Wie schädlich ist der Plastiksack wirklich?
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Wie schädlich ist der Plastiksack wirklich?

Simon Balissat
Zürich, am 26.11.2019

Wenn am Black Friday in unseren Shops tausende von Plastiktaschen gefüllt über den Tresen gehen, fühle ich mich schlecht dabei. Die sind doch scheisse für die Umwelt und gehören verboten! Stimmt das aber wirklich?

Die landläufige Meinung besagt: Plastik ist umweltschädlich, da es nur sehr langsam natürlich abbaubar ist. Die EU will daher bis ins Jahr 2021 Plastikteller, Strohhalme und andere Wegwerfprodukte aus Kunststoff verbieten. 80 Prozent des Abfalls in den Weltmeeren ist Plastikmüll, so das Argument. Der Verschmutzung will die EU mit dem Verbot entgegenwirken. Anders die Schweiz: Sie macht beim Plastikverbot nicht mit. Zurecht, sagt Rainer Bunge, Professor für Umwelttechnologie an der Hochschule für Technik in Rapperswil. Bunge ist Spezialist für Recycling und Abfall. «Verbote sind der falsche Weg in der Schweiz. Bei uns funktioniert das Abfallsystem besser als in den meisten anderen Ländern», sagt Bunge. Das, obwohl in der Schweiz ein Grossteil des Plastiks nicht wiederverwertet wird, sondern in der Kehrichtverbrennung (KVA) landet.

Ist das kein Widerspruch? «Nein», sagt Bunge. «Die KVA generiert Fernwärme, die unsere Häuser heizt. Sonst würden diese Aufgabe umweltschädliche Ölheizungen übernehmen». Ein Verbot von Plastik würde damit höchstens dem Littering vorbeugen. Das ist in der Schweiz im Vergleich zum Ausland eine Randerscheinung. «In der Schweiz ein Plastikverbot durchzusetzen wäre eine Bankrotterklärung an die Abfallwirtschaft», ist Bunge überzeugt.

Abfallsünder Deutschland

«Deutschland trennt diversen Plastikmüll, verwertet diesen dann aber nicht. Der Müll landet viel eher als Export in Schwellenländern, die einen kleinen Teil wiederverwerten und den Rest auf Müllhalden oder ins Meer schütten», sagt der Recyclingexperte. Deutschland müsste sich viel eher an der Schweiz ein Vorbild nehmen, wo Müll zwar weniger exakt getrennt, dafür aber nach modernsten Standards verbrannt wird.

Weniger Plastik im Alltag zu verwenden, macht durchaus Sinn. Plastiktüten für den einmaligen Gebrauch sind unsinnig und ein Verbot daher verständlich, gibt auch Abfallexperte Bunge zu. Sobald du Plastiksäcke aber mehrmals verwendest, fährst du in Sachen CO2- und Wasserverbrauch weit ökologischer als etwa mit Jute. Der Anbau und die Verarbeitung der pflanzlichen Rohstoffe hat den weit grösseren ökologischen Fussabdruck als die Herstellung der Plastiktüte. Papier liegt irgendwo dazwischen.

Vermüllter Strand in Afrika
Vermüllter Strand in Afrika

Vorreiter Ruanda

Der schlechte Ruf von Plastik lässt sich vor allem auf die Unmengen an Plastikmüll in den Weltmeeren zurückführen. 86 Millionen Tonnen Plastik schwimmen laut WWF im Meer. Jede Minute kommt ein ganzer Müllwagen Plastik hinzu. Hauptverursacher der Müllkatastrophe sind Länder in Südostasien, die keine geordnete Müllentsorgung haben. Der Abfall landet auf Müllhalden oder im Meer. In solchen Ländern seien Plastikverbote daher angebracht, meint Bunge. Umweltverträgliche und biologisch abbaubare Alternativen zu Plastik nützen dort am meisten, wo er nicht ohnehin verbrannt wird, sondern auf der Halde oder im Müll landet.

Dass Verbote funktionieren, wie das Beispiel Ruanda zeigt. Das ostafrikanische Binnenland hat Plastiktüten vor über zehn Jahren verboten und gilt damit als Vorreiter. Staatlich verordnetes Umweltbewusstsein scheint zu funktionieren. Auf den Strassen der Hauptstadt Kigali ist kaum Müll zu sehen, die Einkäufe landen in Papiertüten. Vor zwei Jahren hat Kenia nachgezogen. Plastiksündern drohen hohe Geld- und Gefängnisstrafen.

So weit muss die Schweiz nicht gehen, da Plastik tatsächlich ein kleines Problem ist. Du kannst beim Black Friday deine Einkäufe also ohne schlechtes Gewissen im Plastiksack abholen – sofern du den Sack danach ein paar Mal benutzt.

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Als ich vor über 15 Jahren das Hotel Mama verlassen habe, musste ich plötzlich selber für mich kochen. Aus der Not wurde eine Tugend und seither kann ich nicht mehr leben, ohne den Kochlöffel zu schwingen. Ich bin ein regelrechter Food-Junkie, der von Junk-Food bis Sterneküche alles einsaugt. Wortwörtlich: Ich esse nämlich viel zu schnell. 


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