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Ein stiller Protest gegen Technologie

Die Kochwerkzeuge der Designerin Amalia Shem Tov sind alles andere als effizient. Sie verzichten auf Spitzentechnologien und verlangsamen bewusst den Zubereitungsprozess des Essens.

Aus der Serie: Slow Design

Designer entwerfen absichtlich Dinge, die auf Technik verzichten oder Prozesse verlangsamen. Klingt absurd, soll aber nachhaltig sein und unser Wohlbefinden steigern. In meiner Serie beleuchte ich den Wohntrend «Slow Design» anhand aktueller Beispiele.

Schnell ist nicht immer gut. Fast Food macht mich dick und Fast Fashion geht nach einigem Tragen kaputt. Slow Food – eine Bewegung, die traditionelles Kochen zelebriert – hingegen tut mir gut. Auch Slow Music und -Dances machen mich glücklich. Mit Ende zwanzig wohne ich zum ersten Mal allein und möchte, dass jede Neuanschaffung langlebig ist. Vorbei sind die Tage, in denen mich ein kurzer Besuch bei einer amerikanischen Burger-Kette oder bei einem schwedischen Textilunternehmen mit Glück erfüllten.

Umso mehr interessiert mich, was es mit dem Begriff und Trend «Slow Design» auf sich hat. Als ambitionierte Inneneinrichterin stolper ich zunehmend darüber, zuletzt bei der Mailänder Designwoche: Auf der Ausstellung «Ventura Futura» habe ich die schönen Küchenutensilien von der Designerin Amalia Shem Tov gesehen. Sie fallen auf, weil sie aus rohem Stein sind und ohne Technik auskommen. Sie sind Teil der Kollektion namens «Roots», die im Zeichen des Slow-Design-Trends steht.

Langsam in der Kreation und im Konsum

Gestalter, die den Slow-Design-Ansatz verfolgen, gehen auf kulturelle und ökologische Bedürfnisse ein. Sie sind in der Kreation etwas langsamer als andere, aber das nur, weil sie alles richtig machen wollen. Im Designprozess wird grösstenteils über den Umwelteinfluss eines Produktes entschieden. Deswegen achten Slow Designer besonders auf Material, Regionalität und den Lebenszyklus ihrer Entwürfe.

Zurück zum Ursprung

Mörser und Stössel zum Mahlen von Gewürzen und Kräutern.
Mühlstein zum Mahlen von Weizen, Getreide und Bohnen.

Die antiken Kochwerkzeuge der israelischen Designerin bremsen uns aus. Nicht nur, weil sie aus einem fast vergessenen Material im Küchenutensilien-Bereich – Stein – bestehen, sondern auch, weil sie ohne Stromzufuhr auskommen. Passend zur Slow-Food-Bewegung, die regionales und bewusstes Essen feiert, sollen ihre ihre Entwürfe die Freude am Moment und der Zubereitung von Speisen fördern. Auch erinnern sie an vergangene, primitive Zeiten.

Die Kollektion besteht aus Mühlstein, Mörser und Pistill sowie Backsteinen zum Erhitzen. Alle Geräte benötigen unsere physische Kraft. Das Material ist ein Rohstoff aus der Region Tel Aviv. Der Stein ist im Unterschied zu Kunststoff, der bei Küchengeräten oft zum Einsatz kommt, nachhaltig.

Heisse Steine zum Kochen, Backen und Erwärmen von Speisen.

Unsinnig aber sinnlich

Was bewegt eine Jungdesignerin in meinem Alter dazu, bewusst ineffiziente Produkte herzustellen? In Mailand wusste ich noch nicht, wie ich die Frage beantworten soll. Heute schon. Als Millennial bin ich sozial vernetzt und äusserst mobil. Bei all der schnelllebigen Technologie um mich herum tut mir alles gut, was entschleunigt. Kochen kommt bei mir im Alltag viel zu kurz. Dabei würde es mir gut tun, einen Moment innezuhalten.

Die Küchenwerkzeuge setzen genau hier an: Sie strahlen Ruhe aus. Mit ihnen können wir die wertvolle Zubereitungszeit hinauszögern und möglichst lange ausnutzen. Sobald die Kollektion erhältlich ist, teste ich sie gerne. Bis dahin lese ich mehr über «Slow»-Trends und probiere ein anderes, uraltes Handwerk aus: das Brotbacken.

  • Mörser & Stössel
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Schwerer, beständiger Granitmörser mit Stössel. Gebaut für die Ewigkeit.
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Pia Seidel, Zürich

  • Teamleader Editorial Galaxus
Als Design Cheerleader gehe ich aufmerksam durch die Welt und konsumiere Kunst, Design und Mode wie Süssigkeiten. Besonders liebe ich es auf Reisen in die Magie neuer Orte einzutauchen sowie Trends auf Messen oder den Strassen aufzuspüren. Im Alltag erfreue ich mich an der Gestaltung meiner eigenen vier Wände und Podcasts.

4 Kommentare

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User peterstegemann

Zuerst Einmal: Stein ist so nachhaltig wie Mineraloel. Und dann: Was hier gezeigt wird, ist Kunst. Koennte man nutzen, will man im Alltag aber nicht wirklich, dafuer ist es zu extrem. Extrem ist nett um etwas auf zu zeigen, aber um wirklich eine Veraenderung zu bewirken, braucht es Massentauglichkeit. Und das ist viel schwieriger, meinen Respekt haben Designer, die das hin bekommen, nicht Kuenstler, die sich mit Extremen selbst produzieren.

28.05.2019
User Pia Seidel

Das klingt vernünftig. Wie du sagst, das schaffen leider nur die wenigsten Designer/ Hersteller. Das hat stark mit ihrem Mindset zu tun. Umso wichtiger, dass es solche Projekte gibt. Die Schnittstelle von Kunst und Design ist manchmal fliessend. Bei all den Besuchern, die zur Mailänder Möbelmesse kommen, ist diese Transdisziplinarität aber nichts Schlechtes. Künstler geben schliesslich Anstösse für eine neue Denkweise und die fehlt vielen Designern. Obwohl sie es sind, die durch ihr Handwerk und moderne Technologien Nachhaltigkeit direkt beeinflussen.

29.05.2019
Antworten
User reinerschi

Coole Sache! Wo kann man den Mühlstein erhalten? Bin jahrelang in der Mahlerei tätig gewesen...

28.05.2019
User Pia Seidel

Freut mich, dass dir die Kollektion gefällt. In Mailand werden oft Entwürfe von Jungdesignern, die noch keinen Hersteller und Kapazitäten für eine serielle Produktion haben, gezeigt. Leider ist sie deswegen wahrscheinlich noch nicht auf dem Markt erhältlich. Gerne informiere ich dich sobald sich das ändert =)

29.05.2019
Antworten