Eine unterschätzte Kunst: der Scherenschnitt
Hintergrund

Eine unterschätzte Kunst: der Scherenschnitt

Carolin Teufelberger
Zürich, am 26.06.2020
Mit dem Scherenschnitt verbinde ich kindliche Bastelei. Vielleicht noch eine naive Kunstform, wenn es hochkommt. Dabei können die Papierschnitte so viel mehr sein. Sogar Henri Matisse und Goethe haben sie als Ausdrucksform genutzt.

Okay, meinen Scherenschnitt im Bild oben als Kunst zu bezeichnen, mag vermessen sein. Ich habe die Schere nicht als emotionales Ausdrucksmedium gebraucht. Das beschnittene Papier stellt nicht meine Gedanken und Gefühle dar. Ich würde kaum einen Rezipienten damit abholen. Nicht einmal über die Technik mag sich mein Scherenschnitt behaupten, fällt er handwerklich doch weit hinter die Exemplare von Erstklässlerinnen und Erstklässlern zurück.

Genau dort, in der Primarschule machte ich erste Bekanntschaft mit dem Scherenschnitt. Nach einiger Zeit waren sie omnipräsent. Sie hingen an durch Klassenzimmer gespannten Schnüren oder an Fenstern. Richtig aufregend wurde die Schnittkunst, wenn gerade eine Zickzackschere frei war. Oder wenn buntes Papier bereit lag. Diese primitive Form des Scherenschnitts prägte mein Bild. Lange war mir nicht klar, dass es auch ein ernstzunehmendes Handwerk, wenn nicht gar Kunst ist.

Der Scherenschnitt als Magnum Opus

Denn sogar grosse Maler wie Henri Matisse setzen den Scherenschnitt in ihrer Kunst ein. Als bei Matisse Krebs diagnostiziert wird und er sich einer Darmoperation unterziehen muss, leidet zwar seine körperliche Verfassung, seiner Kunst aber verleiht die Krankheit Aufschub. Matisse besinnt sich auf das Wesentliche und Einfache und beginnt mit der Schere zu zeichnen, wie er es nennt. Diese Schnitte lässt er einfärben und arrangiert sie auf ebenfalls bunten Papierbögen. Zwei Jahre arbeitet er daran, dann werden 20 dieser Collagen als Illustrationen in einem Buch veröffentlicht. «Jazz» gilt als eines der wichtigsten Künstlerbücher des 20. Jahrhunderts.

»Le Coeur» von Henri Matisse.
»Le Coeur» von Henri Matisse.

Auch in der Schweiz hat der Scherenschnitt, der in Nordchina beheimatet ist, eine lange Tradition, die über die Bastelei in der Primarschule hinausgeht. Was erst der Oberschicht vorbehalten ist, hält im 19. Jahrhundert Einzug in ländliche Gebiete. Dort, im Pays d’Enhaut, beginnt Johann Jakob Hauswirth Alpaufzüge zu schneiden. Der Vater des volkstümlichen Scherenschnitts dokumentierte das alpine Alltagsleben und viele nach ihm tun es ihm gleich. Wahrscheinlich auch deshalb assoziieren ich und viele andere den Scherenschnitt mit Volkshandwerk, mit «heiler Welt» – und nicht mit Kunst. Auch Kunsthäuser widmen sich dem Thema eher selten in Ausstellungen und an Kunsthochschulen wird die Kunstform nicht gelehrt, denn dem Scherenschnitt wird nur wenig Komplexität zugetraut. Er scheint nicht nur bei mir ein Imageproblem zu haben.

Ein typisches Motiv von Johann Jakob Hauswirth: der Alpaufzug.
Ein typisches Motiv von Johann Jakob Hauswirth: der Alpaufzug.

Einst eine angesehene Kunstform

Das war nicht immer so. Im 18. Jahrhundert wird Deutschland von einer Begeisterung für sogenannte Schattenrisse oder Silhouettenportraits erfasst. Selbst Goethe bildete sein Umfeld in Form des Scherenschnitts ab. Im 19. Jahrhundert, vor allem während der Biedermeierzeit, gehört der Papierschnitt zur Bildung der Töchter der Oberschicht. Aber auch in der Mitte der Gesellschaft wird als abendliche Beschäftigung in der Familie zu Papier und Schere gegriffen. In der kunstgeschichtlichen Epoche des Jugendstils wird der Scherenschnitt an der Wiener Kunstgewerbeschule, heute Universität für angewandte Kunst, gar eine eigenständige Kunstform.

das Gemälde von Georg Melchior Kraus zeigt Goethe mit einem Scherenschnitt.
das Gemälde von Georg Melchior Kraus zeigt Goethe mit einem Scherenschnitt.

Zeitgenössische Künstler zeigen, dass der als spiessig geltende Papierschnitt sogar politisch sein kann. So wird der deutsche Künstler und Beuys-Schüler Felix Droese Anfang der 80er mit seiner Papierschnittinstallation «Ich habe Anne Frank umgebracht» weltweit bekannt. Zu dieser Zeit findet in Deutschland eine erneute Auseinandersetzung mit den Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft statt, die Droese mit seiner Installation aufgreift. Die Schweizerin Ursula Vögtlin-Breitgraf beschäftigt in ihren feinen Schnitten immer wieder das Thema Gerechtigkeit und bildet Asylsuchende und Migranten ab. Beinahe poetisch muten die Scherenschnitte des japanischen Künstlers Yuken Teruya an. Er schneidet filigrane Bäume aus Klopapierrollen, ganz so als würde er dem Produkt seinen natürlichen Ursprung zurückgeben wollen.

Der Scherenschnitt als Ausdruck der Seele

Der Scherenschnitt kann volkstümliches Handwerk, eine kindliche Bastelei oder auch einfach ein Zeitvertreib mit Überraschungseffekt sein. Er kann aber auch Kunst sein. Denn obwohl der Scherenschnitt heute nicht mehr denselben Stellenwert wie im 19. Jahrhundert besitzt und nicht als eigene Kunstrichtung anerkannt wird, darf er nicht als primitive Technik abgetan werden. Kunst entsteht im Kopf des Künstlers, nicht beim Rezipienten. Wie Marc Chagall treffend sagte: «Kunst scheint mir mehr als alles andere ein Zustand der Seele zu sein.» Und dieser Zustand kann auch durch einen Scherenschnitt ausgedrückt werden.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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