Schweissen lernen: viel Theorie und ein wenig Praxis

Schweissen lernen: viel Theorie und ein wenig Praxis

Carolin Teufelberger
Zürich, am 21.10.2020
Mit Holz habe ich schon einiges angestellt. Jetzt ist Metall dran. Ich will schweissen lernen, um eigene Möbel zu bauen. Schritt 2: der Kursbesuch.

Der Tag ist da: Heute findet mein Schweisskurs statt. Meinen Gemütszustand würde ich als freudig nervös beschreiben. Werde ich alles hinkriegen? Und was sind da wohl für Leute? Um 12 Uhr finde ich es heraus. In einer dicken Jacke und festen Lederschuhen gehe ich zügig der Limmat entlang bis zum Jugendkulturhaus Dynamo. Ich habe meine Maske zu Hause vergessen und musste notfallmässig im Migrolino-Tankstellenshop ein Einwegmodell holen, weshalb ich leicht in Verzug bin.

Sieben weitere Leute wollen sich in Metallbearbeitung üben. Mehr dürfen momentan nicht am Kurs teilnehmen. Die Gruppe ist heterogen, von jung bis ein wenig älter, von total unerfahren bis Halbprofi ist alles dabei. Die Projektideen reichen von Feuerholzaufbewahrungslösungen über Tischbeine bis zu einem Tropfblech für die eigene Zapfanlage. Meine Schwarzblech-Regalsystem-Idee scheint im Vergleich einen eher hohen Materialaufwand zu fordern, doch davon lasse ich mich nicht entmutigen. Zu Beginn ist Theorie angesagt.

Theoretisch würde ich lieber praktisch arbeiten

Der Kursleiter, gelernter Metallbauer, zeigt uns den Maschinenpark: die Blechschere, die Walzenrundbiege, die Abkantmaschine, den Sandstrahler, den Plasmaschneider, die Bandsäge und den Bandschleifer. An jeder Station dürfen ein paar Freiwillige das Gerät ausprobieren. Fragen sind ständig erlaubt. Diese Möglichkeit wird rege genutzt, auch für hypothetische Szenarien wie das Biegen einer Röhre mit acht Metern Durchmesser. Falls hobbymässig eine Kanalisation verlegt werden soll, nehme ich an. Zwischendurch zeigen sich meine Ungeduld und kurze Aufmerksamkeitsspanne. Ich gehöre eher zum Typ «Trial and Error», stundenlange Theorie fordert mich. Nichtsdestotrotz ist mir deren Wichtigkeit bewusst, also höre ich zu, stehe mir die Beine in den Bauch und trinke in der kurzen Pause einen Cappuccino, bis endlich das Schweissen dran ist.

Mit der Abkantmaschine biegst du Bleche in einem gewünschten Winkel.
Mit der Abkantmaschine biegst du Bleche in einem gewünschten Winkel.

Beim ersten Anblick erinnert mich die Schweissanlage an das Heliumgerät eines Ballonkünstlers. Statt süsser Tiere gibt’s hier netzhautverbrennendes Licht, Elektrizität und Schutzgas. Schon die reinen Worte flössen mir Respekt ein. Der Kursleiter zeigt uns perfekte, gute und schlechte Nähte. Dann sind wir dran. Mal schauen, ob ich aufgepasst habe.

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Fast erstickt, trotzdem schlecht

Der Strom läuft, das Schutzgas ist an, die Minuspolklemme ist am Metalltisch fixiert. Als Pluspol fungiert der Schweissdraht, der mit einer festgelegten Geschwindigkeit aus der Düse heraustritt. So ist der Stromkreis nur geschlossen, wenn der Draht das zu schweissende Metall berührt. Drücke ich den Abzug des Schweissgerätes irgendwo in der Luft, tritt lediglich mehr Draht hervor. Ich ziehe mir einen Schutzhelm über, dessen Visier automatisch abdunkelt. So kann ich erkennen, wo ich das Schweissgerät anbringe. Die Düse mit dem hervorstehenden Draht setze ich in einem 45-Grad-Winkel auf dem Stück Blech auf. Dann heisst es Luft anhalten, sonst wird die Naht uneben. Wird sie ohnehin. Ich bleibe ein paar Mal am Blech hängen, was den gleichen Effekt haben wie das Heben und Senken des Brustkorbs. Ausserdem ziehe ich das Gerät viel zu schnell, sodass zu wenig Material aufgetürmt wird.

Ich bin unzufrieden mit meinen Nähten, während im Hintergrund bei gefühlten -10 Grad gebadet wird.
Ich bin unzufrieden mit meinen Nähten, während im Hintergrund bei gefühlten -10 Grad gebadet wird.

Doch ich bin lernfähig und so werden meine Nähte immer besser. Ich versuche mich sogar an einer Kehlnaht, also einer Schweissverbindung eines 90-Grad-Winkels, welche schon ein wenig anspruchsvoller in der Ausführung ist. Ich fühle mich immer sicherer, bekomme richtig Spass an der Arbeit. Ich zeige dem Kursleiter meine Regal-Idee im Detail, um mir wertvolle Tipps abzuholen. Ich bin froh über meine Entscheidung, da er mir gleich als Erstes sagt, dass die einzelnen Regale über 50 Kilogramm wiegen werden. Ich habe das Gewicht von drei Millimeter dickem Stahlblech komplett unterschätzt. Er rät mir, die Einlegeböden nicht fix zu verschweissen, sondern nur Halterungen anzubringen, auf die ich die Schwarzblechplatten lege. Das scheint mir für den Transport und zukünftige Umzüge vernünftig. Dennoch warte ich mit der Bestellung des Materials, um alles noch einmal durchzudenken. Bei der Anschaffung respektive beim Bau von Möbeln bin ich sehr zögerlich und muss vom Design komplett überzeugt sein.

Ein Teil meiner mal besseren, mal schlechteren Versuche.
Ein Teil meiner mal besseren, mal schlechteren Versuche.

Jetzt muss ich mir alles nur noch merken

So übe ich noch ein wenig weiter und diskutiere mit den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, bis die sechs Stunden um sind. Ich habe heute viel über die Metallbearbeitung gelernt, mich vielen mir unbekannten Maschinen angenähert und das Verhalten von dünnem Stahl beobachtet. Mir ist klar, dass ich bald wiederkommen und selbstständig im Werkbereich arbeiten muss, damit ich all das nicht gleich wieder vergesse, sondern verinnerliche. Wahrscheinlich mit gelegentlicher Hilfe der Aufsichtspersonen.

Im nächsten Schritt bestelle ich bereits zugeschnittenes Schwarzblech und beginne mit meinem ersten Regal. Dann wird geschliffen, geschweisst und sehr wahrscheinlich ein wenig geflucht.

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Carolin Teufelberger
Carolin Teufelberger
Editor, Zürich
Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Dinge kennenzulernen und zu erlernen. Neue Erfahrungen lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.

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