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Hintergrund Velo017

Elina fragt Unicef: Was macht ihr und wie geht «Cycling for children»?

Unicef ist für Elina ein unbeschriebenes Blatt. Bevor die Neunjährige bei «Cycling for children» an den Start geht, macht sie sich im Zürcher Büro des UN-Kinderhilfswerks schlau und findet heraus: Unicef ist nicht nur ein Velo-Event in Uster, sondern auch Anwältin aller Kinder – und ein bisschen wie McDonalds.

Unicef, das ist ein weltbekanntes Logo. Das sind Superstars, die als Botschafter Hilfsprojekte in Afrika besuchen. Das ist der Schriftzug auf dem Trikot von Lionel Messi. Unicef ist draussen in der Welt. Und direkt bei uns um die Ecke, in einem Neubau im Zürcher Kreis 5. Sichtbeton, moderne Kunst im Treppenhaus und ein Klingelschild im ersten Stock, an dem «Bitte eintreten ohne zu klingeln» steht. Unicef ist offen. Elina, Fotograf Thomas und ich treten ein und nehmen uns Bonbons aus der Schale am Empfangstresen. Niemand zu sehen. Wir drücken auf die silberne Portierglocke, die ein vornehmes «Diiing» durch das ruhige Grossraumbüro schickt. Unicef ist doch ein bisschen komplizierter als gedacht.

Elina kichert. Sie ist neun Jahre alt, kommt aus Basel, spielt Harfe und geht zum Kinderzirkus. Sie ist hier, weil sie am Unicef-Event «Cycling for children» teilnimmt, der am 15. Juni rund um den Greifensee stattfindet. Unicef ist für sie ein unbeschriebenes Blatt, von dem sie sich mit den Fragen auf ihrem Zettel ein Bild machen will.

Jürg Keim ist Leiter der Medienstelle von Unicef Schweiz und Liechtenstein. Er empfängt uns mit heissem Espresso, kühlem Wasser und warmen Worten, damit die Nervosität verfliegt. Elina gesteht, dass sie ein paar Tage überlegen musste, ob sie dieses Interview führen will. «Aber dann habe ich gedacht: Das ist doch sehr cool, wenn ich das machen kann!»

«Es ist auch mutig», findet Jürg Keim. «Da kommst du mit Sachen in Kontakt, mit denen du dich in der Schule wahrscheinlich noch nicht befasst hast.»

Stimmt.

Unicef ist offen und empfängt in Person von Jürg Keim (links).

«Was macht denn die Unicef eigentlich», will Elina zu Beginn wissen. «Sie setzt sich für Kinder und Kinderrechte auf der ganzen Welt ein», sagt Jürg Keim. «Weil die meisten Kinder noch nicht für sich selbst sorgen können, brauchen sie besonderen Schutz.» Er erklärt, präzisiert und landet schnell bei sperrigen Begriffen wie «Rechtssubjekt» oder «Kinderrechtskonvention».

Elina hört konzentriert zu und fordert mit fragenden Blicken, die Wortungetüme in einfachen Sätzen zu entschlüsseln. Jürg Keim versteht. «Das ist ein Vertrag, den fast alle Staaten auf der Welt unterschrieben haben. Darin sind alle Kinderrechte niedergeschrieben.» Unicef sei so etwas wie die Anwältin der Kinder weltweit und dazu da, ihre Rechte durchzusetzen. «Du kannst dir vorstellen, dass das zum Beispiel in Kriegsregionen mega schwierig ist.» Er spricht vom Recht auf Leben. Mitwirkung. Gleichheit. Bildung.

Unicef ist mehr als nur ein Thema

«Und wie ist die Unicef entstanden?», fragt Elina. «Sie ist nach dem zweiten Weltkrieg gebildet worden. Da hat sich die UNO formiert, das ist im Prinzip die ganze Weltgemeinschaft. Ein Teil davon ist die Unicef, die sich speziell um die Kinder kümmert.»

Unicef ist ein grosser Wurf, der gewagt wurde, als die Welt in Trümmern lag. Und nichts, was in Elinas heiler Welt bislang vorkam. «Wieso können nicht die Eltern ihren Kindern helfen?», will sie wissen.

«Gerade in Krisenregionen brauchen Kinder besonderen Schutz, weil sie dort vermehrt Gefahren ausgesetzt sind. Oder weil sie etwa von ihren Eltern getrennt wurden oder gar keine mehr haben. Dann ist es zum Beispiel auch eine Aufgabe von Unicef, die Familien wieder zusammenzuführen», erklärt Jürg Keim. Unicef vermittelt. Ist die lebenswichtige Impfung. Das saubere Trinkwasser. Die Soforthilfe nach dem Erdbeben. Oder die Grusskarte zu Weihnachten, ein Einzahlungsschein im Briefkasten. Je nachdem, ob bei der eigenen Geburt die Sterne günstig standen.

Jürg Keim erklärt Elina die Unicef-Welt.

Unicef ist auch Sport und Event. Es gibt den «Harmony Geneva Marathon for UNICEF» in Genf. Oder eben «Cycling for children», demnächst in Uster und rund um den Greifensee.

«Was macht man dabei genau?», fragt Elina.

«Das ist eine Radsport-Veranstaltung, die wir in diesem Jahr zum vierten Mal organisieren», sagt Jürg Keim. «Da können Einzelpersonen, Familien und auch ganze Unternehmen mitmachen.»

Start- und Zielort ist Uster, die Runde führt in knapp 20 Kilometern um den Greifensee. 100 Franken Spende werden als Startgebühr fällig, darüber hinaus können sich alle Teilnehmer eigene Ziele setzen. Sowohl sportlich, als auch was die Spendensumme angeht, die in eines der Hauptanliegen von Unicef fliesst: «Mit dem Event sammeln wir so viel wie möglich, um das Geld in Programmen gegen die Kindersterblichkeit einzusetzen.»

«Sammeln Sie für die Schweiz oder für die ganze Welt», hakt Elina nach. «Das ist für die ganze Welt. Die Kindersterblichkeit in der Schweiz ist minim, da haben wir kein Programm», sagt Jürg Keim. Das Geld gehe in Länder, wo es zum Beispiel Hungersnöte gebe. In Entwicklungsländer. «Es gibt keinen ganz spezifischen Spendenzweck, sondern es wird allgemein für das Überleben von Kindern gesammelt.» Die Unicef, das ist ein grosses Sammelbecken. Der Geldhahn wird jeweils dort aufgedreht, wo Not am Kind ist.

Die Zahl, die Jürg Keim in den Raum stellt, ist gross und füllt ihn ein paar Sekunden lang aus: «15 000 Kinder sterben täglich an vermeidbaren Krankheiten.» Ungefähr alle sechs Sekunden eines. Eine Kleinstadt pro Tag. Am Greifensee wird Velo gefahren. Crimer singt. Ski-Ass Tina Weirather steht für Selfies zur Verfügung. Schauspieler Anatole Taubman auch. «Cycling for children» soll Spass machen und Leben retten. Event hier, Elend dort. Viel zu verarbeiten, nicht nur für Elina.

Ins Gespräch vertieft.

«Wer mitmachen will, kann auf unserer Seite einen Spenderaccount eröffnen. Dann fragt man die Familie und Freunde, ob sie einen unterstützen oder selbst teilnehmen wollen», erklärt Jürg Keim die Grundidee. Auf Englisch heisse das «peer-to-peer», wenn jeder sein persönliches Netzwerk aktiviere. Dass alles Englisch ist, hat Elina auch bemerkt. «Wieso heisst es nicht einfach 'Velofahren für Kinder'?» Diese Frage ist Punkt zehn auf ihrem Spickzettel. Sie denkt praktisch.

Unicef denkt global

«Unsere Sprache ist natürlich Englisch und den Event gibt’s nicht nur in der Schweiz», antwortet Jürg Keim. In Holland sei er zum Beispiel sehr erfolgreich. Bei uns fand «Cycling for children» bisher dreimal in der Welschschweiz statt, zuletzt in Crans Montana. Nun also in Uster. Unicef ist flexibel. Und eine Marke. Natürlich gehe es bei solchen Events auch darum, den Leuten positiv im Bewusstsein zu bleiben. «Im Idealfall ist es eine Win-win-win-Situation. Die Leute spenden, bewegen sich und verbringen einen schönen Tag.»

Welche Kinder die Gewinner sind, lässt sich nicht sagen. «Es wird nicht vorher bestimmt, in welche Projekte das Geld genau fliesst», sagt Jürg Keim. Aber es versickere nicht.

«Woher wissen Sie, welches Kind gerade Hilfe braucht?», fragt Elina. «Dadurch, dass wir auf der ganzen Welt verteilt und immer in Kontakt mit den Gemeinden vor Ort sind», entgegnet Jürg Keim. Man arbeite sehr eng mit den Regierungen zusammen. «Selbst wenn das Diktatoren sind und es sehr schwierig ist, müssen wir mit ihnen auskommen. Denn wir wollen nicht nur kurzfristig Geld geben, sondern den Kindern nachhaltig helfen.» Unicef, dass sind 156 Länderbüros in Entwicklungs- und Schwellenländern. Und 34 nationale Komitees in Industrieländern, wie hier in Zürich für die Schweiz und Liechtenstein.

Unicef ist ganz schön kompliziert. Elina hört konzentriert zu.

«Und wie vielen Kindern helfen Sie in der Schweiz?», möchte Elina wissen. Das sei schwierig zu sagen, sagt Jürg Keim. Unicef leiste hier nicht direkt Einzelhilfe, sondern schaffe Strukturen. «Wir haben zum Beispiel ein Label – du weisst, was ein Label ist?» Elina nickt. «Das Label heisst 'Kinderfreundliche Gemeinde'. Die Gemeinden, die es bekommen, verpflichten sich, das Kind und seine Belange in den Mittelpunkt zu stellen.» Die Kinder würden angehört, wenn es zum Beispiel um den Bau eines neues Schulhauses oder einen verkehrssicheren Fussweg gehe. «Sie dürfen mitreden und sich auch in einem eigenen Parlament versammeln.» Unicef ist in der ersten Welt ganz anders als in der dritten.

Elina lebt in der Vorzeige-Stadt

«Du kommst aus Basel, oder?», fragt Jürg Keim. «Das ist die beste 'Kinder-Stadt' in der ganzen Schweiz! Eine Vorzeige-Stadt, die mit dem Label schon ganz weit ist.»

Wer hätte das gewusst? Elina nicht. Unicef ist manchmal noch zu unsichtbar. Auch die Kinderrechtskonvention könnte bekannter sein. Der UN-Kinderrechtsausschuss findet in seinen «Schlussbemerkungen zum zweiten, dritten und vierten Staatenbericht der Schweiz» nicht nur lobende Worte für die Situation bei uns.

«Der Ausschuss ist besorgt darüber, dass Kinder, Eltern und die breite Öffentlichkeit das Übereinkommen kaum kennen.»

Bei Elina ist das nun anders. Jürg Keim beantwortet all ihre Fragen, aber Unicef ist zu viel für ein Gespräch. Unicef, das ist die ganz grosse Klammer um unzählige Projekte und Verträge. Sie umfasst alles. Das Pflaster, die Impfung, das Schulhaus aus recyceltem Plastik als Baustoff. Kinderparlamente und kinderfreundliche Gemeinden. Unicef ist kaum zu fassen. Nach einer Stunde schauen Elina und ich uns geschafft an.

Elina schaut hinter die Kulissen.

«Wir sind übrigens gar nicht die richtige Unicef», sagt Jürg Keim dann noch. Wie bitte? Unicef ist nicht Unicef? «Wir sind ein Verein, der vor 60 Jahren gegründet wurde und mit den Hauptquartieren in New York und Genf unter ganz vielen Bedingungen einen Vertrag geschlossen hat, dass er im Namen von Unicef Geld für Kinder sammeln darf.» Es sei ein bisschen wie bei McDonalds. Da würden die einzelnen Filialen auch die Erlaubnis bekommen, den Namen zu nutzen. Aber die Qualität werde kontrolliert und müsse stimmen. Wir lachen. Wie McDonalds? Unicef steckt voller Überraschungen.

Jürg Keim führt uns zum Abschluss noch ein wenig durch das Büro. Unicef ist, zumindest hier und heute, überwiegend weiblich. Wir schütteln Hände, begegnen freundlichen Menschen an diskreten Arbeitsplätzen, sehen fair produzierte Sneakers unter Bürostühlen wippen. Hier ist es so sauber, korrekt und geordnet, wie es in der Welt da draussen nie zugehen wird. Und irgendwo leuchtet immer beruhigend das Unicef-Blau.

Als wir wieder auf der Strasse stehen, frage ich Elina, wie es ihr gefallen hat. War’s spannend? Oder doch zu viel, zu kompliziert? Elina scheint mit sich, der Welt und Unicef im Reinen zu sein. «Er hat das gut erklärt», sagt sie zufrieden. Sie freue sich auf «Cycling for children». Wir lutschen die Bonbons, die wir anfangs eingesteckt hatten. Die Unicef schmeckt süss, ist aber zuckerfrei. Etwas widersprüchlich. Aber immer bemüht, alles richtig zu machen.

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Michael Restin, Zürich

  • Editor
Das Glück ist flüchtig, also bleibe ich in Bewegung. Auf dem Bike, am Ball (Grösse und Farbe egal) und bei allem, was der Fantasie zweier Kinder entspringt. Ich liebe es, meinen Spieltrieb auszuleben und Zufällen eine Chance zu geben. Denn wenn der Weg das Ziel ist, dann soll es ein schöner sein.

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