faden zu verlieren. Auch wenn ich auf News-Portalen bin, öffne ich gleich mal alle Artikel, die mich beim Scrollen interessieren, in einem neuen Tab. So kommt schnell was zusammen. In meinem Kopf laufen sehr viel Gedanken gleichzeitig, ich funktioniere sehr assoziativ, was sich eben auch in meinem Browser-Verhalten zeigt.

Das geht mir auch so, aber ich komme dabei nicht auf 150 Tabs.
Warum denn nicht? Unterdrückst du deine Impulse?

Wahrscheinlich bin ich zu ungeduldig, um überhaupt so viel Text zu lesen, dass ich auf 150 Links komme ... aber ich habe das noch gar nie hinterfragt, wahrscheinlich weil mein Verhalten als normal gilt.
Wahrscheinlich unterwirfst du dich einfach der Mehrheitsgesellschaft, ohne dich zu fragen, wer du im Innern eigentlich bist. Das geht vielen so.

Mich stört aber auch der Kontrollverlust. Ich hab gern die Übersicht. Viele Betroffene behaupten, sie hätten ihre geöffneten Tabs vollkommen im Griff. Ich glaube denen kein Wort.
Ich habe dir vorhin ja schon ein paar meiner Tricks verraten. Aber klar, mit Kontrollverlust musst du bei TMTS immer rechnen. Mir gefällt dieses Risiko, vor allem seit mein Alltag durch die Pandemie von Routine und Kontrolle geprägt ist.

Führst du abgesehen von den vielen Tabs ein ganz normales Leben ohne Einschränkungen?
Natürlich muss ich immer aufpassen, wem ich von meinen Tabs erzähle. Beim Vorstellungsgespräch wird TMTS schnell zum Killerkriterium. Abgesehen davon lebe ich ein normales Leben mit vollen Schränken und Regalen, worüber sich noch nie jemand gewundert hat. Es ist scheinbar ok, Kästen mit Kleidern vollzustopfen, aber beim Browser wird die Grenze gezogen? Das verstehe ich nicht.

Du bist auch nicht auf besondere Hilfen wie zusätzlicher Arbeitsspeicher angewiesen?
Bislang nicht. Wenn’s beim Googlen mal etwas länger dauert, mache ich einfach noch einen Tab auf und schaue, ob es im neuen schneller geht. Bis ich das ausprobiert habe, ist die Seite im alten Tab meist geladen.

Vielen Dank für deine Zeit und dass du den Mut gefunden hast, so offen über dieses schwierige Thema zu sprechen!
Ich danke dir und hoffe, dass dieses Interview anderen Betroffenen hilft, sich nicht länger verstellen zu müssen.

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David Lee
David Lee
Senior Editor, Zürich
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

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