Warum eigentlich dürfen Trinkgläser nicht ins Altglas?
HintergrundHaushalt

Warum eigentlich dürfen Trinkgläser nicht ins Altglas?

Carolin Teufelberger
Zürich, am 22.02.2022

Bierflaschen, Konfigläser, Parfümfläschchen: Über 90 Prozent des Verpackungsglases wird in der Schweiz rezykliert. Kaputte Weingläser hingegen müssen in den normalen Hausmüll. So weit, so unverständlich für viele Laien. Den Unterschied macht Blei – und Geld.

Ein sonniger Dienstagmittag im Herbst. Auf dem Weg zum Einkaufen mache ich an der Altglasentsorgung Halt. Neben Wein-, Bier- und Süssgetränkeflaschen habe ich auch die Einzelteile eines kaputten Trinkglases dabei. Da es transparent ist, geht’s ins Loch der Tonne mit der Aufschrift «Weissglas».

Das dachte ich zumindest. Bis Vetroswiss, die für die Erhebung der vorgezogenen Entsorgungsgebühr und die Information rund ums Thema Glasrecycling zuständig ist, eine Plakatkampagne lancierte. Ganz bei mir in der Nähe hing fortan dieses Plakat:

Bild: Digicom Digitale Medien AG
Bild: Digicom Digitale Medien AG

Über der Tasse stand bald mit schwarzem Edding geschrieben: «Ja, klar, das isch Keramik», über dem Bruchglas aber stand: «Hä, Glas ghört ned is Glas?» Genau meine Gedanken. Ich mache also etwas falsch, wenn ich alte Trinkgläser ins Altglas werfe und nicht in den Hausmüll.

Warum eigentlich?

Blei im Trinkglas

Als erstes frage ich bei Vetroswiss nach. «Verschiedene Glasarten weisen unterschiedliche Schmelzpunkte und chemische Zusammensetzungen auf. Trinkgläser beispielsweise haben einen erhöhten Bleigehalt; dieser ist aus gesundheitlichen Gründen in Getränke- und Lebensmittelverpackungen gesetzlich streng limitiert, was der Grund für eine Entsorgung im Hauskehricht oder im Bauschutt ist», erklärt mir Lukas Schenk. Markus Marchhart, Marketing Manager beim österreichischen Lebensmittelverpackungshändler Müller Glas fügt an: «Die unterschiedliche Zusammensetzung würde die Qualität in der Schmelzwanne beeinflussen.»

Jetzt fragst du dich vielleicht, ob Blei nicht auch in Trinkgläsern gesundheitsschädlich ist. Nein, solange du nicht vorhast, Wein über Monate darin zu lagern. Das Schwermetall ist schwer löslich gebunden, sodass es bei normaler Konsumation kein Problem darstellt. Bei längerer Lagerung von säurehaltigen Getränken wie Wein hingegen kann sich das Blei herauslösen. Deshalb ist die Zusammensetzung dort streng reguliert.

Trinkglas ist aber nicht gleich Trinkglas. Kalk-Natron-Gläser, die typische Massenware, enthalten kein Blei und könnten daher im Altglas-Container entsorgt werden. Bleikristallgläser, also zum Beispiel hochwertige Weingläser – die durch das Schwermetall bruchsicherer werden und einen schöneren Klang sowie Glanz erhalten – hingegen nicht. Leider ist der Unterschied für uns Laien nicht klar auszumachen, sodass gar nichts in die Tonne darf.

Gut, mir ist nun klar, warum Verpackungs- und Trinkglas nicht zusammen entsorgt werden kann. Aber warum werden an den Sammelstellen nicht einfach auch Tonnen für Trinkgläser bereitgestellt? Im Bundesgesetz über den Umweltschutz heisst es doch: «Die Erzeugung von Abfällen soll soweit möglich vermieden werden.» Gleich danach folgt: «Abfälle müssen soweit möglich verwertet werden.»

Trinkglas stört (fast) überall

Philipp Suter, Mandatsleiter bei Vetroswiss, klärt auf, weshalb es bei Trinkglas eben (bisher) nicht möglich ist. «Neben den bekannten Rohstoffen ist die Detailrezeptur der Gläser ein streng gehütetes Geheimnis der Hersteller.» Da sich eine unterschiedliche Zusammensetzung, wie bereits erwähnt, auf die Qualität in der Schmelzwanne auswirkt, würde sich das auch auf die eigene Rezeptur und somit die Qualität der Gläser auswirken. Deshalb landet dein zersplittertes Lieblingsglas über den Siedlungsabfall in der Kehrichtverbrennungsanlage.

Aber auch in der KVA stört das Glas. «Glas hat einen Schmelzpunkt von rund 1600 Grad, KVAs arbeiten bei 700 bis 1000 Grad. Anstatt ganz flüssig zu werden, verklumpt das Glas und bleibt in der Wanne zurück. Die Kehrichtschlacke muss schliesslich deponiert werden, was sinnlos und teuer ist», sagt Suter.

Vielleicht würde in der Stadt Zürich eine explizite Auflistung von Trinkglas unter «Das nicht!» helfen, damit keine Weingläser im Container landen.
Vielleicht würde in der Stadt Zürich eine explizite Auflistung von Trinkglas unter «Das nicht!» helfen, damit keine Weingläser im Container landen.

Wohin also mit dem Trinkglas? Am ehesten könnte der Stoff in der Baubranche verwertet werden. «Theoretisch wäre es vorstellbar, Glas als Bestandteil von Recyclingbeton zu verwenden. Allerdings nur fein gemahlen. Grössere Partikel, im Bereich von wenigen Millimetern, würden im alkalischen Milieu des Beton (pH-Wert von 13) in der sogenannten Alkali-Kieselsäurereaktion angegriffen, was zu einer Ausdehnung und schliesslich Rissen und Abplatzungen führen würde», sagt Dr. Frank Winnefeld, Experte für Beton und Zement bei der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa). Aber auch fein gemahlen gibt es Hindernisse für den Einsatz von Glas. «Die Verordnung über die Vermeidung und Entsorgung von Abfällen enthält Grenzwerte für Schadstoffe, darunter auch Blei, die nicht überschritten werden dürfen.» Deshalb beschränke man sich bislang vor allem auf rezyklierte Gesteinskörnungen aus Mauerwerk- oder Betonbauwerkabbruch.

Beim Thema Trinkglas-Recycling vermutet Marchart von Müller Glas noch einen zweiten, eher ökonomischen Grund, «Wir als österreichisches Verpackungsunternehmen liefern für jede verkaufte Verpackung eine Lizenzgebühr an die Allstoffrecycling Austria (ARA) ab. Mit den Gebühren organisiert die ARA Entsorgung, Recycling und Abgabestellen. Das betrifft im Grundsatz nur Einwegverpackungen. Für Trinkgläser fallen keine ARA-Gebühren an.»

Auch in der Schweiz gibt es diese Gebühren, es ist die eingangs erwähnte vorgezogene Entsorgungsgebühr (VEG), die von Vetroswiss erhoben werden. Und auch hier fallen nur Glasflaschenverpackungen mit mindestens 90 Milliliter Füllvolumen, nicht aber Trinkgläser darunter. Die Andeutung Marcharts, dass Trinkglas nicht rezykliert wird, da nicht dafür bezahlt wird, bekräftigt Suter von Vetroswiss nicht. Trinkglas werde wegen des allfälligen Bleigehalts nicht recycelt, weshalb seine Entsorgung nicht über die VEG, sondern über die Siedlungsmüllgebühren (Abfallmarken, Sackgebühren) finanziert werde. Alles gemäss dem Verursacherprinzip. Wer Abfall produziert, soll auch für seine Entsorgung zahlen.

Was aber dem Verursacherprinzip widerspricht: Marmeladen- oder Gurkengläser, aber auch Ölflaschen sind von der vorgezogenen Entsorgungsgebühr ausgenommen, werden aber dennoch im Altglas entsorgt und rezykliert. Das heisst: Weniger VEG und damit weniger finanzieller Beitrag an die Kosten der Altglassammlung.

Fazit

Heisst im Klartext: Eine gute Lösung für die Entsorgung oder Verwertung von Trinkglas gibt es noch nicht. Verpackungs- und Trinkglas kann wegen des unterschiedlichen Bleigehalts nicht miteinander entsorgt werden. Der Bleigehalt ist aber auch in jedem Trinkglas wieder anders und ein streng gehütetes Geheimnis der Produzenten. Deshalb eignen sich Trinkgläser auch nicht für gesondertes Glasrecycling. Sie könnten zwar fein gemahlen für Recyclingbeton in der Bauindustrie verwendet werden, aber die Alkali-Kieselsäurereaktion und Schadstoffgrenzwerte für Fremdmaterialien machen das Unterfangen kompliziert. Hinzu kommt, dass die Menge an entsorgten Trinkgläsern relativ gering ist, sodass sich eine Lösung des Problems wirtschaftlich nicht aufdrängt.

Glas wird in der Schweiz übrigens seit Mitte der 1970er-Jahre recycelt. «Bei der Glasherstellung kann bis zu 90 Prozent Altglas verwendet werden, was zu einer Energieeinsparung von 25 Prozent führt», sagt Suter. Während der Ölpreiskrise hat Vetropack, ein grosser Schweizer Hersteller von Glasverpackungen, mit dem Einsammeln von Altglas begonnen, um Geld zu sparen. Ein privates Transportunternehmen wollte ein System etablieren, in dem Altglas vor den Haustüren der Schweizer:innen abgeholt wurde. Das hat sich einerseits nicht durchgesetzt, da so nicht nach Farben getrennt wurde und aus der Mischung nur Grünglas produziert werden konnte. Andererseits aber auch nicht, weil die Leute Angst hatten, für ihr Trinkverhalten verurteilt zu werden. Deshalb entstanden 1976 die ersten öffentlich zugänglichen Container, damit alle ihre Wein- und Bierflaschen anonym und farblich getrennt entsorgen konnten.

So wie auch ich das 45 Jahre später an dem sonnigen Dienstag im letzten Herbst tat, an dem ich das letzte Mal fälschlicherweise Trinkglas ins Altglas geworfen habe.

Warum eigentlich bleibt der Zeiger der Bahnhofsuhr kurz stehen? Warum gibt’s im Kino Popcorn? Und warum darf Trinkglas nicht ins Altglas? Der Alltag hält viele Rätsel bereit, die ich in unregelmässigen Abständen zu lösen versuche. Hast auch du eine brennende Frage, aber keine Zeit zum Recherchieren, dann schick sie mir per Mail. Ich mache die Drecksarbeit gerne.

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Meinen Horizont erweitern: So einfach lässt sich mein Leben zusammenfassen. Ich liebe es, neue Menschen, Gedanken und Lebenswelten kennenzulernen,. Journalistische Abenteuer lauern überall; ob beim Reisen, Lesen, Kochen, Filme schauen oder Heimwerken.


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