Warum eigentlich hat’s auf Rollmetern kleine schwarze Diamanten?
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Warum eigentlich hat’s auf Rollmetern kleine schwarze Diamanten?

Carolin Teufelberger
Zürich, am 25.04.2022

Mit dem Rollmeter lassen sich Distanzen messen. Und es lässt sich nach getaner Arbeit schnell wieder einziehen. Alles klar soweit. Aber was eigentlich bedeuten die schwarzen Diamanten, die sich auf einigen Modellen finden?

Das Rollmassband erinnert mich noch heute an den Bälleliweitwurf im Turnunterricht. Ich war nicht schlecht (im Gegensatz zum Geräteturnen), musste dafür aber auch an Wochenenden mit meinem Vater auf dem Sportplatz üben. Ihm war es wichtig, dass ich den Ball nicht «wie eine Flasche (Anm. d. Red.: Weichei)» werfe, sondern in schönem Bogen mit gestrecktem linken Arm. Die Distanz wurde stets mit einem orangenen Richter-Massband gemessen.

Diese Zeiten sind längst vorbei. Heute nutze ich Massbänder nur noch gelegentlich, um Distanzen über zwei Meter – also wenn der Doppelmeter nicht mehr greift – zu bestimmen. Dabei habe ich erst kürzlich bemerkt, dass auf meinem Rollmeter in regelmässigen Abständen rautenförmige Markierungen abgebildet sind.

Warum eigentlich?

Eine Antwort, aber keine Lösung

Ich habe bei Stanley Tools nachgefragt, wo sich eine Mitarbeiterin des Kundendienstes meiner Frage annimmt. «Die schwarzen rautenförmigen Markierungen werden durch ihre Form auch als Diamanten bezeichnet. Sie tauchen im Abstand von rund 20 Zentimetern auf einigen Massbändern auf.» Schon hier wird’s schwierig. Auf meinem Massband sind die Abstände auf der Zollskala eingezeichnet und kommen knapp alle 19,2 Zoll vor, was 48,76 Zentimetern entspricht. Auf meinem Doppelmeter hingegen ist alle 22 Zentimeter eine Raute eingezeichnet.

Markierung zwei auf meinem Doppelmeter.
Markierung zwei auf meinem Doppelmeter.

Vielleicht passt die Antwort hierfür: «Bei diesen Abständen handelt es sich um sogenannte Traversen, wie Querbalken oder Stützbalken einer Zimmerwand. Die Diamanten markieren den Abstand zweier Traversen, wodurch Handwerker ohne rechnen zu müssen erkennen, wo sich Balken befinden und wo sie bohren können.»

Mit den Diamanten lässt sich also herausfinden, wo du besser nicht bohren solltest, wenn du die Statik des Hauses nicht zerstören willst, sagt der Hersteller. Dieselbe Antwort erhalte ich auch von der OBI E-Commerce GmbH und einer Google-Suche, die mich auf einen Artikel von Focus führt.

Rätsel – zumindest für den Doppelmeter – gelöst, könnte man meinen. Zur Überprüfung dieser These zeige ich einem befreundeten Architekten die Antwort von Stanley Tools. Seine ernüchternde Reaktion:

«Das Wort Stützbalken habe ich noch nie gehört, du meinst Pfosten?», sagt er dazu, als ich ihm die Antwort zeige. «Und 20 Zentimeter erscheinen mir viel zu nah für eine übliche Unterkonstruktion aus Holz.» Ich hake also bei Handwerkern und dem Verband Holzbau Schweiz nach.

Niemand weiss es. Keiner der angefragten Handwerker benutzt diese schwarzen Diamanten im Arbeitsalltag. Entweder die Markierungen haben echt gar keinen Nutzen oder aber ganz vielen Menschen ist bisher eine grossartige Hilfestellung entgangen.

Handwerker merken sich die Abstände

Dann sattle ich das Pferd eben von hinten auf und frage bei der Marco Bonardi Gipser AG nach, mit welchen Abständen sie denn im Trockenbau arbeiten. «Bei der Unterkonstruktion in der Wand haben die Pfosten einen Abstand von 62,5 Zentimetern, in der Decke einen von 50 Zentimetern und bei speziellen Brandschutzkonstruktionen einen von 31 Zentimetern. Hilfsmittel brauchen wir für die Abstandbestimmung nicht, nach einer Weile im Beruf wissen wir einfach, dass der erste Pfosten bei 62,5, der zweite bei 125, der dritte bei 187,5 Zentimetern steht.»

Damit wäre immerhin die Traversen-Antwort raus. Weder der Doppelmeter mit den 22 Zentimetern noch das Massband mit den 19,2 Zoll ergeben im Schweizer Trockenbau Sinn. Was aber bedeuten die Rauten denn? Diese Frage ist noch immer offen.

Noch einmal zurück zu einem anderen Hersteller.

«Rautenmarkierungen kann ich bei unseren Massbändern und Massstäben nicht sehen!» Das ist die kurze Antwort der Bayrischen Massindustrie (BMI). Ist also auch eine Sackgasse. Das lässt mich zum Äussersten schreiten: Ich öffne einen Thread in einem Heimwerkerforum:

Nicht mal dort bekomme ich eine zufriedenstellende Antwort. Einige User beziehen sich auf das Google-Ergebnis mit den Traversen, andere finden die Rauten auf ihren Modellen erst gar nicht. Wiederum andere wollen einfach meine Antworten hören, sobald ich sie gefunden habe.

Born in the USA

Zurück auf Anfang. Ich streife erneut durchs Internet, schaue mir die Verfasser der Traversen-Antworten an und nehme die Hersteller von Rollmetern mit Rauten noch einmal unter die Lupe. Die Ursprünge lassen sich in den meisten Fällen in die USA zurückverfolgen, auch bei meinem Modell von Birzman. Langsam dämmert es mir: Es geht um amerikanische Masse und Bauweisen. Deren Traversen sind gemeint.

In den USA ist die Standardgrösse einer Gipsplatte für den Trockenbau 8 Fuss (2,43 Meter) lang. Um die Platte zu befestigen, braucht’s eine Pfostenkonstruktion. Wählt man dabei einen Abstand von 19,2 Zoll (48,76 Zentimeter) zwischen den einzelnen Pfosten, so kommt man genau auf sechs, weshalb sich der Abstand als ein Standard durchgesetzt hat. Auch 16-Zoll-Abstände werden verwendet, damit kommt man genau auf sieben Pfosten pro Gipsplatte.

Die Odyssee um mein Massband ist vorbei, das Rätsel ist gelöst – und bringt Heim- und Handwerkern hierzulande genau null Vorteile. Aber was ist mit dem Doppelmeter? Steckt da immerhin was Hilfreiches dahinter? Meine Hand würde ich für die Antwort nicht ins Feuer legen, aber in einem Handwerkerforum bin ich über die Aussage gestolpert, dass es sich dabei um Elemente der fotoelektronischen Masskontrolle handelt. Es gehe dabei weniger, um die genauen Abstände als darum, dass sich die Rauten auf jedem Glied an einem anderen Ort befinden, damit kontrolliert werden kann, ob die Reihenfolge der Glieder stimmt.

Doch noch was Hilfreiches

Damit du dich nun nicht völlig entmutigt und unbefriedigt aus diesem Artikel klickst, gibt’s noch was Handfestes zum Schluss. Ein Rollmeter hat auch Eigenschaften, die du tatsächlich nutzen kannst. Zum Beispiel hat der metallene Anschlagwinkel vorne ein Loch, das beim Messen hilft. Hast du nämlich niemanden, der die eine Seite des Werkzeugs hält, kannst du einen Nagel durch das Loch schlagen und so die Distanz messen. Ausserdem ist der Winkel oft geriffelt, was einen Stift ersetzen soll. Hast du keinen zur Hand, kannst du das Plättchen ein paar Mal hin und her schieben, um so eine Markierung zu hinterlassen.

Messen des Aussenmasses.
Messen des Aussenmasses.

Dass der Anschlagwinkel wackelt, ist übrigens kein Fehler, sondern lässt genaue Aussen- und Innenmessungen zu. Willst du das Aussenmass haben, liegt der Nullpunkt innerhalb des Anschlagwinkels (er wird also nicht mitgezählt). Beim Innenmass wiederum zählt der Winkel mit, dementsprechend muss sich das Band um wenige Millimeter verschieben können.

Für exaktes Arbeiten ist das Wissen um solche Kniffe unerlässlich. Für Würfe im Turnunterricht aber kannst du getrost auf sie verzichten. Und auf die schwarzen Rauten musst du schon gar nicht achten – ausser natürlich, du wanderst bald in die USA aus, um dir dort deinen Traum vom Eigenheim zu erfüllen.

Warum eigentlich bleibt der Zeiger der Bahnhofsuhr kurz stehen? Warum gibt’s im Kino Popcorn? Und warum darf Trinkglas nicht ins Altglas? Der Alltag hält viele Rätsel bereit, die ich in unregelmässigen Abständen zu lösen versuche. Hast auch du eine brennende Frage, aber keine Zeit zum Recherchieren, dann schick sie mir per Mail. Ich mache die Drecksarbeit gerne.

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Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.


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