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Familie + KindWissen 02

«Ein gesundes Mass ist besser als rigide Essensregeln»

Es ist Ostern. Schoggihasen, so weit das Auge reicht. Prompt meldet sich das schlechte Gewissen: Ist das auch gesund für mein Kind? Zu viel Zucker ist ungesund, besonders für die Jüngsten. Aber auch wer seinen Kindern Süsses ganz verbietet, tut ihnen nicht unbedingt einen Gefallen damit.

Warum ist Süsses für die meisten Kinder so unwiderstehlich?
Dagmar l’Allemand: Zucker ist ein Stoff, der starke Glücksgefühle auslöst. Schon Neugeborenen verabreichen wir ein wenig Zuckerwasser, wenn wir ihnen Blut entnehmen müssen, das beruhigt sie sofort. Die Wirkung von Zucker ist aber der mit einer Droge zu vergleichen, deshalb ist es wichtig, keinen unbegrenzten Zugriff darauf zu haben. Experimente mit Ratten haben gezeigt, dass Tiere, die soviel Zucker zu sich nehmen können, wie sie wollen, die Dosis ständig erhöhen.

Sollten wir möglichst auf Süssigkeiten für unsere Kinder verzichten?
Ein Baby braucht keinen zusätzlichen Zucker, Muttermilch und später Brei aus Bananen oder Karotten sind süss genug. Nach seinem ersten Geburtstag darf man einem Kind aber ruhig auch einmal ein Stück Kuchen oder ein Glace geben.

Es gibt Eltern, die ihre Kinder in den ersten Lebensjahren ganz von Lebensmitteln mit Zuckern fernhalten. Ist das nicht besser?
Ein gesundes Mass ist besser als rigide Essensregeln. Kindern in einer Welt, in der Zucker allgegenwärtig ist, alles Süsse zu verbieten, erhöht nur das Risiko für Essstörungen. Es gibt ausserdem keine wissenschaftlichen Studien, die besagen, dass Kinder gesünder sind, wenn sie mehrere Jahre ohne Zucker leben.

Wieviel Süsses ist denn vernünftig?
Eine Reihe Schoggi, ein paar Guetzli oder ein Dessert pro Tag liegen in der Regel problemlos drin, am besten gleich nach einer Hauptmahlzeit und nicht zwischendurch. Natürlich hängt der Konsum auch vom Kind selbst ab. Bewegt es sich viel oder verbringt es oft Zeit vor dem Fernseher? Wie wird in der Familie sonst gegessen? Nichts beeinflusst das Essverhalten von Kindern langfristig mehr als das, was ihnen die Eltern vorleben. Etliche Studien zeigen zudem, dass das Hauptproblem der unbewussten Zuckerzufuhr bei den Süssgetränken liegt.

Was ist von all den Joghurts, Backwaren und Würstchen zu halten, die sich mit ihrem Marketing ausdrücklich an Kinder richten?
Ich rate klar von solchen Produkten ab. Die Mehrheit davon ist zusätzlich mit Zucker und Salz angereichert. Kinder brauchen keine besonderen Lebensmittel. Ab dem ersten Lebensjahr können sie dasselbe essen wie alle anderen am Tisch.

Sind Alternativen wie Honig, Rohzucker oder Agavensirup besser als weisser Zucker?
Der Nährwert ist bei all diesen Süssungsmitteln etwa gleich, daher macht es keinen grossen Unterschied, welchem man den Vorzug gibt. Honig hat aber zusätzliche Eigenschaften: Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass er sich günstig auf den Stoffwechsel beziehungsweise bei Husten auswirke. Ein Glas warme Milch mit Honig scheint bei Husten eine beruhigende Wirkung zu haben.

Sind künstliche Süssstoffe schädlich?
Süssstoffe sind nicht ideal für unsere Darmbakterien, aber es gibt bisher keine Hinweise darauf, dass sie gefährlich wären. In unserer Klinik für übergewichtige Kinder setzen wir sie manchmal ein, um das Abgewöhnen von Süssgetränken und gezuckerten Speisen zu erleichtern. Im Gegensatz zu Zucker lösen aber nicht alle Süssstoffe Glücksgefühle aus. Wenn Kinder Lust auf etwas Süsses haben, ist es deshalb in der Regel besser, richtigen Zucker zu verwenden, einfach in geringer Dosis.

Also keine Light-Produkte für Kinder?
Ich lehne Light-Produkte nicht grundsätzlich ab, aber bei normalgewichtigen Kindern sind sie nicht nötig. Wer auf die Kalorienzufuhr seiner Kinder achten möchte, kauft zum Beispiel besser einfach fettreduzierte Milch statt Vollmilch. Auch Stevia, das aus Süsskraut gewonnen wird und keine Kalorien hat, kann bedenkenlos verwendet werden.

Dagmar l’Allemand ist Leitende Ärztin am Ostschweizer Kinderspital in St. Gallen und Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt pädiatrische Endokrinologie/Diabetologie.

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Journalistin und Mutter von zwei Söhnen, beides furchtbar gerne. Mit Mann und Kindern 2014 von Zürich nach Lissabon gezogen. Schreibt ihre Texte im Café und findet auch sonst, dass es das Leben ziemlich gut mit ihr meint.
uemityoker.wordpress.com

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