Ein Deutscher erklärt mir Schwingen
KnowhowSport

Ein Deutscher erklärt mir Schwingen

Patrick Bardelli
Zürich, am 22.08.2019
Vom Schwingen habe ich keine Ahnung. Schade. Jetzt, wo alle Welt den Schweizer Nationalsport neu entdeckt und plötzlich alle schon immer alles über das Schwingen gewusst haben wollen. Darum frage ich nach – bei einem Deutschen.

Das Schweizer Fernsehen hat das Schwingen entdeckt. Ja, auch früher wurde über den Hosenlupf berichtet. Aber heute steht Sascha Ruefer, entschuldigung Ruefer Sascha (man sagt beim Schwingen immer zuerst den Nachnamen, soviel weiss ich), auf dem Brünig oder einem anderen Berg, ruft ins Tal und lobt in epischen Livesendungen während Stunden die Schönheit der Schweizer Landschaft und die Kraft des Senns. Und der Höhepunkt kommt erst: ESAF. Das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest in Zug. Die Sendezeit dazwischen wird, so scheint's, mit Jassübertragungen überbrückt.

Auch meinen Kollegen, den Balissat Simon, hat das Schwingfieber gepackt.

*Das Schwingfest-Survival-Kit**: Bestens ausgerüstet ans Eidgenössische
KaufratgeberSport

Das Schwingfest-Survival-Kit: Bestens ausgerüstet ans Eidgenössische

Plötzlich bin ich nun also von Schwing-Experten umgeben. Alle wissen, was ein Gestellter ist und wie der Brienzer geht. Und wann man wo was zu trinken hat. Schwingen ist hip, nicht nur auf der Alp, auch in Züri West. Muss mein Wissen aufbessern, schliesslich will ich mitreden können. Ich weiss auch schon, bei wem ich mich schlau mache. Es gibt da nur ein Problem: Der gute Mann ist Deutscher. Ausgerechnet!

Selbst ist der Brocken

Ludwig Matthias ist Schwabe. Nein, nicht Schwoob, das ist ein Schimpfwort. Er kommt aus dem Schwabenland, lebt und arbeitet seit einigen Jahren im Grossraum Zürich. Der Ludwig Matthias ist diplomierter Sportwissenschaftler, Personal Coach und betreut unter anderem auch einige Schwinger. Und er ist selbst ein stattlicher Zeitgenosse.

Kann grimmig schauen, ist aber überhaupt kein Böser.
Kann grimmig schauen, ist aber überhaupt kein Böser.

Aktuell betreust du drei Schwinger. Nehmen deine Athleten auch am Eidgenössischen teil?
Ludwig Matthias, Personal Coach: Ja, einer davon ist der Vollenweider Jeremy.

Hast du eine Ahnung, warum der Schwinger zuerst mit Nachnamen genannt wird?
Keine Ahnung. Tradition, die irgendwoher kommt. Ich weiss es ehrlich gesagt nicht.

Was ist dein Job als Personal Coach?
Ich bin für das Krafttraining verantwortlich. Ich komme ursprünglich, wie du an meinem Dialekt unschwer erkennst, nicht von hier und hatte bis vor vier Jahren entsprechend wenig mit Schwingen zu tun. Inzwischen habe ich mir jedoch einiges Wissen angeeignet. Ohne, dass ich mir anmassen würde, mich als Experten zu bezeichnen. Aber bleiben wir noch bei Jeremy. Er wohnt in meinem Nachbarort und kommt regelmässig zu mir ins Krafttraining. Wir arbeiten sehr viel an der Langhantel mit hoher Intensität in zehn Minuten-Blöcken. Damit er auf die Dauer eines Ganges, und noch ein bisschen länger, vorbereitet ist.

Und die Schwinger, die nicht deine Nachbarn sind?
Das klappt auch online. So habe ich zum Beispiel mit von Weissenfluh Kilian, den ich bis vor Kurzem betreut habe, gearbeitet. Da erstelle ich einen dezidierten Trainingsplan, wir kontrollieren das mit Video und ich besuche den Athleten auch, um beispielsweise das Langhantel-Training sauber aufzugleisen. Funktioniert bestens.

Du hast vorhin die Dauer des Ganges erwähnt. Warum heisst der Gang nicht Wettkampf oder Runde?
Weil der Wettkampf oder Schwinget/Schwingfest die ganze Veranstaltung meint. Der Gang ist der einzelne Abschnitt eines Wettkampfs. Normalerweise bestreiten die Schwinger sechs Gänge, am Eidgenössischen sind es acht.

Und wie lange dauert so ein Gang?
Je nach Grösse des Anlasses wird die Gangdauer bestimmt. Bei einem Regionalfest sind es vier Minuten, beim Schlussgang des Eidgenössischen Schwingfests 16 Minuten.

Und der geschichtliche Hintergrund des Schwingens?
Ui, jetzt wird's schwierig. Ich betrete da ein Minenfeld. Wenn der Deutsche da etwas Falsches sagt ... Ich glaube, das Schwingen geht zurück bis ins 13. Jahrhundert. Es soll entsprechende Abbildungen geben. Es war wohl ein Sport, der von Bauern oder Sennen auf dem Land ausgeübt wurde und irgendwann in die Stadt kam. Abgewandelt findet man ähnliches Ringen auch in anderen Ländern wie zum Beispiel in Österreich oder Indien.

Nenne mir doch bitte mal die wichtigsten Schwünge. Kriegst du die wichtigsten fünf zusammen?
Wichtig ist natürlich relativ (lacht). Ich probier's: Also da wäre der Kurz. Dann der Brienzer, da gibt's glaube ich zwei Varianten: aufwärts und abwärts. Dann der Wyberhaken, der Hüfter und der Fussstich. Das sind fünf, oder?

Wenn der Senn mit dem Senn im Sägemehl liegt.
Wenn der Senn mit dem Senn im Sägemehl liegt.

Lass uns über das Kampfgericht reden. Auch eine Eigenheit des Schwingsports. Das Kampfgericht teilt nicht nur die Gänge ein, es verteilt auch Noten. Und so kann es sein, dass ein Schwinger zwar den Schlussgang gewinnt, nicht aber das Schwinget. Wie kommt’s?
Genau. Das Kampfgericht benotet die Art und Weise, wie geschwungen wird. Gewinnst du platt, legst deinen Gegner also mit beiden Schultern auf den Rücken, ohne am Boden nachdrücken zu müssen, gibt’s 10 Punkte. Hast du ihn zwar auf dem Boden, musst aber erst die eine, dann die andere Schulter ins Sägemehl drücken, gibt es vielleicht die Note 9.75. Das Kampfgericht beurteilt auch, wie aktiv oder passiv einer schwingt. Viele Faktoren spielen bei der Benotung eine Rolle. Und so gewinnt am Ende der Schwinger mit den meisten Punkten und nicht zwingend der Sieger des Schlussgangs.

Das führt doch sicher immer wieder zu Diskussionen. Ist diese Note gerecht oder nicht? Ich war doch aktiv, wieso bekomme ich nur diese Punktzahl?
Es menschelt überall. Am Ende hat das Kampfgericht immer recht.

Dann gibt es die Schwinger in Weiss und solche mit den berühmten Edelweisshemden. Was hat es damit auf sich?
Der «Weisse» ist einem Turnverein angeschlossen, der Senn nicht. Der ist Mitglied eines Schwingklubs. Soviel ich weiss.

Schwingen hat auch etwas Höfliches. Vor dem Gang reicht man sich die Hände. Nachher wischt der Sieger dem Verlierer das Sägemehl vom Rücken. Das gefällt mir.
Ja, es wird viel Wert auf Respekt gelegt.

Letzte Frage: Was sollte ich zwingend dabei haben, wenn ich das Eidgenössische Schwing- und Älplerfest besuche?
Feldstecher, Sitzkissen (falls es nicht vom Sponsor welche gibt), Regenpelerine, Sackmesser, Sonnencreme, Wurst. Und ein Bier, da es dieses Jahr in Zug stattfindet, im Welschland dann Weisswein. Ich hatte vor langer Zeit mal eine Freundin aus dem Wallis. Da gab's immer nur Weisswein.

Ludwig Matthias, ich danke für diesen Gang durch das Sägemehl.
Bitte gerne.

Lupf mal hier an meinem Autorenprofil.

6 Personen gefällt dieser Artikel


Patrick Bardelli
Patrick Bardelli
Senior Editor, Zürich
Es zählt nicht, wie gut du bist, wenn du gut bist. Sondern wie gut du bist, wenn du schlecht bist.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren