
Elizabeth Holmes: Warum ich vor dem Filmstart zum Buch greife
Ein paar Sekunden Filmmaterial reichten. Seither habe ich mich in John Carreyrous Enthüllungsbuch über den Theranos-Skandal und die Hochstaplerin Elizabeth Holmes festgelesen.
Halte Augenkontakt, das erzeugt Vertrauen. Lächle freundlich, das macht dich zugänglich. Höre aufmerksam zu. Sprich klar und deutlich. Vergiss nicht zu blinzeln.
Mit offenem Mund schaue ich den Trailer zu «You Can See Everything». Elizabeth Holmes wirkt, als würde sie Tipps aus einem Ratgeber für menschliche Interaktionen befolgen. Seltsam. Undurchschaubar. Und irgendwie unheimlich. «Ich täusche dich nicht. Ich begegne dir als Mensch».
Klar. Ein Satz, wie ihn Menschen halt sagen.
Irgendetwas stimmt hier nicht. Auch Nathan Fielder («The Rehearsal») steht die Furcht ins Gesicht geschrieben. Normalerweise ist er der, der andere in Verlegenheit bringt, aber in Holmes findet er seine Endgegnerin.
Vier Wochen, bevor Holmes wegen Anlagebetruges ihre Haftstrafe antreten muss, laden sie und ihr Partner Billy Evans die Dokumentarfilmer Nathan Fielder und Lance Oppenheim ein. Sie sollen ihr Leben mitverfolgen. Das intime Porträt einer absurden Verbrecherin entwickelt sich laut dem Filmstudio A24 zu einer «irren, dreijährigen Reise in den Abgrund». Im Herbst dieses Jahres sollte der Dokumentarfilm noch im Kino oder auf Streamingdiensten landen. Das Startdatum für die Schweiz ist aber noch nicht bekannt.
Bevor der Horror-Dokumentarfilm von A24 in die Kinos kommt, will ich mich in Elizabeths Vorgeschichte vertiefen. Dafür lese ich John Carreyrous Enthüllungsbuch über den Betrugsfall im Silicon Valley. Ich bin noch nicht durch, aber schon tief im Rabbit Hole.
So wie der Autor und US-amerikanische Investigativjournalist, der mit seiner Artikelserie im «Wall Street Journal» einen massgeblichen Beitrag zur Aufdeckung des Bluttest-Betrugs des milliardenschweren Start-ups leistete. Im Mai 2018 veröffentlichte er die Dokumentation «Bad Blood: Secrets and Lies in a Silicon Valley Startup», in der er den Aufstieg und Fall der Start-up-Gründerin Elizabeth Holmes rekonstruiert.
Die englische Version findest du hier.
Wer zweifelt, muss gehen
Achtung, in diesem Abschnitt wird gespoilert. Willst du das Buch unvoreingenommen lesen, springst du am besten direkt zum nächsten Abschnitt.
Schon im Vorwort macht Carreyrou klar: Das vielversprechende Blutmessgerät funktioniert nicht. Nur ein kleiner, eingeweihter Kreis weiss darüber Bescheid – und schweigt. Finanzchef Henry Mosley gehört nicht zum Zirkel. Sein Job ist es, millionenschwere Investoren an Land zu ziehen. Das gelingt ihm mühelos, denn er glaubt selbst fest daran, dass die schnelle Analyse des Bluttests die Forschungskosten für Pharmakonzerne um bis zu 30 Prozent senken kann.
Doch dann bekommt er die Vertuschung mit, stellt Fragen – und wird entlassen.

Cash rules everything around me
Das Buch zeigt Holmes' Weg zur Hochstaplerin. Wie sie in ihrer Kindheit darauf besteht, Monopoly-Partien zu Ende zu spielen, obwohl sich die Hotels auf ihren Spielfeldern bereits türmen. Wie sie an der Stanford-Universität neben dem intensiven Studium Zeit für ein reges soziales Umfeld findet und von ihrem Freund trotzdem als «argwöhnisch und verschlossen» beschrieben wird. Oder wie sie sich als Geschäftsleiterin von niemandem in die Karten schauen und schon gar nichts vorschreiben lässt.
Aber vor allem zeigt «Bad Blood» anhand der Geschichten von Involvierten auf, wie Geld und Beziehungen allein missbräuchliche Machtsysteme ermöglichen und stützen: Kritischen Stimmen drohen rechtliche Konsequenzen, und Profit steht oftmals über der Ethik – auch wenn es vordergründig anders aussieht. Carreyrou zeigt die komplizierten Verknüpfungen zwischen den Beteiligten ganz nüchtern und verständlich. Relevante technische Details erklärt er knapp, alles andere lässt er weg.
So nüchtern der Aufbau ist, so atemlos ist das Tempo der Erzählung: Eine Anekdote jagt die nächste. Neue Protagonisten, neue Firmen und neue Investoren erscheinen und verschwinden wieder. Carreyrou schafft es, dass ich den Überblick behalte. Trotzdem wünschte ich mir beim Lesen zum Teil eine Verschnaufpause. Für meinen Kopf, der alles sortieren muss und sich gleichzeitig über das turbokapitalistische System ärgert.

Im Hinblick auf den Dokumentarfilm «You Can See Everything» empfinde ich das Buch aber als perfekte Vorbereitung. Es frischt mein Wissen über den Silicon-Valley-Skandal auf. Dabei bekomme ich, aufgrund der Beobachtungen ihrer Mitmenschen, ein Verständnis dafür, wie Elizabeth Holmes Lügenkonstrukte aufbaut und andere manipuliert, um ihre Ziele zu erreichen.
Vielleicht sogar Nathan Fielder.
Die Wände kurz vor der Wohnungsübergabe streichen? Kimchi selber machen? Einen kaputten Raclette-Ofen löten? Geht nicht – gibts nicht. Also manchmal schon. Aber ich probiere es auf jeden Fall aus.
Interessantes aus der Welt der Produkte, Blicke hinter die Kulissen von Herstellern und Portraits von interessanten Menschen.
Alle anzeigen












