Du bist nicht mit dem Internet verbunden.
Galaxus Logo
Knowhow Fotografie615

«Wenn die Sonne lacht, nimm Blende acht!» – eine Eselsbrücke für Esel

Woher dieser Spruch kommt, was er bezweckt, und vor allem: Warum er nichts taugt.

Der Merksatz ist eine der meist nachgeplapperten Fotografie-Weisheiten. Aber in der Zwischenzeit sollte sich herumgesprochen haben, dass etwas noch lange nicht wahr ist, nur weil es sich reimt. Ich halte die Eselsbrücke im heutigen Zeitalter für Quatsch.

Welche Blende für dein Foto ideal ist, hängt von zahlreichen Faktoren ab:

  • Wie viel Tiefenschärfe du willst. Eine offene Blende ergibt eine geringe Tiefenschärfe und lässt den Hintergrund verschwimmen. Eine geschlossene Blende bildet den grössten Teil des Bildes scharf ab.
  • Damit zusammenhängend: Wie nahe du am Motiv bist und wie weit dieses vom Hintergrund entfernt ist. Makro-Aufnahmen mit offener Blende kommen selten gut. Die Tiefenschärfe ist so gering, dass kaum noch etwas zu erkennen ist.
  • Welche Belichtungszeit du brauchst. Beispiel: Ein Vogel im Flug benötigt Verschlusszeiten von 1/2000 Sekunde oder noch weniger, damit er scharf abgebildet wird. Das braucht extrem viel Licht, also auch bei Sonnenlicht eine offene Blende. In solchen Fällen macht es kaum Sinn, die Blende manuell zu wählen – sie hat sich gefälligst deiner Verschlusszeit anzupassen.
  • Ob du Bokeh-Effekte oder Blendensterne kreieren willst.
  • Wie viel Licht dir zur Verfügung steht.

Der Spruch «Wenn die Sonne lacht, nimm Blende acht» berücksichtigt nur gerade den letzten Faktor. Und der wird mit dem technischen Fortschritt immer weniger wichtig.

Blende 10 ist kleiner als Blende 8, aber hier immer noch zu gross: Schon die Härchen des Insekts sind nicht mehr scharf. Die Tiefenschärfe ist auf diese Distanz zu gering.
Die Belichtungszeit beträgt hier 1/8000 Sekunde. Blende 8 hätte in diesem Fall zu wenig Licht gegeben.

Woher kommt der Spruch?

Vor dem digitalen Zeitalter, also als die Welt noch mit Film fotografierte, war die ISO-Empfindlichkeit durch den Film festgelegt und meist sehr tief. Der Fotograf konnte die Empfindlichkeit nicht hochschrauben, wenn zu wenig Licht vorhanden war.

Wenn umgekehrt sehr viel Licht vorhanden war, konnte er keine allzu grosse Blende verwenden, weil viele frühere Kameras nicht so kurz belichten konnten wie heutige Geräte. Eine offene Blende hätte im Sonnenlicht auch bei tiefer ISO zu Überbelichtung geführt.

Daher war der Zusammenhang zwischen Lichtmenge und Blende früher viel wichtiger als heute. Der mittlere Bereich um Blende 8 als grobe Faustregel war sinnvoll, auch wenn schon damals je nach Situation eine andere Blende gefragt sein konnte.

Der mittlere Bereich um Blende 8 herum hat darüber hinaus einen noch heute gültigen Vorteil: Die meisten Objektive sind mit dieser Einstellung am schärfsten. Mit ganz offener oder ganz geschlossener Blende weisen sie leichte Schwächen in der Abbildungsleistung auf.

Fazit: Spreng die Eselsbrücke

Starre Regeln bei der Fotografie zwingen dich in ein Korsett. Im Fall von «Wenn die Sonne lacht, nimm Blende acht» ist das Korsett nicht nur besonders eng, sondern auch sinnlos. Es bietet nicht einmal einen ungefähren Anhaltspunkt, sondern hält dich lediglich davon ab, die Blende richtig anzuwenden.

Diese Beiträge könnten dich auch interessieren

Das brauchst du für die <strong>Makro-Fotografie</strong>
KaufratgeberFotografie

Das brauchst du für die Makro-Fotografie

Alle Foto-Kurztipps in der Übersicht
KnowhowFotografie

Alle Foto-Kurztipps in der Übersicht

Avatar

David Lee, Zürich

  • Senior Editor
Durch Interesse an IT und Schreiben bin ich schon früh (2000) im Tech-Journalismus gelandet. Mich interessiert, wie man Technik benutzen kann, ohne selbst benutzt zu werden. Meine Freizeit ver(sch)wende ich am liebsten fürs Musikmachen, wo ich mässiges Talent mit übermässiger Begeisterung kompensiere.

6 Kommentare

3000 / 3000 Zeichen
Es gelten die Community-Bedingungen

User ch4ot

Bei Mensch und Tier, nimm Blende vier, wird dann wohl der nächste Artikel? :)

06.05.2019
User David Lee

Gute Idee! Oder vielleicht «Wenn die Sonne lacht, nimm Blende zwei Komma acht.»

06.05.2019
Antworten
User Cairns11

Die Bereiche um Blende 8-11 sind bei den meisten Objektiven die schärfsten. Vor allem bei Landschaftsaufnahmen, wen es sonnig ist, will die maximale Schärfe erreicht werden, d.H. man benutzt Blende 8.

06.05.2019
User holler

Korrekt, kenne dein Objektiv und dann wähle deine Blende :)

06.05.2019
User Anonymous

Ganz so generell würde ich das jetzt nicht Unterschreiben. Es kommt sehr auf das Objektiv an. Für Landschaft lohnt sich auch ein Rechner auf dem Handy damit man so ungefähr weis von wo bis wo es scharf ist auf die entsprechende Distanz. Eine grosse Blendenzahl macht das Bild zwar über eine grösser Distanz schärfer dafür aber sinkt je nach Blendenzahl dann die Durchschnittsschärfe(mehr im Bild ist scharf dafür aber nicht mehr ganz so knack scharf). Darum wie Holler sagt kenn dein Objektiv jedes ist wieder ein wenig anders da die Objektive nicht 100 Prozent gleich justiert sind.

06.05.2019
Antworten
User dbaechli

Mich nerven Kameras, die Batterien benötigen - entweder finde ich das Ladegerät, oder die Akkus nicht, oder sie sind leer, oder ich weiss nicht, wo die Speicherkarte ist.. Daher fotografiere ich in letzter Zeit wieder öfters mit Film und rein mechanischen Kameras.

Gerade bei Schwarzweissfilm verwende ich öfters Sunny 16 als Ausgangslage. Von dort passe ich entsprechend an, ob ich mehr oder weniger Blende will, resp. ob es einer schnelleren oder langsameren Belichtung bedarf, oder ich den Sweet Spot der Linse ausnutzen will.. Durch den gekoppelten Ring für Blende/Zeit hat man immer das entsprechende Äquivalent für Sunny 16, resp. man lernt, Licht und Situation zu beurteilen, und bei Bedarf auch mal ein paar Blenden runter oder raufzudrehen, die Zeit entsprechend gewünschtem Resultat, oder eben den Lichtverhältnissen, anzupassen und zu kompensieren. Zwischendurch messe ich zur Kontrolle mit einer Handy-App, oder einem Belichtungsmesser nach.

Der meiste Schwarzweissfilm hat genügend Spielraum, so dass mal eine Blende mehr, oder weniger, kein Problem ist; man kann genügend Info aus den Negativen heraus holen..

Mit einer digitalen Kamera kann man das auch sehr gut mal eine Zeit lang selber üben. Da man direkt das Resultat kontrollieren kann, lernt man auch, wenn man der digitalen Kamera mal andere Werte eingeben muss, weil die Belichtungsmessung auch dort nicht immer 100 % über alle Zweifel erhaben ist..

06.05.2019