Warum die Schnurrhaare für deine Katze lebenswichtig sind
Hintergrund

Warum die Schnurrhaare für deine Katze lebenswichtig sind

Patrick Vogt
31.1.2024

Hast du schon mal eine Katze ohne Schnurrbart gesehen? Wohl kaum, und das hat seinen Grund. An uns Menschen mag der Schnauz ein Hin- oder Weggucker sein, für die Katze ist er lebenswichtig.

«Papi, was ist das?», fragte meine Tochter neulich und streckte mir ein weisses Haar entgegen, das sie am Boden gefunden hatte. Eines meiner grauen Barthaare konnte es nicht sein, dafür war es viel zu lang, dick und borstig. Da hatte wohl eine unserer vier Katzen ein Schnurrhaar verloren.

Schnurrhaare, auch Vibrissen genannt, sind bei vielen Säugetieren verbreitet und haben verschiedene Funktionen. Sie helfen dem Tier unter anderem dabei, sich besser zu orientieren und die Umgebung zu erkunden. Schnurrhaare haben eine tiefe Verankerung in den Tastkörpern (Vibrissenfollikeln) und sind von Nervenenden umgeben, die mit den Nervenzellen verbunden sind. Sie sind also quasi die Antennen des Nervensystems und reagieren dementsprechend äusserst empfindlich auf Berührungen und Vibrationen. Vibrissen sind nicht nur auf den Gesichtsbereich beschränkt, sie können auch in anderen Körperregionen vorkommen, bei der Katze beispielsweise im Bereich der Vorderpfoten.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es Glück und Reichtum bringen soll, wenn man ein ausgefallenes Schnurrhaar der Katze aufbewahrt und bei sich trägt. Das ist natürlich Aberglaube. Alles andere als ein Hirngespinst sind dafür diese fünf Fakten.

1. Das Navigationsgerät

Die Schnurrhaare dienen nicht einfach nur der Ästhetik. Vielmehr sind es hochentwickelte und berührungsempfindliche Tastorgane, die passgenau abgestimmt sind. Gerade die Schnurrbarthaare sind in aller Regel genau so lang, wie die Katze breit ist. So weiss sie beispielsweise immer, ob sie durch eine Verengung passt. Zudem nehmen die Schnurrhaare auch das laueste Lüftchen wahr, was ihr unter anderem bei der Suche nach Beute hilft. Erst das macht die Katze zur erfolgreichen Jägerin, die sich zielsicher, anmutig und blitzschnell bewegt.

Die Schnurrhaare verleihen der Katze quasi Superkräfte.
Die Schnurrhaare verleihen der Katze quasi Superkräfte.
Quelle: Shutterstock / AutoSimon18

2. Das Nachtsichtgerät

Wie wertvoll die Schnurrhaare sind, zeigt sich besonders zu später Stunde. Sie spielen die entscheidende Rolle bei der nächtlichen Navigation, selbst wenn Katzen dafür bekannt sind, auch bei schwachem Licht zu sehen. Mithilfe der Schnurrhaare als eine Art «drittes Auge» kann die Katze ihre Umgebung räumlich wahrnehmen, auch wenn es dunkel ist. Bewegt sie sich in einem Raum, streifen die Schnurrhaare Wände, Möbel und weitere Gegenstände. Und das vermittelt der Katze ein genaues Bild ihrer Umgebung.

3. Der Schutzschild

Die Schnurrhaare an Nase und Schnauze sind nicht die einzigen am Kopf der Katze. Sie hat auch welche an den Wangen, am Kinn, an der Oberlippe und über den Augen. Letztere fungieren als Schutzmechanismus, um einer Verletzung der empfindlichen Katzenaugen möglichst vorzubeugen. Sie vermitteln der Katze, ob sich etwas vor oder nah an ihrem Gesicht befindet. Berühren die Schnurrhaare etwas, löst das einen Reflex aus und die Katze schliesst ihre Augen.

Auch unsere Belle trägt einen Prachtsschnauzer spazieren.
Auch unsere Belle trägt einen Prachtsschnauzer spazieren.
Quelle: Sofia Vogt

4. Das Stimmungsbarometer

Die Schnurrhaare sehen nicht nur aus wie Antennen, sie sind tatsächlich auch ein Kommunikationsmittel. An ihnen kannst du die Gemütslage deiner Katze ablesen.
Sie ist glücklich: Die Schnurrhaare deiner Katze sind nach vorne gerichtet. Die Ausnahme, welche die Regel bestätigt: Ist deine Katze aufgeregt, weil sie Beute oder eine Widersacherin entdeckt, sind die Schnurrhaare ebenfalls nach vorne gerichtet.
Sie ist ruhig und entspannt: Die Schnurrhaare deiner Katze stehen senkrecht zur Nase, also gerade zur Seite.
Sie hat Angst oder fühlt sich unwohl: Deine Katze presst die Schnurrhaare gegen die Wangen.

5. Die Superkraft

Bei den Schnurrhaaren der Katze muss ich unweigerlich an die Geschichte von Samson denken, quasi einer der biblischen Superhelden. Als Auserwählter Gottes hatte Samson übermenschliche Kräfte und galt als unbezwingbar. Bis ihm seine Geliebte Delila im Schlaf die langen Haare abschnitt, die ihm seine Stärke verliehen.

Bei den Katzen verhält es sich ähnlich: Ohne ihre Schnurrhaare wären sie nicht annähernd das, was sie ausmacht und auszeichnet. Deshalb gilt:

Komm niemals auf die Idee, deiner Katze den Schnauz abzuschneiden!

Bis die Schnurrhaare nachgewachsen sind, wird deine Katze unnötig verwirrt, verängstigt und orientierungslos sein, kurz: Es wäre Tierquälerei.

Dasselbe gilt für bestimmte Katzenrassen, die aus genetischen Gründen kaum oder keine Schnurrhaare haben. Ihnen fehlt damit ein wichtiges Sinnesorgan. Unter anderem deswegen werden Züchtungen von Nacktkatzen wie etwa der Sphynx von Tierschützerinnen und Tierschützern als Qualzucht bezeichnet. Die Organisation «Vier Pfoten» hat hier einen guten Überblick über die verschiedenen Qualzuchten bei Katzen zusammengestellt.

Ist der Schnauz gesund, freut sich die Katz.
Ist der Schnauz gesund, freut sich die Katz.
Quelle: Shutterstock / Nils Jacobi

Alles Glück der Katze

Weil sie wieder nachwachsen, müssen wir uns auch keine Gedanken wegen des Schnurrhaares machen, das unsere Tochter am Boden gefunden hat. Es ist ganz normal, dass eine Katze zwischendurch eines verliert, auch wenn man sie selten entdeckt. Als vermeintlichen Glücksbringer haben wir das Schnurrhaar dennoch nicht aufbewahrt. Dafür verstehe ich jetzt, wie es zu diesem Aberglauben kam. Etwas, das einer Katze so wertvolle Fähigkeiten verleiht, könnte sich doch auf den Menschen positiv auswirken … Hm, vielleicht suche ich doch noch im Abfall nach dem ausgefallenen Schnurrhaar.

Titelfoto: Shutterstock / fantom_rd

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Ich bin Vollblut-Papi und -Ehemann, Teilzeit-Nerd und -Hühnerbauer, Katzenbändiger und Tierliebhaber. Ich wüsste gerne alles und weiss doch nichts. Können tue ich noch viel weniger, dafür lerne ich täglich etwas Neues dazu. Was mir liegt, ist der Umgang mit Worten, gesprochen und geschrieben. Und das darf ich hier unter Beweis stellen. 


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