Hintergrund

Bärfuss, Berg und Bücher an den Solothurner Literaturtagen

Josia Jourdan
18.5.2026

Es ist das grösste mehrsprachige Literaturfestival der Schweiz und Treffpunkt für die Schweizer Buchszene. Ich war vor Ort und habe Veranstaltungen besucht, Autorinnen und Autoren getroffen und das eine oder andere Buch entdeckt.

Vom 14.–17. Mai fand die 48. Ausgabe der Solothurner Literaturtage statt. Das Festival in der Solothurner Altstadt bietet eine breite Palette an Veranstaltungen, die mal mehr, mal weniger spannend gewesen sind.

Den Anfang machte am Freitag in meinem Programm Julia Weber, die aus ihrem neuen Roman «Weil ich Ruth bin» gelesen hat. Während der Text und Webers Worte zwischen märchenhaften Szenerien und feministischer Gesellschaftskritik wandeln und im Konzertsaal auf ein hochaufmerksames Publikum treffen, scheint Christoph Kellers Moderation vor allem darauf abgezielt zu haben, Weber seinen männlichen Blick auf ihr Werk aufzuzeigen. So fragt er: «Ist Ihr Buch auch ein Anti-Männer-Buch?» Im Saal macht sich bei dieser Frage nervöses Tuscheln bemerkbar, während Weber gelassen das offensichtliche Missverständnis ihres Textes übergeht. Angesichts der Tatsache, dass Weber weibliche Lebens- und Gewalterfahrungen schildert, wirkte die Frage schlicht unangebracht. Das Buch wandert bei mir danach direkt auf die Wunschliste.

Produktbild Weil ich Ruth bin (Deutsch, Julia Weber, 2026)
Belletristik
CHF27.70

Weil ich Ruth bin

Deutsch, Julia Weber, 2026

Systemkritik, Bella Ciao und Multimedia-Lesung

Besonders gefreut habe ich mich auf Sibylle Bergs multimediale Lesung. Der Konzertsaal war bis auf den letzten Platz gefüllt, als sie uns in ein zukünftiges Italien mitgenommen hat. In «La Bella Vita», dem Abschluss ihrer Sci-Fi-Trilogie, entwirft sie eine Utopie: ohne Zentralbanken, ohne Waffenkonzerne und mit einer Dreieinhalb-Tage-Woche. Die Lesung – eine Mischung aus Videoeinspielern, Berg‘schem Humor und musikalischer Untermalung – hat mich begeistert und gezeigt, dass Lesungen mehr als Wasserglas und monotone Lesestimme sein können.

Produktbild PNR: La Bella Vita (Deutsch, Sibylle Berg, 2025)
Produktbild PNR: La Bella Vita (Deutsch, Sibylle Berg, 2025)
Belletristik
CHF25.70

PNR: La Bella Vita

Deutsch, Sibylle Berg, 2025

«Meine Mutter hat rumgehurt»: Lukas Bärfuss’ Buchpremiere

Eine Überraschung war für mich die Buchpremiere von «Königin der Nacht» von Lukas Bärfuss. In einer Feinheit und Verletzlichkeit hat er im Gespräch mit Hayat Erdogan über seine Kindheit und Jugend reflektiert und mit Geschick seinen Text – trotz oder vielleicht gerade wegen des persönlichen Bezugs – zum Leben erweckt.

Produktbild Königin der Nacht (Deutsch, Lukas Bärfuss, 2026)
Belletristik
CHF21.70

Königin der Nacht

Deutsch, Lukas Bärfuss, 2026

Mit zwischendurch feministischen Statements und Zitaten feministischer Vorreiterinnen betont Bärfuss, dass es ihm weder um eine persönliche Abrechnung mit seiner Mutter geht, die in seiner Jugend wenig präsent war, noch um reisserische Skandalliteratur, sondern um das gesellschaftliche und behördliche Versagen. «Wir alle müssen die Schwächsten in unserer Gesellschaft schützen», sagt er. Das Buch wandert trotz des stolzen Preises für die wenigen Seiten auf meine Leseliste.

Schreiben über Heimat im Exil: Zwischen Kongo, Gaza & dem Südsudan

Mit Tränen in den Augen habe ich den Stimmen von Stella Gaitano, Asmaa Azaizeh & Laurène Southe gelauscht, die nicht nur Worte für ihre Trauer und den Verlust der eigenen Heimat gefunden haben, sondern eben auch durch Hoffnung und Wut gezeigt haben, wie mächtig Prosa und Lyrik wirken können.

Anschliessend habe ich mir Stella Gaitanos «Eddos goldenes Lächeln» gekauft und freue mich aufs Lesen.

Produktbild Eddos goldenes Lächeln (Deutsch, Larissa Bender, Stella Gaitano, 2026)
Belletristik
CHF21.90

Eddos goldenes Lächeln

Deutsch, Larissa Bender, Stella Gaitano, 2026

Sturmmaske, New York & Traumata

Bereits gelesen habe ich Jessica Jurassicas neues Buch «Gaslicht», in dem die Erzählerin eine gewaltvolle Beziehung und Gaslighting – also das Absprechen der eigenen Erfahrung – verarbeitet. Das Buch wurde von Schweizer Journalisten teils zerrissen, teils gefeiert. Ich fand es lesenswert. Die Lesung im Kino Palace war dann jedoch relativ unspektakulär: die Lesepassagen zwar immersiv, das Gespräch jedoch ohne grosse neue Einblicke. Und das, obwohl Jurassica mit Sturmmaske eine aufregende eigene Medienpersona kreiert hat.

Produktbild Gaslicht (Deutsch, Jessica Jurassica, 2025)
Belletristik
CHF21.70

Gaslicht

Deutsch, Jessica Jurassica, 2025

Eine weitere Buchentdeckung war für mich Katja Frühs «Vielleicht ist die Liebe so». Ein schwarzhumoriger Roman über eine Mutter-Tochter-Beziehung, die Liebe und einen selbstgewählten Tod.

Produktbild Vielleicht ist die Liebe so (Deutsch, Katja Früh, 2025)
Belletristik
CHF23.90

Vielleicht ist die Liebe so

Deutsch, Katja Früh, 2025

Dorothee Elmiger & das böse Schreiben

Die Gewinnerin des Deutschen und Schweizer Buchpreises 2025, Dorothee Elmiger, war in Solothurn schon ab Donnerstagabend präsent und fast schien es, man habe versucht, sie auf jedes mögliche Panel zu setzen. Während das teilweise gelungen ist und ihre Solo-Lesung ein voller Erfolg war, hat das Podiumsgespräch mit ihr, Michael Hugentobler & Kat Splitterberg irritiert. Die Gesprächsdynamik unter den Gästen blieb kühl. Die Holländerinnen habe ich bisher nicht gelesen und habe es auch weiterhin nicht vor. Überzeugt mich jemand, es doch anzuschauen?

Produktbild Die Holländerinnen (Deutsch, Dorothee Elmiger, 2025)
Produktbild Die Holländerinnen (Deutsch, Dorothee Elmiger, 2025)
Produktbild Die Holländerinnen (Deutsch, Dorothee Elmiger, 2025)
Produktbild Die Holländerinnen (Deutsch, Dorothee Elmiger, 2025)
Belletristik
−5%
CHF20.70 statt CHF21.80

Die Holländerinnen

Deutsch, Dorothee Elmiger, 2025

Während das Festival ein wirklich breites Programm geboten, Kinderliteratur im Familienprogramm vorgestellt und Workshops für Buchschaffende angeboten hat, haben mir einige jüngere Stimmen und Themen gefehlt. Ein 21-jähriger Besucher meinte zu mir etwa: «Wir waren in einem Vortrag zu KI & Urheberrecht. Das war so trocken. Dabei hätte mich KI-Ethik & Literatur viel mehr interessiert.» Und Jessica Jurassica bemerkte in ihrer Lesung: «Ich bin wohl noch, bis ich 40 bin, Jung-Autorin.» Mit Blick aufs Programm und die eingeladenen Autorinnen und Autoren bestätigt sich diese Aussage der 33-jährigen Appenzellerin.

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Ich schreibe seit ich lesen kann. Mal fürs Internet mal für klassische Printmedien. Wenn ich nicht zwischen zwei Buchdeckeln hänge, tanze ich im Club oder renne über den Hockeyplatz.


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