Wann du wirklich dein Bett machen musst

Wann du wirklich dein Bett machen musst

Pia Seidel
Zürich, am 13.01.2022

Der TikTok-Trend «That Girl» soll dich motivieren, morgens immer dein Bett zu machen und die beste Version von dir selbst zu sein. Klingt gut. Und doch hat die Sache einen Haken.

Jedes Mal schüttle ich den Kopf, wenn ich Videos mit dem Hashtag «That Girl» sehe. Darin zeigen Frauen in ihren Zwanzigern ihre Morgenroutine und was sie alles machen, um «dieses Mädchen» zu sein. Sie hat keinen Namen. Aber sie ist eine Person, die immer früh aus den Federn hüpft, einen Smoothie trinkt, bevor sie mit der ausgiebigen Skin-Care-Routine und dem Sportprogramm beginnt. Und auch eine, die ihr Bett gleich nach dem Aufwachen macht. Für mich ein No-Go.

Der That-Girl-Trend ist kaum ein Jahr alt, aber er boomt zum Jahreswechsel, weil er Neujahrsvorsätzen gleicht.
Der That-Girl-Trend ist kaum ein Jahr alt, aber er boomt zum Jahreswechsel, weil er Neujahrsvorsätzen gleicht.
Quelle: TikTok.

Ich war auch mal dieses Mädchen. Kaum die Augen auf, breitete ich schon die Decke aus, schüttelte die Kissen wie Frau Holle und drapierte die Tagesdecke. Doch obwohl ich grossen Wert auf Ordnung und meine Einrichtung lege, bleibt mein Bett heute ungemacht. Ich bin Anfang dreissig und habe dazugelernt.

Warum ein nicht gemachtes Nest besser ist

Als ich regelmässig mit Schnupfnase aufwachte, fand ich heraus, dass diese durch Milben verursacht wird. Die Tiere selbst sind unbedenklich, aber ihr Kot verursacht bei vielen Menschen eine Hausstauballergie, die sich in Symptomen wie Schnupfen oder Schnarchen äussert. Sie lieben Feuchtgebiete wie den Raum zwischen Duvet und Daunendecke.

Bei mir bleibt die Tagesdecke aufgeschlagen.
Bei mir bleibt die Tagesdecke aufgeschlagen.

Eine Person gibt pro Nacht bis zu einem Liter Feuchtigkeit ab. Diese wird zwischen Decke und Kissen sowie in der Matratze gespeichert, wenn die Tagesdecke direkt zugeschlagen wird. Mit meinem gemachten Bett habe ich also die ganze Zeit ein regelrechtes Paradies für die Tierchen geschaffen. Obwohl ich mich anfangs sträubte, habe ich mich mittlerweile ans unordentliche Schlafzimmer gewöhnt. Beim Ansehen der That-Girl-TikToks frage ich mich jedoch, ob ich etwas übersehe. Warum finden die TikTokerinnen es ist besser, das Bett direkt zu machen?

Bettenmacher:innen sollen produktiver und glücklicher sein

Von Fitnesstrainerin Sami Clarke und Food-Bloggerin Katelynn Nolan bis hin zu den Wellness-Bloggerinnen Emma Godfrey und Kaylie Stewart – alle Lifestyle-Gurus sind auf TikTok oder YouTube dabei. Dabei sind die Videos zwar ästhetisch, aber sehen irgendwie alle gleich aus: Diese Frauen haben ihre Wohnungen in Grau- und Erdtönen eingerichtet. Sie trinken giftgrüne Getränke, tragen pastellfarbene Activewear von derselben Luxusmarke und geben alle dieselben Tipps.

Die Farbe Grün ist ein sich wiederholendes Stilelement.
Die Farbe Grün ist ein sich wiederholendes Stilelement.
Quelle: TikTok.

Diese Frauen scheinen zu glauben, dass es sich positiv auf den Tag auswirkt, wenn sie ihr Bett machen. Eine Umfrage von der Firma Hunch erklärt vielleicht, weshalb. Von 68 000 befragten Menschen gaben 71 Prozent der Betten:macherinnen an, sich glücklich zu schätzen. Hingegen räumten 62 Prozent der Nicht-Bettmacher:innen ein, unglücklich zu sein. Das gute Gefühl, nachdem eine Aufgabe erledigt ist, soll ein Grund dafür sein.

Wenn die TikTokerinnen auf ein schönes Bett blicken, soll den Ergebnissen zufolge auch die Wahrscheinlichkeit steigen, dass sie die folgenden Gewohnheiten einhält. Ist der erste vergleichsweise kleine Schritt erstmal gemacht, fallen die nächsten schon leichter. Doch was der Produktivität guttut, gilt nicht automatisch für die Gesundheit. Dabei gäbe es etwas, dass diese Frauen in ihre Routine integrieren könnten, um beides in Einklang zu bringen.

Wann du dein Bett machen solltest

Ob Hausstauballergie oder nicht – ich will so lange wie möglich ein frisch riechendes Bett. Daher lautet meine Millennial-Routine: Stosslüften. Die Decke nur gut aufschütteln und bis zur Hälfte zurückschlagen, Kissen aufrichten und das Fenster weit öffnen. Kühle Luft tötet Milben und Gerüche. Manchmal schmeiss ich die Bettdecke übers Fensterbrett oder über die Türe, um den Prozess zu beschleunigen. Das wäre theoretisch auch ein tolles Bild fürs That-Girl-Video.

Timing ist alles: Nach dem Stosslüften können Dekokissen und Co. Platz nehmen.
Timing ist alles: Nach dem Stosslüften können Dekokissen und Co. Platz nehmen.
Quelle: TikTok.

Wen es dann noch stört, der kann nach dem Stosslüften das Nest aufhübschen. Da ich gerade im Homeoffice bin, mache ich das ab und zu, wenn Besuch da ist.

Was du dennoch von diesem Mädchen abgucken kannst

Die Idee hinter «That Girl», alltägliche Dinge im Leben zu romantisieren, ist gut gemeint. Nur ist die Ausführung so toxisch wie das Giftgrün der Smoothies. Nicht nur, weil das Bett zum falschen Zeitpunkt gemacht wird. That Girl macht vor, dass es keine Ausnahmen geben darf. Du sollst jeden Tag gleich starten und schon morgens auf Zack sein. Manchmal tut deinem Körper jedoch genau das Gegenteil gut. Ausserdem richtet sich der Trend aktuell nur an eine ganz bestimmte (Alters-)Gruppe, die das Geld und Privileg hat, das morgendliche Ritual mit allen That-Girl-Aktivitäten so ausgiebig zu gestalten. Das Bett machen mag schnell gehen, aber die wenigsten haben Zeit, Tagebuch zu schreiben und sich sportlich zu betätigen. Keines dieser Mädchen scheint früh pendeln oder Kinder zur Kita bringen zu müssen.

Ein langer Morgen...
Ein langer Morgen...

Dennoch sind die TikToks eine schöne Art, den Mut zur Veränderung zu dokumentieren. Du musst es weder filmen noch ästhetisieren. Ändere deine bisherige Morgenroutine, wenn dich daran etwas stört. Nichts geht über einen guten Start in den Tag – mit oder ohne gemachtem Bett.

Umfrage

Wann machst du dein Bett?

  • Direkt nach dem Aufstehen
    14%
  • Nach dem Stosslüften
    34%
  • Gar nicht
    50%

Der Wettbewerb ist inzwischen beendet.

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Pia Seidel
Pia Seidel

Senior Editor, Zürich

Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben: entweder so, als wäre nichts ein Wunder, oder so, als wäre alles ein Wunder. Ich glaube an Letzteres. – Albert Einstein

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