Christopher (l.) und Samuel mit ihrem Baby.
Christopher (l.) und Samuel mit ihrem Baby.

Diese zwei Jungs haben einen Scart-Switch für Retro-Konsolen gebaut

Philipp Rüegg
Zürich, am 20.07.2020
Wer alte Spielkonsolen besitzt, kennt das Problem: Unzählige Kabel, alle ineinander verknotet und praktisch unerreichbar hinter dem Fernsehmöbel versenkt. Zwei Bastler wollten sich das nicht mehr antun und haben einen eigenen Scart-Switch entwickelt.

Der transparente Plexiglas-Deckel ermöglicht den direkten Blick auf die Innereien des Taxon Scart Switch. Denn zu verbergen haben Christopher Holder und sein Kumpel Samuel Gasser nichts. Sie sind stolz auf ihre Entwicklung. Das ganze Wissen dazu haben sie sich selbst angeeignet. «In meiner Ausbildung als Informatiker musste ich eigene Schaltungen entwickeln. Aber niemals etwas so Komplexes wie einen Scart-Switch», sagt Christopher lachend.

Es gibt das Gerät in verschiedenen Farben. Aktuell ist schwarz sehr gefragt.
Es gibt das Gerät in verschiedenen Farben. Aktuell ist schwarz sehr gefragt.

Switches oder Mehrfachstecker für den längst überholten Fernsehanschluss Scart gibt es bereits, allerdings nicht in der Qualität, wie sie sich Christopher und Samuel gewünscht haben. «Es gibt Scart-Switches, die wie alte Netzwerk-Hubs funktionieren. Der Stärkere gewinnt. Das kann gefährlich sein», erklärt Christopher, der bei digitec als Software Engineer arbeitet. Alte Konsolen wie der Super Nintendo nehmen über den Scart-Anschluss selbst dann Strom auf, wenn sie nicht eingeschaltet sind. «Du könntest an solche Switches problemlos eine 12V-Glühbirne anschliessen.» Ein billiger Switch bietet keine Sicherheit und kann andere Konsolen beschädigen. «Unser Switch ist so gesichert, dass kein Signal weitergeleitet wird – egal, ob er ein- oder ausgeschaltet ist», versichert Christopher. Er muss es wissen. In seiner Wohnung stehen mehr alte Spielkonsolen, als ich und alle meine Freunde früher zusammen besessen haben.

«Dann machen wir es einfach selber.»

Trotzdem hatten Christopher und Samuel, der ebenfalls in der Softwareentwicklung arbeitet, anfangs Zweifel, ob sich der Aufwand lohnen würde. «Wir fragten uns: Wer will heute noch einen Scart-Switch? Aber irgendwann nach einem Bierchen sagten wir uns, doch das machen wir jetzt.» Obwohl keiner von beiden Elektroniker ist, liessen sich die zwei Freunde nicht einschüchtern. Für einen Franken kauften sie sich im Internet einen Schaltplan für einen Zwei-Port-Switch. «Wir haben dann den Switch für unsere Bedürfnisse modifiziert. Am Anfang habe ich kaum etwas verstanden und musste einiges an Wissen nachholen», erzählt Christopher.

Das Kellerabteil ist bis an die Wände gefüllt mit Material und Geräten.
Das Kellerabteil ist bis an die Wände gefüllt mit Material und Geräten.

Produziert werden die Switches in einer improvisierten Kellerwerkstatt, mitten in einem Spreitenbacher Wohnquartier. Mittlerweile haben sie den Herstellungsprozess so optimiert, dass sie nur noch rund drei Stunden pro Gerät benötigen. «Dann produzieren wir aber gleich 20 Stück auf einmal», sagt Christopher. Der Weg dahin war und ist noch immer mit viel Scheitern verbunden.

Als ich das kleine Kellerräumchen betrete, läuft gerade die selbstgebastelte 3D-Drucker-Filament-Maschine. Daneben stapeln sich rund acht Säcke mit Rohmaterial. «Fertiges Filament kostet circa 30 Franken pro Kilogramm. Wenn wir es selber machen, liegt der Preis bei etwa drei Franken», sagt Samuel zufrieden. Die Maschine läuft auch, wenn die beiden nicht in der Werkstatt sind. Als sie eines Abends zurückkamen, hatten sich Teile der Maschine selbst zerstört und nichts ging mehr. «Wir haben nun eine Sicherung eingebaut, damit das nicht mehr passiert.»

Eine selbstgebaute Konstruktion produziert das Filament.
Eine selbstgebaute Konstruktion produziert das Filament.

Die Pellets für die Filament-Produktion müssen vor der Verwendung getrocknet werden. Auch etwas, was die beiden erst lernen mussten. «Beim ersten Versuch haben wir die Pellets direkt vom Sack in die Maschine gefüllt. Keine gute Idee», wie Samuel nun weiss. Weil die Pellets Feuchtigkeit aufnehmen, bläst sich das Filament erst auf und fällt danach wieder zusammen. «Das Ergebnis kannst du wegwerfen.» Mittlerweile sind sie vom Sandwich-Toaster auf einen kleinen Pizzaofen umgestiegen, um die Pellets zu trocknen. Zusätzlich haben sie einen Lufttrockner aufgestellt und ein Messgerät, das die Feuchtigkeit in der Werkstatt kontrolliert.

Aus dem Filament drucken Christopher und Samuel das Gehäuse. Jeder ist für bestimmte Farben zuständig. Das gerade bestellte Modell soll schwarz sein. «Wir haben auch eine Bestellung in Gold bekommen, dabei haben wir das eigentlich nur als Witz angeboten», meint Christopher lachend.

Eine nicht ganz automatische Maschine

Die Leiterplatte ist das Herz des Switches. Diese lassen sie in China fertigen. Die Vorlage mussten sie allerdings selber zeichnen. Für einen Neuling wie Christopher war es eine ziemliche Herausforderung, die Pläne für den 8-Port-Switch zu designen. «In den meisten Anleitungen wurde von zwei Leiterbahnschichten gesprochen. Unsere Platte besteht aus vier.» Im Vergleich zu einem PC-Mainboard, das aus 16 Schichten besteht, sei das zwar nichts, Kopfzerbrechen hat es ihm trotzdem bereitet.

Samuel streicht die Lötpaste auf die Leiterplatte.
Samuel streicht die Lötpaste auf die Leiterplatte.

Die Leiterplatte wird von Samuel mit einer hauchdünnen Schicht Lötpaste bestrichen. Danach geht es weiter an die «Pick and Place»-Maschine. Diese steckt die über 300 Bauteile selbstständig in die Platte. «Es heisst zwar, sie ist automatisch, aber ich würde bestenfalls von halbautomatisch sprechen, wie du gleich merken wirst», sagt Christopher mit einem vielsagenden Grinsen. Und tatsächlich fährt der Roboterarm bereits nach wenigen Arbeitsschritten hin und her, ohne ein Bauteil gefasst zu haben. Also muss Christopher die Bauteile, die meist auf Spulen gewickelt sind, von Hand ausrichten, damit sie die Maschine greifen kann. Gewisse Bauteile sind nur wenige Millimeter gross und können kaum mit der Pinzette gefasst werden. Ohne Zwischenfälle dauert der Prozess rund zehn Minuten, bei meinem Besuch waren es gut 20.

Christopher kontrolliert, ob die Maschine alles richtig macht.
Christopher kontrolliert, ob die Maschine alles richtig macht.

Ein Backofen mit Dieselgenerator

Ist die Leiterplatte fertig bestückt, kontrolliert Christopher, ob wirklich alles vorhanden ist und jedes Teil richtig sitzt. «Jetzt kommt der nicht so umweltfreundliche Teil.» Mit diesem Satz holt er ein dickes Stromkabel unter dem Tisch hervor und läuft damit nach draussen – zu einem Dieselgenerator. Denn im nächsten Schritt muss die Leiterplatte «gebacken» werden. Das Gerät dafür zieht ganze 16 Ampere. Weil keine Steckdose im Gebäude so viel Strom liefert, musste ein Generator her. «Ich habe Samuel beim Kauf der Maschine nichts davon erzählt, weil ich wusste, dass er sonst dagegen gewesen wäre», erzählt Christopher grinsend.

Den Dieselgenerator müssen sie jedesmal die kleine Treppe hochschieben.
Den Dieselgenerator müssen sie jedesmal die kleine Treppe hochschieben.

Damit sie im Keller nicht ersticken, schieben sie das 90 Kilogramm schwere Gerät aus dem Keller vor den Wohnblock. Das Abluftrohr der Backmaschine wird für die zehn Minuten, die der Vorgang benötigt, in den kleinen Kellerschacht gehalten. «Sobald sich die Spinnen zu bewegen beginnen, wissen wir, dass der Backvorgang gestartet hat», meint Samuel.

Ein kurzes «Ding» wie bei der Mikrowelle signalisiert das Ende des Backvorgangs. Danach müssen noch die Scart-Stecker und ein paar Kleinteile gelötet werden, bevor der Switch zusammengesetzt und auf seine Funktionstüchtigkeit geprüft werden kann. Dort lauerten anfangs die nächsten Probleme.

Keine Kompromisse bei der Bildqualität

Neben der Sicherheit ist die Bildqualität ein entscheidender Aspekt. Zu Beginn hatten sie das Problem, dass der Switch das Bild nicht sauber wiedergab. «Bei ‹Sonic 1› hat man es sehr gut am Schriftzug beim Startbildschirm gesehen. Es gab dann eine zusätzliche Linie.» Die beiden hatten verschiedene Vermutungen, was die Ursache dafür sein könnte. Und mit dem Eifer ambitionierter Bastler haben sie die neuen Bauteile direkt in den Mengen eingekauft, die sie für die nächste Produktion benötigten. Ohne Garantie, dass es damit funktionieren würde. «Welcher Fix genau geholfen hat, wissen wir nicht zu 100 Prozent, aber die Rechnung ist aufgegangen.»

Am Schluss wird alles sorgfältig zusammengesetzt.
Am Schluss wird alles sorgfältig zusammengesetzt.

Das blaue Modell, das sie mir zum Testen zur Verfügung gestellt haben, ist bereits die vierte Version. Ich habe daran einen Super Nintendo, den NES und einen Sega Mega Drive angeschlossen. Sind mehrere Konsolen gleichzeitig eingeschaltet, wird das Signal des am weitesten rechts eingesteckten Geräts gezeigt. Alternativ kann ich den Drehschalter benutzen, um zwischen den verschiedenen Konsolen hin- und herzuwechseln. Und dafür musste ich nur ein Kabel am Fernseher anschliessen. Dieser Komfort war die treibende Kraft für das Projekt, meint Christopher. «Du müsstest mal meine Stube sehen. Ich hab ein ganzes Regal mit Konsolen. Meinst du, ich habe Bock, immer hinters Regal zu klettern? Und dann weiss ich nie, welches Kabel zu welcher Konsole gehört.»

Auch in blau gibt es den Taxon Switch.
Auch in blau gibt es den Taxon Switch.

Den Switch haben die beiden gleichzeitig einem renommierten Blogger in den USA geschickt. Der hat das Gerät mit zwei Konkurrenzprodukten verglichen und Verbesserungspotential festgestellt. Bei allen neu hergestellten Einheiten wird das Feedback bereits umgesetzt. «Im Unterschied zur Konkurrenz ist unser Switch allerdings lieferbar», betont Samuel. Und zwar seit kurzem auch bei digitec.

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Philipp Rüegg
Philipp Rüegg

Senior Editor, Zürich

Als Game- und Gadget-Verrückter fühl ich mich bei digitec und Galaxus wie im Schlaraffenland – leider ist nichts umsonst. Wenn ich nicht gerade à la Tim Taylor an meinem PC rumschraube, oder in meinem privaten Podcast über Games quatsche, schwinge ich mich gerne auf meinen vollgefederten Drahtesel und such mir ein paar schöne Trails. Mein kulturelles Bedürfnis stille ich mit Gerstensaft und tiefsinnigen Unterhaltungen beim Besuch der meist frustrierenden Spiele des FC Winterthur.

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