Auf einmal sesshaft
Reportage

Auf einmal sesshaft

Carolin Teufelberger
Zürich, am 25.08.2020
Bilder: Thomas Kunz
Keine echoverzerrten Sprüche. Keine lachenden Kinder. Kein «Final Countdown». Vier Monate lang fand wegen Corona keine Chilbi statt. Das Geschäft von Schausteller Heinz Fries nimmt jetzt langsam wieder Fahrt auf.

Der See glitzert. Boote schaukeln auf dem Wasser. Auf den Strassen herrscht Siesta-Stimmung. Nur auf einem kleinen Kiesplatz am Hafen geht’s rund. Dort dreht sich ein Oktopus mit kreischenden Kindern an den Armen im Kreis. Heinz sitzt in einem klimatisierten Häuschen, das eine bunt bemalte Unterwasserlandschaft mit Meerjungfrauen zeigt. Auf dem Kopf trägt er eine knallgelbe Sonnenbrille, um den Hals eine goldene Kette mit einem Autoscooter-Anhänger. Ein Relikt aus der Vergangenheit. «Links einsteigen, rechts aussteigen», klingt seine sich leicht überschlagende Stimme aus dem Lautsprecher. Es ist wieder Chilbi in Romanshorn am Bodensee.

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Noch immer keine finanzielle Unterstützung

«Wir haben hier zwar nur vier Fahrgeschäfte, aber es ist ein Anfang», sagt Heinz Fries, der die Chilbi organisiert und zwei seiner Karussells aufgebaut hat. Flankiert werden diese von einem Autoscooter und einem Spiegellabyrinth. Dass die bunten Lichter überhaupt angehen durften, ist im Jahr der grossen Corona-Pandemie bis jetzt ein Einzelfall. «Im März sind wir mit Sack und Pack zur ersten Veranstaltung in Sion gefahren. Nach Tag drei kam der Lockdown.» Seither stehen die meisten Fahrgeschäfte in grossen Hallen. Heinz kann nun immerhin ein paar kleine Chilbis in der Ostschweiz durchführen. Romanshorn, Frauenfeld, Kreuzlingen. Hier sind die Fallzahlen tief und die Behörden nach wochenlangen Diskussionen, unzähligen Telefonanrufen und einem Rundgang auf dem Areal bereit, die Erlaubnis zu erteilen. Die meisten anderen Schausteller aus anderen Kantonen warten noch darauf.

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Niemand weiss, wie mit der Krise umzugehen ist. Weder die Schausteller noch die Politik. Eine solche Situation ist für alle neu. «Wir Schausteller waren zu Zeiten der Schweinegrippe, ja sogar während der Weltkriege unterwegs.» Jetzt ist auf einmal Zwangspause angesagt. Alle Veranstaltungen sind abgesagt. Geld kommt keines rein. Auf Unterstützung vom Staat warten die Schausteller noch immer. «Fahrende und Reisende werden bis heute stigmatisiert. Dabei sind wir Schausteller Unternehmer, zahlen Steuern und AHV wie jeder andere», sagt Heinz merklich frustriert. Deshalb hat sich der Verband vor Kurzem auf dem Bundesplatz für eine Kundgebung versammelt. «Wir wollen zeigen, dass wir auch noch da sind.»

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Strahlende Gesichter von März bis Dezember

Mit der Chilbi aufzuhören wäre für Heinz unvorstellbar. Die Schaustellerei sei mehr Berufung als Beruf. «Ich arbeite beinahe durchgehend von März bis Dezember von früh bis spät an Chilbis in der ganzen Schweiz. Im Winter wird Buchhaltung gemacht, repariert und erneuert. Im Februar sind meine einzigen Ferien. Das machst du nicht als reiner Brotjob, das musst du lieben.» Vor allem das Lachen der Kinder, wenn sie auf dem Oktopus oder eines seiner anderen drei Fahrgeschäften ein paar Runden drehen, lässt ihm auch nach dreissig Jahren noch immer das Herz aufgehen. «Ich will, dass sich die Kinder freuen und dass Familien für ein paar Stunden den Alltag hinter sich lassen können.» Deshalb hat er den Autoscooter, den er jahrelang besass und der vor allem bei Jugendlichen beliebt war, verkauft und konzentriert sich seitdem auf eher familiäre Fahrgeschäfte wie Karussells.

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Seine eigene Familie hat Heinz oft um sich herum. Seine Frau Ruth führt die Fahrgeschäfte mit ihm zusammen. Die 25-jährige Tochter ist zwar hauptberuflich Chemielaborantin, hilft ihren Eltern an den Wochenenden aber regelmässig an der Chilbi. «Sie kennt es gar nicht anders, sie ist so aufgewachsen.» Ganz im Gegensatz zu Ruth. Sie wechselt erst durch Heinz ins Kassenhäuschen, bis dahin steht sie immer nur davor. «Ich habe die Chilbi schon als Kind geliebt. Jeden Rappen habe ich zusammengespart, um ihn für Bahnen und Süsses zu verjubeln.» Eine echte Chilbi-Liebesgeschichte also. «Nein, kennengelernt haben wir uns ganz klassisch im Ausgang», sagt Ruth und lacht.

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Sie hat Heinz unterdessen im Kassenhaus abgelöst. In der Rolle als Rekommandeurin heizt sie die Besucher mit kurzen Sprüchen an. Zwischendurch drückt sie auf ihrem Sampler ein paar Knöpfe. Mit einem Ausschnitt des Lieds «Final Countdown» läutet Ruth die letzte Runde für die Fahrgäste ein. In der momentanen Situation mutet das beinahe spöttisch, gar realsatirisch an. Doch Zeit zum Sinnen bleibt keine. Die nächsten Kinder warten schon. Für fünf Franken gibt’s einen blauen Chip. Einem kleinen Jungen gefällt der so gut, dass ihm Ruth ausnahmsweise einen schenkt. Der gekaufte wird beim Einsteigen von links Mitarbeiter Krzysztof in die Hand gedrückt. Dafür gibt’s von ihm neben Einstiegshilfe neuerdings auch ein paar Spritzer Desinfektionsmittel auf die Hand. Für die Kleinen scheint das schon total normal. Sie strecken Krzysztof die Hände entgegen, bevor er überhaupt etwas sagen kann.

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Schausteller sind auf andere Jobs angewiesen

Das Desinfizieren ist beinahe die einzige Massnahme, die von den Behörden für die Genehmigung verlangt wurde. «Die Chilbi ist so klein, dass es per se nicht zu riesigen Menschenansammlungen kommt. Und wenn wir doch an die Kapazitätsgrenze von knapp 300 Menschen stossen, dann haben wir Gitter, die die Wege vorgeben und die Leute auf verschiedene Bereiche verteilen», sagt Heinz. In jeder Badi habe es momentan mehr Leute auf engerem Raum. Viele Leute, auch Politiker, assoziierten die Chilbi mit Volksfesten wie der Olma oder der Basler Herbstmesse und stünden ihr deswegen momentan sehr kritisch gegenüber. «Dabei wollen wir einfach familiäre Veranstaltungen ohne Saufgelage, ohne Stress. Wir wollen unserer Leidenschaft nachgehen und Geld verdienen.» Wenn sich nicht bald etwas ändere, werde es bis zu 60 Prozent der Schausteller nächstes Jahr nicht mehr geben, schätzt Heinz. «Schon jetzt sind einige beim RAV gemeldet oder gehen anderen Jobs nach.»

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Heinz freut sich nicht darüber, Konkurrenten loszuwerden. Im Gegenteil. «Wir Schausteller sind eine grosse Familie. Klar mag man den einen lieber als den anderen, aber am Schluss schaut man doch immer zueinander.» Ruth ist Präsidentin des Schaustellerfrauenvereins und organisiert jedes Jahr ein grosses Fest für alle. Meistens im Dezember. Dann wird gegessen, getrunken, geredet. Für die Kinder gibt es kleine Geschenke in Form von Klaussäcken. «Wir alle lieben diese Arbeit, dieses Leben. Das schweisst uns zusammen.»

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Sesshaftigkeit ist für ihn auf Dauer nichts

Ein anderes Leben könnte sich Heinz nicht vorstellen. «Ein Nine-to-five-Job ist nichts für mich. Auch die Sesshaftigkeit liegt mir auf Dauer nicht. Ich vermisse meinen Wohnwagen.» Seit Beginn des Lockdowns wohnen Heinz und Ruth ununterbrochen in ihrem Haus in Kreuzlingen. Das erste Mal in ihrem Leben. «Uns fällt die Decke auf den Kopf. Irgendwann ist die Hütte auch zehnmal geputzt und der Rasen kahl gemäht», sagt Heinz. Er will raus, will den Menschen Freude bereiten. Wie ihm ergeht es den meisten Schaustellern. Sogar seine 80-jährige Mutter setzt sich noch ab und zu ins Kassenhaus und verkauft Fahrchips. «Sie hat zwar vor drei Jahren wegen Rückenproblemen aufgehört, kann aber nicht ganz ohne die strahlenden Kindergesichter leben. Ohne die kurzen Gespräche mit den Erwachsenen. Ohne all diese Lebensfreude um sich herum.»

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In einem normalen Jahr wären Heinz und Ruth im Juni durchs Engadin getuckert und dann für die ganzen Seenachtsfeste rund um den Bodensee zurück in die Ostschweiz gefahren. Auf das Fest in Arbon freut er sich jedes Jahr besonders. «Unsere Wohnwagen stehen direkt am See. Um fünf Uhr morgens schaue ich mir mit einer Tasse Kaffee in der Hand den Sonnenaufgang über dem Wasser an.» Das seien die wenigen ruhigen Momente während der Saison. Ansonsten geht’s von früh bis spät rund. «Der Schlaf kommt etwas zu kurz, aber den kann ich ja im Winter nachholen», erzählt Heinz.

Freundschaften mit der Dorfgemeinschaft

Nachteile sieht Heinz am Leben unterwegs keine. «Ich kenne die ganze Schweiz, komme immer wieder in wunderschöne Regionen und ich knüpfe Kontakte mit den Leuten aus den Dörfern.» Mit der Zeit entstehe so eine richtige Verbundenheit. «An der Chilbi in Davos kam vor Jahren das erste Mal ein kleiner Knirps vorbei, der gleich nebenan wohnte. Seither war er jedes Jahr wieder da. Ich sah ihn aufwachsen, sah ihn das erste Mal mit einer Freundin. Unterdessen ist er verheiratet, hat selbst zwei Kinder und ruft immer noch regelmässig bei mir an.» Auch die Erziehung der eigenen Tochter fügt sich gut ins Schaustellerleben ein. Als Kleinkind ist sie immer im Wohnwagen dabei. Als sie ins schulpflichtige Alter kommt, bleibt sie mit der Mutter die Woche über in Kreuzlingen. Freitagnachmittags fährt Ruth jeweils mit ihr an die Chilbi, an der Heinz seit Tagen die Stellung hält, und sonntags geht’s wieder zurück nach Kreuzlingen. «Früher gingen die Kinder einfach in dem Dorf, in dem gerade Chilbi war, zur Schule», sagt Heinz.

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Heute bereiten dem Schausteller die steigenden Gebühren Kopfzerbrechen. «Alles wird separat verrechnet: Wasser, Strom, Abfall, Platzkosten. Hinter jeder Kostenstelle steht ein anderer Betrieb, der natürlich Geld verdienen will. Die Kosten sind in den letzten Jahren explodiert.» Der Stellenwert der Chilbi als Unterhaltungsmedium ist dafür gesunken. «Früher gab’s das Kino und die Chilbi. Jetzt gibt’s Games, Soziale Medien, Netflix, die alle um die Aufmerksamkeit der Leute buhlen.» Die grössten Auswirkungen auf den Erfolg hat aber seit jeher das Wetter. Bei Regen kommt niemand. Auch wenn’s zu heiss ist, bleiben tagsüber viele Leute weg. So wie heute. Erst gegen Abend füllen sich die leeren Bahnen. «Wir sind zwanzig Minuten hergefahren, weil wir auf SRF von der Chilbi gehört haben. Wir wollten unseren zwei Töchtern etwas Spezielles bieten, vor allem jetzt, wo wir fast nur zu Hause sind», sagt ein Vater am kleinen Kinderkarussell.

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Speziell ist die Chilbi-Stimmung. Die vielen blinkenden Lichter, die nach Sonnenuntergang erst so richtig zur Geltung kommen, überfordern die Augen fast ein wenig. Die Rekommandeure animieren die Besucher, ihre Stimmen verschwinden im Echo. Die Sprüche sind gespickt mit «Gügeli», auch Samples genannt. Luftgewehre knallen irgendwo an einem Wagen im Eck, neonfarbene Plüschtiere werden als Zeichen der Treffsicherheit stolz über das Areal geschleppt. Auf der anderen Seite sitzt der Autoscooterbetreiber lässig auf der Lehne eines Fahrzeugs und parkt es am Rand. Die Kindergesichter sind von Softeis-Spuren gezeichnet. Alles hier schreit nach Spass. Sich dieser Stimmung zu entziehen, ist schier unmöglich.

Für die Schausteller ist klar: Das darf nicht verloren gehen. Der letzte Countdown ist noch nicht heruntergezählt.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger

Editor, Zürich

Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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