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Essen + TrinkenMeinung 2052

Glühwein, oh wie ich dich hasse!

Gibt es eigentlich eine Glühwein-Polizei? Was landauf, landab zu Weihnachten als «Glühwein» verkauft wird, dient unter dem Jahr nämlich höchstens als Batteriesäure oder Abflussreiniger.

Sobald jedes Jahr die Adventszeit beginnt, sich Eventfirmen wieder die Hände reiben und mit Minimalaufwand Bretterbuden in den Innenstädten der Schweiz aufstellen, um den Passanten Weihnachts-Tand, Ethnochic und Warmgetränke anzudrehen, dann nehme ich den Text «Der Zauber des seitlich dran Vorbeigehens» von Max Goldt hervor. Darin rechnet der Autor mit allem ab, was falsch läuft an Weihnachtsmärkten. Im Veröffentlichungsjahr 2005 war das Weihnachtsmarkt-Problem in der Schweiz noch marginal. Hätten wir damals den Text als Prophezeiung verstanden, wir hätten noch etwas ändern können. Statt der «Initiative gegen den temporären Bau von Weihnachtsmärkten» haben wir aber vier Jahre später die «Initiative gegen den Bau von Minaretten» vors Volk gebracht und angenommen. Eine verpasste Chance.

Ich will zu keinem Rundumschlag gegen Weihnachtsmärkte ansetzen, mir aber den Glühwein als wohl meistverzehrtes Getränk an besagten Märkten herausheben. Max Goldt schreibt dazu:

Wenn ich nur einen schlechten Rotwein hätte, eine Alkoholzufuhr aber für dringend sachdienlich hielte, würde ich den Wein so weit wie möglich runterkühlen. Man weiß ja von Coca-Cola und manchem Milchspeiseeis, dass eklige Dinge halbwegs tolerabel schmecken, wenn man sie stark kühlt. Ich würde den schlechten Wein jedenfalls nicht zur drastischeren Offenlegung seiner minderen Qualität auch noch erwärmen!
Max Goldt: Vom Zauber des seitlich dran vorbeigehens (2005)

Das umschreibt 99 Prozent der gekauften Glühweine in der Schweiz. Seit 2005 hat sich einiges getan in Sachen Glühwein an Weihnachtsmärkten. In die falsche Richtung. Wurden früher wenigstens noch die Bemühungen unternommen, dem schlechten Wein mit einer eigenen Mischung aus Gewürzen, Zitrusfrüchten und Fruchtsäften einen eigenen Charakter zu verleihen, so schütten die Angestellten heute Plastikbeutel mit vorgemischtem Glühwein in Wärmefässer. Aufwand null, Alkoholgehalt 3 %, Profit maximal.

Der Preis für eine Tasse Kaffee gilt als Gradmesser für die Preisentwicklung in der Gastronomie. Steigt der Preis dort «nur» um 30 Rappen, rasten die Wutbürger in den Kommentarspalten der Gratis- und Boulevardzeitungen aus. «Unerhört! Alles wird immer teurer! Wie soll ich das bloss zahlen!» Die Preisentwicklung beim Glühwein kritisiert niemand. «Unerhört! Was fällt dir ein, in der besinnlichen Weihnachtszeit Kritik an Getränkepreisen zu äussern?», schreiben die Wutbürger wohl. Dabei haben sich die Preise genau entgegen der Qualität entwickelt: Kostete ein akzeptabler Glühwein vor zehn Jahren noch gegen 5 Franken, so gibt es heute vorgemischten Kopfschmerzverursacher für 8 Franken. Weil der Alkohol schon verdampft ist, brauchst du meist noch einen Zusatz in Form eines Shots Amaretto oder Rum. Dann sind wir bei 14 Franken. Frechheit. Statt Kaffee schlage ich Glühwein als Gradmesser für die Teuerung in der Schweiz vor. Nicht einmal die Krankenkassen-Prämien steigen in ähnlichem Ausmass…

Typische Glühweintrinker beim Verrichten ihrer Lieblingstätigkeit: Geld aus dem Fenster schmeissen.(Symbolbild)

Was bei uns als Glühwein feilgeboten wird, ist eine Zumutung. Du könntest auch 300 Gramm Sugus in einem Liter weissen Essig auflösen, rote Lebensmittelfarbe und etwas Pinselreiniger hinzufügen und das Ganze erwärmen.

«Mach es doch besser, wenn du hier schon abmotzt!» sagen jetzt die Kommentarspalten-Taliban.

Gerne.

Zunächst einmal: Lass die Finger von vorgemischtem Glühwein und Gewürzmischungen mit Zucker. Wir bedienen uns in der Schweiz beim Glühwein nämlich meist deutschen Rezepten, die zu viel Zucker enthalten. Nimm für deinen Glühwein einen anständigen, nicht zu schweren Wein. Blauburgunder aus der Region zum Beispiel. Dann kommen Gewürze, Zitrusfrüchte und Süsse (in Form von Zucker, Honig oder Likör) rein. Optional fügst du noch Hochprozentiges wie Gin, Wodka oder Cognac bei. Alles in einen grossen Topf und wärmen, aber nicht sprudelnd kochen. Einerseits würde der Alkohol verdampfen, andererseits werden die Gewürze und Zitrusfrüchte bitter. Nach einer guten halben Stunde hast du deinen eigenen Glühwein… Vergiss die Weihnachtsmärkte, mach es wie Max Goldt und geh einfach seitlich an ihnen vorbei, denn…

[...] dank der guten baupolizeilichen Bestimmungen [...] ist es ja möglich, seitlich an so ziemlich allem, was hässlich ist, vorbeizugehen!
Max Goldt: Vom Zauber des seitlich dran vorbeigehens (2005)
User

Simon Balissat, Zürich

  • Editor
Als ich vor über 15 Jahren das Hotel Mama verlassen habe, musste ich plötzlich selber für mich kochen. Aus der Not wurde eine Tugend und seither kann ich nicht mehr leben, ohne den Kochlöffel zu schwingen. Ich bin ein regelrechter Food-Junkie, der von Junk-Food bis Sterneküche alles einsaugt. Wortwörtlich: Ich esse nämlich viel zu schnell.

20 Kommentare

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User Anonymous

Ich hab das Buch von Herrn Goldt gleich bestellt. So niveauvoll haten möchte ich gerne lernen.

11.12.2018
User Simon Balissat

Ich empfehle auch unbedingt eine Lesung von Max Goldt und das Buch / den Text "Die Radiotrinkerin"!

11.12.2018
Antworten
User Yuppie

love you!

10.12.2018
User Anonymous

Weihnachten an sich ist falsch. Darf man so direkt ja nicht sagen, aber ich tu's trotzdem.

10.12.2018
User Anonymous

Was bitte ist an Weihnachten falsch???Typisch für diese Generation, alles ist bäääh und nichts mehr Wert.
Zu unserer Zeit in den 90ern war die Welt noch in Ordnung, frisch geschlagene Tanne und darunter hunderte von Geschenken und wisst Ihr was niemand hats kritisiert weder den Konsum, noch die Ökologie. Also liebe Grinchs heult leise

11.12.2018
User Anonymous

Kindchen, ich bin definitiv älter als du, wenn du von "zu unserer Zeit in den 90ern" schreibst...

11.12.2018
User Anonymous

Naja dieses Weihanchtsgedisse ist sonst typisch für diese Millenials...
Machts aber in deinem/Ihren Fall nicht besser - verbittertes Altertum am nörgeln ist genau so schlimm

11.12.2018
User Anonymous

"Du" ist ok. Es ist ein sinnloses Erzeugnis. Wenn man mit dem Christentum nichts am Hut hat und dann ständig diese heuchlerische Zwangsfreundlichkeit jahrein, jahraus vorgesetzt bekommt, dann hinterfragt man als denkender und nicht nur konsumierender Mensch solche "Events". Weihnachten ist falsch. Ich bleibe dabei. Es ist wie Brot und Spiele für das Fussvolk. Und: Man kann dem kaum ausweichen, weil man überall damit zugemüllt wird. Wenn einem Nächstenliebe so wichtig ist: Augen auf, die Erde bietet genügend Leid, dem man entgegenwirken sollte und könnte, wenn man wollte. Bob Geldof in den 80ern "Do they know it's Christmas?" kennst du doch? Es hat sich seither nichts getan. Im Gegenteil. Und genau solche Meinungen sind ebenso zu tolerieren wie wir alle, die mit Weihnachten nichts am Hut haben wollen, tolerieren müssen, dass wir ab Ende Oktober mit weihnachtlichen Salven beschossen werden. Und bitte keine Ausreden von wegen abendländischer Kultur. Das wäre nämlich innehalten und nicht diese ewig wiederkehrende kapitalistische Party. Der Glühwein ist da nur ein Beispiel am Rande.

11.12.2018
Antworten
User Anonymous

Auf der anderen Seite - ein Stand auf dem WM ist ja kein Gourmetrestaurant - die Kunden wollen immer mehr und alles sofort und perfekt aber zu einem tiefen Preis...Um einen Glühwein anzurühren würde wohl niemand einen Premium Rotwein „verheizen“ - die Basis besteht da wohl immer aus Tetrapak-Rotwein welcher seinerseits von Weinkennern zurecht boykottiert wird. Aber nochmal wir sind auf dem Markt und nicht im Gourmettempel und in 4 Wochen muss ein Jahresumsatz oder zumindest ein Saisonumsatz generiert werden. Und für 80% der Leute welche einen Glühwein trinken reicht das locker aus was angeboten wird

11.12.2018
User Anonymous

Ps: echt witzig, Galaxus kritisiert „Profit maximal“ ;)))

11.12.2018
User qrtius

Im HB Zürich, beim Stadelhofen und leider zum Teil auch im Niederdorf, gibts nur eine Firma, die heisse Getränke verkaufen darf... und die hat übelstes Gebräu aus fertigen Flaschen aufgewärmt. Das ist weder pefekt, noch günstig... eigentlich eine riesen Sauerei, dass das immer noch angeboten werden darf. Und ja, ausserhalb hats noch einige echte Stände, die mit viel Herzblut, trotz viel zu hohen Standpreisen, was Besseres anbieten. Wer selber kocht, merkt den Unterschied schnell. Gehören sie zu dieser Firma ?

13.12.2018
User Anonymous

Am schönen Sternenmarkt in Bern gibt es leider auch überall dasselbe Gesöff. Wenn's wenigstens gut wäre, wär's ja noch okay. Aber so bringt's nicht, den Stand / die Bar zu wechseln. Naja, wechselt man halt auf alkohollosen und übertrieben süssen Apfelpunch. Bei dem kann man fast nichts falsch machen 🙃

26.12.2018
Antworten
User kchdigitec

Zum Glück haben baupolizeiliche Bestimmungen per se nichts mit der Qualität von Glühwein zu tun, da das eine doch trocken und das andere wenigstens flüssig ist. In Personalunion als Gemeindeingenieur und Weinhändler trete ich gerne in die Trauer über die Abneigung gegen Qualität ein. Sei es in der Lamdschaft oder am Gaumen. Lasst uns täglich für gutes Handwerk einstehen 😀

11.12.2018
User eva amrein

Ech machä au e Bogä oms “Holzdorf”und koche aus Prinzip mit gutem Wein...war ja auch manche Jahre im Weinberg am Wuseln. Gut, mit leiser Ahnung vermute ich woraus die Glühweinlust entsprudelt - - , weil einfach die Nase “voraus kräuselt” und es so wohltuend ist Nostalgie pochen zu lassen im Herzen und durch den Magen....
danach die Enttäuschung mit Magenklemmen; sie murmelt zischend “ gsehsch, werom probiersch au das Züüg - du weisst doch das Rezept vom Grosi wärmte, erglühte damals die Backen so wohlig warm und rot...

Doch möchte ich der leidigen Komerzstätte etwas Positives ab-ringen und die Entschleunigung der gestressten Seelen an den Weihnachtsmärkten loben - nick nick de Chlaus.

Wie wäre es mit einer originellen Gegenaktion?
Eine Mini Weihnachtslaube, fahrbar, musikalischer live Einlage und mit echtem Glühwein, für die Kinder Glühmost und der kleine Unterschied, eine Kasse für freiwilligen Obelus.
Wer esch debii?

14.12.2018
User Anonymous

zirp, zirp...
Keiner meldet sich sobald jemand etwas umsetzen will --> genau das meinte ich mit rumnörgeln, irgendein Glühweinrezept aufschreiben und dann das Gefühl haben man hätte was besser gemacht.

17.12.2018
User eva amrein

...ich nehme es gelassen dass sich keiner/keine meldet. Und so setze ich die Idee im kleinen Kreise um und serviere den Glühwein in der Pfarreirunde. Übrigens gibt es das feine, dampfende Getränk mit Apfelsaft jeden Adventsabend im Waaghaus des Figurentheaters - samt theatralischer Überraschung: die Eisblume macht’s möglich....Applaus.

17.12.2018
Antworten
User Anonymous

Glühwein gehört zu Weihnachten. Am Weihnachtsmarkt trinke ich gerne einen. Dabei mache ich mir keine Gedanken über die Qualität. Es ist die positive Stimmung auf dem Weihnachtsmarkt der den Glühwein schmackhaft macht.

23.12.2018
User baconsteffi

Du hast vollkommen recht - komm mal wieder nach Baden und gönn dir "Einen" im Brenner-Schopf! <3

10.12.2018
User Anonymous

Ich les nur mimimimi. Einer der in seinem warmen Büro sitzt und sich selbst zum Koch ernennt hackt auf den Leuten rum, die in der Kälte stehen und einem ein warmes Getränk anbieten? Weiter gibt er auch noch Ratschläge, wie: nehmen sie teurere Zutaten, verkaufen sie den Glühwein günstiger, lassen sie die Kunden eine halbe Stunde warten bis der nächste Topf parat ist und es hat sowieso zu viel Zucker (für was denn genau?). Ich bin so ein Kommentarspalten-Taliban (obwohl das hier mehr Kommentarzeilen als -Spalten sind und ich nichts mit einer deobandisch-islamistische Miliz zu tun habe) und du hast nichts besser gemacht nur weil du ein Glühweinrezept abschreibst und ich denke auch nicht, dass du bei 0°C irgendetwas kochst und mehrere Stunden rumstehen würdest um ein paar Franken zu verdienen.

12.12.2018
User qrtius

Wer früher mal am Weihnachtsmarkt seine Sachen verkauft hat, der hat sich warm angezogen... und der war ein Idealist, dem gings nicht darum, übles Gesöff an die Leute zu bringen.

13.12.2018
Antworten