

Die 10 häufigsten Gründe im Haushalt, weshalb Eltern den Giftnotruf wählen
Farbige Flüssigkeiten, bunte Tabs oder winzige Knopfzellen – Kleinkinder greifen nach allem, was interessant aussieht. Das kann gefährlich werden: Rund 40 Prozent der Beratungen bei Tox Info Suisse betreffen Kinder unter fünf Jahren.
«Einen kleinen Moment, ich habe gerade einen Notfall auf der anderen Leitung», heisst es nach wenigen Sekunden, als ich unter der für Medienanfragen angegebenen Telefonnummer bei Tox Info Suisse anrufe. Als hätte es noch eines Beweises dafür bedurft, wie gefragt und personell am Limit der Dienst ist.
44 736 Anfragen zu Vergiftungen hat der Dienst 2025 beantwortet, es werden von Jahr zu Jahr mehr. Über 40 Prozent davon betrafen Kinder im Vorschulalter. Die Jüngsten nehmen alles Mögliche in den Mund und selbst vorsichtige Eltern machen im Alltagsstress mal einen Fehler. Dann liegt ein Medikament offen herum oder ein Reinigungsmittel bleibt im Bad stehen – und schon ist es geschehen.
Ich möchte mehr darüber wissen, welche Gefahren im Haushalt unterschätzt werden. Weshalb die Menschen so häufig die rund um die Uhr erreichbare Notrufnummer 145 wählen und wie kritisch die Vorfälle sind. Einen kleinen Moment später nimmt man meine Fragen freundlich entgegen. Ein paar Tage später erhalte ich Zahlen, Links und vertiefende Informationen.

Quelle: Michael Restin
«Zum Glück verlaufen bei Kindern die meisten Unfälle mit Haushaltsprodukten recht harmlos», erfahre ich von der Leiterin des Auskunftsdienstes, Dr. med. Colette Degrandi. Es besteht selten Grund zur Panik, aber immer Klärungsbedarf.
Es ist wichtig, dass Betreuende von betroffenen Kindern im Zweifelsfall die 145 anrufen. Oft helfen einfache Massnahmen, um Schlimmeres zu verhindern.
Anrufen statt googeln
Also lieber einmal zu viel nachfragen, als mögliche Folgen zu unterschätzen. Wenn Eltern in Sorge um ihr Kind sind, können der erste Impuls oder gegoogelte Ratschläge die Situation sogar verschlimmern: «Versuchen Sie nicht, das Kind zum Erbrechen zu bringen», warnt Degrandi. «Rufen Sie uns an, damit wir Ihnen spezifische Anweisungen geben können, falls notwendig.»
Neben Medikamenten, die immer ausser Reichweite von Kindern aufbewahrt und aufgrund der Nachahmungsgefahr auch nicht vor ihren Augen eingenommen werden sollten, sind die häufigsten Gründe für die Anrufe an verschiedenen Stellen im Haushalt zu finden. Das sind die Top 10 aus dem aktuellsten Jahresbericht.
1. Reinigungs- und Pflegemittel
Ein Schluck Allzweckreiniger, ein Spritzer WC-Ente, ein Schreckensschrei und ein entsetztes Kindergesicht – so stelle ich mir die Situationen vor, die vielen Anrufen bei Tox Info Suisse vorausgehen. Kein Wunder: So manche Verpackung sieht fruchtig-frisch und die knallige Farbe interessant aus.
Viele Reiniger schäumen in Verbindung mit Wasser – Tox Info informiert dazu hier ausführlich. In jedem Fall solltest du anrufen, aber diese Punkte sind bei schäumenden Haushaltsprodukten wichtig zu wissen:
Nach Verschlucken:
- Kein Erbrechen auslösen
- Mund ausspülen
- Nach Rücksprache mit Tox Info Suisse kann ein Entschäumer gegeben werden, danach darf das Kind normal trinken.
- Wenn kein Entschäumer verfügbar ist: Das Kind für etwa ein- bis eineinhalb Stunden nur schluckweise und möglichst wenig trinken lassen.
- Falls das Kind erbricht: Es aufrecht und in leicht nach vorne geneigter Position halten, damit kein Schaum in die Atemwege gelangt.
Nach Augenspritzern:
- Gegebenenfalls Kontaktlinsen entfernen.
- Das Auge sofort mit sauberem, lauwarmem Wasser für zehn bis 15 Minuten ausspülen. Dabei die Augenlider gut offen halten. Das Wasser aus etwa zehn Zentimetern Entfernung vom inneren Augenwinkel nach aussen über das Auge fliessen lassen.
2. Luftverbesserer
Wer das Aroma des Windeleimers mit einem Raumduft überdecken will, holt sich eine weitere Gefahrenquelle ins Haus. Oder ins Auto, wo das lustige Duft-Männchen im Lüftungsschlitz sitzt. Allen aufgedruckten Warnzeichen zum Trotz führen Luftverbesserer häufig dazu, dass bei Tox Info die Hotline läutet. Die meisten Fälle verlaufen glücklicherweise glimpflich, aber ein Anruf ist in jedem Fall angebracht. Damit es nicht so weit kommt, stellst du solche Produkte nicht in die Reichweite von Kindern.
3. Spielzeug & Sportzubehör
Die dritte Kategorie ist breit gefasst und dürfte von Slime über Seifenblasen bis zu Cold Packs alles enthalten, was auslaufen, zerkaut oder verschluckt werden kann. Stellvertretend seien die Knicklichter genannt, da sie an kaum einer Geburtstagsfeier fehlen und auch mal kaputt gehen können.
Tox Info widmet den Knicklichtern, die aufgrund einer chemischen Reaktion im Dunkeln leuchten, einen eigenen Eintrag im Toxikon. Auch hier gilt: auf jeden Fall anrufen, aber ein paar Punkte sind nützlich zu wissen:
Nach Verschlucken:
- Kein Erbrechen herbeiführen
- Mund ausspülen
- Ein bis zwei Deziliter klare, fettfreie Flüssigkeit (z.B. Wasser, Sirup oder Tee) möglichst rasch trinken
- In manchen Fällen kann Milch, Joghurt oder Eiscrème (Rahmglacé) gegen das Brennen helfen
Nach Augenspritzern:
- Kontaktlinsen entfernen
- Das Auge sofort mit sauberem, lauwarmem Wasser für zehn bis 15 Minuten ausspülen. Dabei die Augenlider gut offen halten. Das Wasser aus etwa zehn Zentimetern Entfernung vom inneren Augenwinkel nach aussen über das Auge fliessen lassen.
4. Waschmittel & Co.
Alles, was für die Wäsche und Pflege von Kleidern gemacht ist, kann Kindern ebenfalls gefährlich werden. Eine Produktgruppe ist dabei besonders hervorzuheben: Liquid Caps. Diese Waschmittelkissen sehen aus wie riesige Bonbons und stehen, wenn es dumm läuft, im Badezimmerschrank unter dem Waschbecken.

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Persil Kapseln Color Discs
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Erfahrungen von Tox Info Suisse und anderen Tox-Zentren weltweit zeigen, dass Waschmittel-Caps ein erhöhtes Vergiftungsrisiko im Vergleich zu anderen marktüblichen Waschmitteln haben.
Dafür sorgen nicht nur die interessante Optik und die mundgerechte Grösse: Die Kissen enthalten hochkonzentrierte Flüssigwaschmittel. Zum Glück bleibt es laut Tox Info trotzdem in den allermeisten Fällen bei leichten, vorübergehenden Beschwerden. Das empfohlene Vorgehen entspricht dem oben bei Reinigungs- und Pflegemitteln genannten.
5. Andere Haushaltsprodukte
Eine Kategorie als Auffangbecken für alles, was in den meisten Wohnungen herumsteht und kleinen Kindern in den Mund gelangen kann. Von Kerzenwachs bis Kieselgel, von Blähton bis Blumenerde.
Viele davon stehen auf der «Keine Panik»-Liste von Tox Info Suisse und mehr als leichte Magen-Darm-Beschwerden droht kaum. Da die Menge das Gift und ein Anruf keine grosse Mühe macht, solltest du im Zweifel trotzdem nachfragen. Hat das Kind keine Vergiftungsanzeichen, aber Atemnot oder Schluckbeschwerden, muss es ohnehin schnell in medizinische Behandlung – notfalls mit der Ambulanz.
6. Entkalkungsmittel
Entkalker sind tückisch, weil sie nicht nur herumstehen, sondern mit Wasser verwechselt oder nach dem Einwirken im Gerät vergessen werden können. Sie enthalten zum Beispiel Amidosulfonsäure, Milchsäure oder Zitronensäure. Auch diese Unfälle gehen in der Regel glimpflich aus, ein klärender Anruf ist aber angebracht. Viel ätzender und damit gefährlicher sind Backofen-, Grill- oder Abflussreiniger. Glücklicherweise sind Unfälle damit deutlich seltener.
7. Batterien
Sie sind überall im Haushalt, oft sehr klein und für Kinder eine echte Gefahr: Batterien können auslaufen und besonders in Form kleiner Knopfzellen auch verschluckt werden. Deshalb solltest du dich nicht ärgern, wenn sich ihre Verpackung schwer öffnen lässt oder das Batteriefach des Kinderspielzeugs mit einer Schraube gesichert ist. Es ist besser so.


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Zwar gehen auch Unfälle mit verschluckten Knopfzellen laut Tox Info häufig gut aus und sie werden auf natürlichem Weg ausgeschieden. Bleibt eine Batterie jedoch in der Speiseröhre stecken, ist das ein lebensbedrohlicher medizinischer Notfall. Der Kontakt mit der feuchten Schleimhaut kann zu schweren Verätzungen führen. Besteht auch nur der Verdacht, dass ein Kind eine Batterie verschluckt hat, muss dieser sofort ärztlich abgeklärt werden.
Tox Info Suisse empfiehlt eine unverzügliche und notfallmässige Röntgenkontrolle zur Lokalisation der Knopfbatterie bei allen Kindern bis zwei Jahren, einem Batteriedurchmesser von mindestens 20 Millimetern und allen Kindern mit Symptomen. Diese können schwer zu deuten sein. Manche Kinder verweigern laut Tox Info Suisse plötzlich Essen oder Trinken, würgen, speicheln vermehrt oder wirken ungewöhnlich unruhig. Andere klagen über Schmerzen oder ein Druckgefühl hinter dem Brustbein. Teilweise treten leichte Atemwegsbeschwerden auf, sodass die Symptome einer Erkältung ähneln. Deshalb: Beim leisesten Verdacht anrufen und abklären, was passiert ist.
Damit Kleinkinder Batterien nicht verschlucken, sondern bei Kontakt mit der Zunge wieder ausspucken, arbeiten manche Hersteller mit Bitterstoffen wie Bitrex, der bittersten Substanz der Welt. Die oben verlinkten Knopfzellen von Duracell sind beispielsweise damit beschichtet, die Substanz steckt auch in manchen Reinigungsmitteln und Waschmittel-Pods.
8. Farb- und Filzstifte
Deutlich entspannter als bei Batterien kannst du in der Regel bleiben, wenn dein Kind Farb- oder Filzstifte angekaut oder anderweitig in den Mund genommen hat. Auf der «Keine Panik»-Liste stehen zum Beispiel Acrylfarben, Bunt-, Filz-, Wachsmal- und Glitzerstifte, Wassermalfarbe, Fingerfarbe oder Kreide.
Trotzdem rufen relativ viele Leute wegen entsprechender Fälle die 145 an – und das ist auch gut so.
9. Bodenreiniger
Bodenreiniger scheinen viel in Bodennähe zu stehen. Immerhin bekommen sie innerhalb der Reinigungsmittel eine eigene Kategorie. Auch Unfälle mit diesen Mitteln verlaufen glücklicherweise meistens harmlos, in der Jahresstatistik von Tox Info Suisse ist bei den nachverfolgten Krankheitsverläufen nur ein Fall mit mittleren Symptomen verzeichnet. Damit das so bleibt, gehören sie natürlich in einen Schrank, den Kinder nicht erreichen können.
10. Klebemittel
Pritt-Stift, Uhu und andere Kleber sind schon schwieriger von Kindern fernzuhalten, da sie beim Basteln und Malen einfach dazugehören. Es kommt vor, dass mal etwas davon in den Mund gelangt oder anderweitig zweckentfremdet wird. Auch bei diesen Vorfällen sind in der Statistik allenfalls leichte Symptome verzeichnet. Auf die leichte Schulter nehmen solltest du sie aber trotzdem nicht. Im Zweifel: 145 anrufen!
Was du im Notfall wissen musst
Damit dich die Fachpersonen von Tox Info Suisse optimal beraten können, solltest du folgende Angaben machen können, wenn du die 145 anrufst:
- Wer? Alter, Gewicht und Geschlecht der betroffenen Person
- Was? Angaben zu Substanzen, Produktnamen etc., die Ursache für den Anruf sind
- Wie? Wurde die Substanz geschluckt, eingeatmet, ist sie ins Auge gelangt etc.
- Wie viel? Schätze die maximal mögliche Menge ab
- Wann? Der Zeitpunkt bzw. die vergangene Zeit
- Was noch? Beobachtest du Symptome (Kopfschmerzen, Erbrechen …) und hast du schon irgendetwas unternommen?
Der UFI Code als Zusatzinfo
Chemische Produkte wie Reinigungsmittel, Farben oder Klebstoffe, die gesundheitliche oder physikalische Gefahren bergen, müssen in der Schweiz seit Januar 2026 den «Unique Formula Identifier» (UFI) tragen.

Quelle: Michael Restin
Damit fragen Fachleute schnell die genaue Zusammensetzung eines Produkts ab. Diesen 16-stelligen Code aus Buchstaben und Ziffern findest du auf dem Etikett gefährlicher chemischer Produkte.
Tox Info Suisse betont aber, dass schnelles Anrufen wichtiger ist – der Dienst könne auch helfen, wenn dieser Code nicht bekannt ist. Das beweist er Jahr für Jahr zehntausendfach.
Einfacher Schreiber, zweifacher Papi. Ist gerne in Bewegung, hangelt sich durch den Familienalltag, jongliert mit mehreren Bällen und lässt ab und zu etwas fallen. Einen Ball. Oder eine Bemerkung. Oder beides.
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